05. Februar 2021 / 07:16 Uhr

Was macht RB Leipzigs Keeper Gulacsi eigentlich das ganze Spiel über?

Was macht RB Leipzigs Keeper Gulacsi eigentlich das ganze Spiel über?

Antje Henselin-Rudolph / Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Sind ein erfolgreiches Duo: Keeper Peter Gulacsi und RB Leipzigs Torwarttrainer Frederik Gößling.
Sind ein erfolgreiches Duo: Keeper Peter Gulacsi und RB Leipzigs Torwarttrainer Frederik Gößling. © imago images / Passion2Press
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Gibt es ihn wirklich, den langweiligen Nachmittag für einen Bundesliga-Torhüter, Dienst nach Vorschrift quasi? Frederik Gößling kennt die Antwort auf diese Frage. Seit mehr als fünf Jahren trainiert der Ex-Profi die Keeper von RB Leipzig. Auch dank ihm entwickelte sich Peter Gulacsi zu einem der Besten seiner Zunft in Europa. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Gößling natürlich über seinen Schützling und räumt nebenbei mit einem großen Irrtum auf.

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Leipzig. Peter Gulacsi, Philipp Tschauner und Josep Martinez bilden das Torhüter-Trio von RB Leipzig. Bis Dienstag war es sogar ein Quartett. Aber Youngster Tim Schreiber wechselte leihweise zum Halleschen FC. Frederik Gößling kennt jeden der Keeper bestens. Seit 2015 ist er der Torwarttrainer der Messestädter. Mit dem Metier kennt sich der 43-Jährige bestens aus, stand bis 2010 selbst zwischen den Pfosten. Wir haben mit ihm über Irrtümer, Entwicklungen und Kopfarbeit auf der wohl exponiertesten Position auf dem Fußballplatz gesprochen. Und natürlich gefragt, wo sich Leipzigs Nummer eines Gulacsi noch verbessern kann.

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SPORTBUZZER: Es heißt oft: "Alle Torhüter haben eine Macke." Wie sehen Sie das?

Frederik Gößling: Ich glaube, ein Schuss Verrücktheit schadet zumindest nicht. Es gibt viele Aktionen, in denen man Mut, eine gewisse Kompromisslosigkeit braucht, um sie gut zu lösen. So lange das Ganze trotzdem berechenbar und vor allen Dingen verlässlich für die eigene Mannschaft bleibt, ist das schon in Ordnung.



Sie standen in Ihrer aktiven Zeit selbst zwischen den Pfosten… Was war Ihre kleine Macke?

Das können Ihnen wahrscheinlich meine ehemaligen Mitspieler besser beantworten.. Bestimmt gab es welche...

Und irgendein Ritual? Das ist ja unter Fußballern nicht unüblich…

In Sachen Torwarthandschuhe hat jeder Keeper irgendwie seine Macken. Die Einen brauchen sie nass, die Anderen brauchen sie erst nass und dann getrocknet. Manche brauchen eine Salbe, die dann in die Handschuhe einzieht und ziehen erst den rechten, dann den linken an. Mit den Handschuhen hat eigentlich jeder irgendetwas. Als Kind habe ich meine ersten Handschuhe mehrmals nachts im Bett getragen. Das ist dann wahrscheinlich schon eine Macke (lacht).

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Veränderungen im Torwartspiel der vergangenen zehn Jahre?

Das Tempo, das nochmal zugenommen hat. Das Torwartbild geht ein bisschen weg von dem großen, kräftigen, bulligen Torwart. Oliver Kahn war beispielsweise allein dadurch schon furchteinflößend in Eins-gegen-Eins-Situationen. Heute sind vor allem Torhüter gefragt, die sehr beweglich und schnell auf den Füßen sind und dadurch gut in eine neue Position kommen, weil einfach das Spieltempo zugenommen hat. Dazu ist alles etwas sachlicher geworden. Es gibt nicht mehr solche Paradiesvögel, die sehr intuitiv und wild spielen. Das Ganze braucht eine gewisse Beständigkeit, weil es um immer mehr geht. Ein Torwart muss klare Entscheidungen treffen, konstant spielen und keine wilden Dinge machen. Es kann natürlich auch mal eine spektakuläre Aktion dabei sein, aber nicht auf Kosten der Verlässlichkeit.

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Könnte ein Torwart heute eigentlich auch problemlos im Feld spielen?

Auf Top-Level denke ich nicht, dass sich das so einfach umdrehen lässt. Unsere Feldspieler trainieren jeden Tag in komplexen Trainingsformen, die der Torwart natürlich so nicht erlebt. Er steht nicht auf der Sechs oder auf der Zehn und hat noch Spieler hinter sich. Er kennt eben die andere Perspektive: Das Feld und alle Spieler sind vor ihm. Er macht auch darauf bezogen sein tägliches Training. Ich glaube nicht, dass man einfach mit dem Finger schnippen und einen Torwart ins zentrale Mittelfeld stellen kann. Aber ein fußballerisch starker Torwart in einer etwas tieferen Liga – das geht.

Welche Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft?

Ich denke, dass es noch mehr darum gehen wird, sehr gute, schnelle, richtige Entscheidungen zu treffen. Darauf ist auch das Training aufgebaut. Wir bei RB Leipzig haben in unserer typischen Spielweise eine hohe Abwehrkette und viel Raum zwischen ihr und dem Torwart. Es wird immer mehr nach vorne verteidigt. Und der Torwart ist immer mehr gefordert auch diesen Raum abzudecken, auch mal Bälle weit vor dem Sechzehner zu klären. Idealerweise Situationen zu entschärfen, bevor sie überhaupt gefährlich werden. Das mag manchmal unspektakulär sein, ist aber trotzdem sehr wertvoll. Ich denke, dass diese Entwicklung auch in die Richtung weitergeht. Das Spiel wird wahrscheinlich nochmal einen Tick schneller werden, und es wird immer mehr drauf ankommen, gute Positionen zu haben, gut zu antizipieren, das Spiel zu lesen und vorauszudenken. Und dann eben schnell eine richtige Entscheidung zu treffen.

Voller Einsatz im Training: Coach Frederik Gößling und Nachwuchstalent Tim Schreiber. Der wurde inzwischen an den Halleschen FC verliehen, soll dort Spielpraxis sammeln.
Voller Einsatz im Training: Coach Frederik Gößling und Nachwuchstalent Tim Schreiber. Der wurde inzwischen an den Halleschen FC verliehen, soll dort Spielpraxis sammeln. © Picture Point

Torwartfehler werden dennoch weiter eine Rolle spielen.

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Die Fehler passieren noch, haben aber auf diesem Niveau wenig damit zu tun, dass permanent Bälle durch die Hände flutschen, weil einer keine Technik hat. Wenn, dann sind es meistens Entscheidungsfehler. Man kommt zum Beispiel zu einer Flanke raus, wenn man besser im Tor geblieben wäre, oder umgekehrt.

Torhüter wirken, je nach Gegner, oft unterbeschäftigt.

Diese vier, fünf Schüsse auf's Tor im Schnitt können nach außen den Eindruck erwecken, dass dem Torwart zwischendurch auch mal langweilig wird. Schaut man sich die Statistiken aber an, sieht man, dass die Torhüter so um die fünf bis sechs Kilometer im Spiel laufen und etwa 40 Ballkontakte haben. Je nach Intensität des Spiels und nach Stärke des Gegners treffen sie bis zu 50 Entscheidungen. Vieles ist Kopfarbeit, das Voraus- und das Mitdenken. Den gerne beschriebenen geruhsamen Nachmittag gibt es selten bis nie.

Wie lassen sich diese Entscheidungen trainieren?

Was das Training betrifft, sollte ein Torhüter einen klaren Plan für jede Spielsituation haben, so wie jeder andere Spieler auch. Wenn der rechte Außenverteidiger mit Ball unter Druck gerät, sollte sich der Torwart seitlich des Tores anbieten, damit der Verteidiger ihn anspielen kann. Seine Position ist also nicht mehr im Tor. Oder wenn die eigene Mannschaft im Strafraum des Gegners und im Ballbesitz ist, sollte der Torwart 30, manchmal 40 Meter vor dem Tor stehen, damit er sich auf eine mögliche Kontersituation vorbereiten kann. Ein Torhüter muss also die unterschiedlichsten Positionen einnehmen und auch den Matchplan verfolgen, der für das Spiel entwickelt wurde. Da gibt es klare Verhaltensweisen, Muster, Prinzipien. Die halten einen Torwart gedanklich auf Trab, auch wenn das nach außen niemand mitbekommt.

Beim Aufwärmen immer dabei: Frederik Gößling mit Peter Gulacsi (l.) und Philipp Tschauner (r.) vor der Partie gegen Istanbul Basaksehir im Oktober 2020.
Beim Aufwärmen immer dabei: Frederik Gößling mit Peter Gulacsi (l.) und Philipp Tschauner (r.) vor der Partie gegen Istanbul Basaksehir im Oktober 2020. © imago images / Picture Point

Haben Sie ein konkretes Beispiel für uns?

Ja. Wenn eine scharfe Flanke aus dem Halbfeld geschlagen wird, etwa aus einer Distanz von 40 Metern zum Tor, und der Torwart fängt sie relativ locker am Elfmeterpunkt ab. Das schafft er nur, wenn er schon eine Startposition außerhalb des Fünf-Meter-Raums hatte. Das heißt, er muss eigentlich schon sechs Meter vorm Tor stehen, sonst wird es knapp. Die Flanke ist nicht so lange unterwegs, er muss dann noch sechs Meter sprinten, damit er sie locker abfängt. Das Ganze würde wahrscheinlich nicht funktionieren, wenn er von der Torlinie starten würde – oder wenn, dann mit Ach und Krach – mit einer spektakulären Flugeinlage und Faustabwehr.

Also hat Peter Gulacsi klare Handlungsanweisungen?

Die eigentliche Aktion, in der er am Ende den Ball berührt, mag manchmal locker aussehen, aber auch nur deshalb, weil er sie gut vorbereitet hat, weil er eine gute Startposition vor dem Tor hatte. Das sind klare Verhaltensmuster, die er trainiert, in Videos anschaut, die vielleicht auch konkret auf Gegner bezogen sein können. Für mich ist ein intelligentes Torwartspiel, Sachen im Ansatz zu erkennen, Situationen zu lösen, bevor sie gefährlich werden.

Haben Sie bei den Torhütern auch das Problem, dass Sie in Englischen Wochen schwieriger Inhalte vermitteln können?

Was die Nummer 1 betrifft, also den Torhüter, der dann die drei Spiele absolviert, trifft das zu. Da müssen wir aufpassen. Den können wir rund um die Spieltage nicht ganz so intensiv belasten. Aber mit den anderen, die nicht spielen, können und müssen wir mehr machen, damit sie im Rhythmus bleiben.

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Wo sehen Sie bei Peter Gulacsi Verbesserungsbedarf?

Peter Gulacsi ist ein sehr leistungsorientierter und ehrgeiziger Mensch. Das wird sicherlich auch bis zum Ende seiner Karriere so bleiben. Trotzdem finden wir – zum Glück – gemeinsam immer wieder kleine Details, an denen wir arbeiten wollen und können, um noch einen Schritt zu gehen. Auch wenn große Schritte irgendwann kaum mehr möglich sind oder immer schwieriger werden. Das hört auch nie auf. Dinge wie unser Spielaufbau, der sich verändert hat, seitdem Julian Nagelsmann da ist, der deutlich anspruchsvoller auch für die Torhüter geworden ist. Abstimmung, Zusammenarbeit mit den Vorderleuten – das sind Bereiche, in denen man nie fertig ist.

Könnte Peter Gulacsi problemlos bei jedem europäischen Spitzenverein ins Tor?

Er stand letzte Saison mit uns im Halbfinale der Champions League, hat internationales Topniveau.

Sie haben Josep Martinez seit Sommer im Team. Wie groß ist der Schritt, den er noch gehen muss?

Der Transfer aus der zweiten Liga in Spanien hierher, nicht nur zu einem Erstligisten, sondern auch noch zu einem Erstligisten, der international spielt, war schon ein sehr großer Schritt. Ich glaube, dass er viel mitbringt, was einen modernen Torwart ausmacht. Er versteht das Spiel sehr gut, bringt gute körperliche Voraussetzungen mit, ist sehr beweglich und schnell. Er passt mit seiner offensiven Spielweise sehr gut zu dem Fußball, den wir hier spielen. Für ihn geht es jetzt darum, in der nächsten Zeit zum besten Josep zu werden, der er werden kann, um sich dann auf den Tag X vorzubereiten und bestmöglich zu performen, wenn er zum Einsatz kommt.