02. April 2020 / 18:10 Uhr

Corona in Weißrussland: Ball und Rubel rollen

Corona in Weißrussland: Ball und Rubel rollen

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
Gut besuchte Tribünen in Zhodino: Trotz der Corona-Krise füllen sich die Ränge in weißrussischen Fußballstadien und Sportstätten.
Gut besuchte Tribünen in Zhodino: Trotz der Corona-Krise füllen sich die Ränge in weißrussischen Fußballstadien und Sportstätten. © dpa-Bildfunk
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Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko möchte das öffentliche Leben nicht runterfahren und so wird auch weiter Fußball gespielt. Der Wahl-Leipziger Andrei Jeltko ist besorgt über die Entwicklung in seinem Heimatland.

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Leipzig. Am Freitag um 16 Uhr wird das Kellerduell des dritten Spieltags angepfiffen. Aufsteiger Belshina Bobruisk empfängt den FK Gorodeya, die beiden weißrussischen Fußballerstligisten sind mit je zwei Niederlagen in die Saison gestartet, belegen die beiden letzten Tabellenplätze und wollen einen endgültigen Fehlstart verhindern. Fußballfans aller Welt lechzen nach dem Elf gegen Elf und gucken daher nun vermehrt nach Weißrussland, wo trotz Corona weiter gekickt wird. Als einziges europäisches Land hat Belarus den Ligabetrieb nicht ausgesetzt, auch Zuschauer*innen dürfen ins Stadion. Die Wetten sind dadurch um 60 Prozent gestiegen, zehn TV-Verträge mit Sendern aus beispielsweise Russland oder Indien wurden vergangenes Wochenende abgeschlossen. „Die ganze Welt schaut auf die belarussische Meisterschaft. Dies ist die beste Werbung für unsere Liga“, wird der ehemalige Nationaltrainer Anatoli Baidatschni zitiert.

„Er würde Tote in Kauf nehmen“

Der Rubel rollt und das freut Alexander Lukaschenko. Der Präsident, der schon als „Der letzte Diktator Europas“ beschrieben wurde, möchte nicht auf die „Corona-Psychose“ reinfallen, wie er sie nennt. Wodka, Traktoren und Saunagänge würden gegen das Virus helfen, scherzte der seit 1994 regierende Lukaschenko.

Lustig findet Andrei Jeltko die ganze Sache nicht. Der Weißrusse lebt seit 25 Jahren in Leipzig und verfolgt besorgt die Geschehnisse in seinem Heimatland. „Natürlich mache ich mir Sorgen. Meine Mutter ist 70 und lebt mit meiner ganzen Verwandtschaft in Minsk“, sagt der Diplom-Kaufmann. „Als Rentnerin liest sie nicht im Internet, sondern schaut Fernsehen oder hört Radio – das ist einfacher. Und so wird sie nicht gewarnt, geht weiterhin auf den Markt oder fährt U-Bahn“, so Jeltko, der erläutert, dass die Medien im östlichen Nachbarland Polens gleichgeschaltet sind. „Es ist unvorstellbar. Man hat dieses Land einem Diktator überlassen, der bereits mehrere politische Gegner hat verschwinden lassen. Er besitzt unendliche Macht“, berichtet der 48-jährige Familienvater. Der mächtigste Mann Weißrusslands wolle wirtschaftlichen Schaden verhindern, vermutet er. Durch die Ölkrise ist die Finanzierung seitens des großen Förderers Russlands bereits runtergeschraubt worden, zudem stehen die Präsidentschaftswahlen im Frühherbst an. Die Hypothese des Wahl-Leipzigers: „Er würde Tote in Kauf nehmen, da sie ihm weniger wert sind als wirtschaftliches Gleichgewicht.“

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Lukaschenko spielt Eishockey

Und so wird munter weitergespielt in der Vysheyshaya Liga, in der die aus den europäischen Klubwettbewerben bekannten Bate Borrisow und Dinamo Minsk starten. Dass Funktionäre oder Spieler die Partien boykottieren könnten, kann sich Jeltko nicht vorstellen. „Egal was passiert, Funktionäre haben Angst und wollen überleben. Und was sollen die armen Spieler machen? Sie wissen von Corona, aber dann werden sie halt am nächsten Tag entlassen.“ Dass der fast zehn Millionen Einwohner*innen starke Staat der Willkür eines Menschen ausgesetzt sei, ist am Beispiel der Sportförderung zu erkennen. Wegen eines kaputten Knies werde nun Eishockey vermehrt gefördert. „Dort wird jetzt sehr viel Geld investiert. Lukaschenko kann kein Fußball mehr spielen wegen einer Knieverletzung, seitdem ist er beim Eishockey“, erzählt Jeltko.

Lukaschenkos Hoffnung, das Virus eindämmen zu können, ist jedoch nicht komplett abwegig. Weißrussland sei auf etwaige Krisensituationen vorbereitet, berichtet Vityanis Andryukaitis, Sonderbeauftragter der Weltgesundheitsorganisation für die Länder der europäischen Union und der ehemaligen UdSSR. Auch Jeltko weiß: „Die frühere Sowjetunion hat sich immer auf einen Krieg vorbereitet und daher das Gesundheitssystem auf Ausnahmesituationen ausgerichtet.“ Außerdem seien über 90 Prozent der Bevölkerung gegen die Grippe geimpft, so können Corona-Infizierte leichter ausgemacht werden. Und der Verkehr von Ausländern und Touristen ist nicht sehr stark, sagt Andryukaitis.

Auch wenn sich Belarus' Präsident Alexander Lukaschenko wenig um das Coronavirus schert: Vor den Stadien finden Temperaturmessungen bei Zuschauern statt. Einzelne Vereine appellieren an ältere Fans zu Hause zu bleiben und im Stadion mindestens einen Sitz Abstand zu halten.
Auch wenn sich Belarus' Präsident Alexander Lukaschenko wenig um das Coronavirus schert: Vor den Stadien finden Temperaturmessungen bei Zuschauern statt. Einzelne Vereine appellieren an ältere Fans zu Hause zu bleiben und im Stadion mindestens einen Sitz Abstand zu halten. © dpa-Bildfunk

Fanboykott in Grodno und Soligorsk

Glaubt man den offiziellen Zahlen, sind 163 Personen in Weißrussland infiziert, zwei Todesfälle hat es gegeben. Doch das sei mit Vorsicht zu genießen. „Lukaschenko geht davon aus, dass er die Macht hat, diese Zahlen zu beeinflussen. Er ist der Beste im Zahlenmanipulieren“, bedauert Jeltko im Hinblick auf geschobene Wahlen in der Vergangenheit. „Aber dieses Mal ist es kein Wahlzettel“, überlegt er und prognostiziert: „Wenn Menschen sterben, wird das bekannt. Dann wird der Unmut Wellen schlagen.“ Tatsächlich ruft die Opposition bereits auf, auf eigene Faust in Quarantäne zu gehen, erste Cafes oder private Kinos haben geschlossen. „Der Druck kommt von unten“, so Jeltko.

Auch im Fußball. Die Fanszenen der Vereine FK Neman Grodno und von FK Shaktjor Soligorsk riefen zum Fanboykott auf. Und die Verantwortlichen? Die Führung von Soligorsk empfiehlt wenigstens, dass keine Rentner, Kinder und kranke Menschen ins Stadion gehen sollen, für alle anderen gelte: „Versuchen sie, auf der Tribüne mindestens einen Platz Abstand zu halten.“ Das dürfte immerhin am Freitag bei Belschyna Betrukst möglich sein. Zum ersten Spieltag vor drei Wochen kamen 1000 Menschen, letzte Saison hatte der Klub eine Durchschnittszuschauerzahl von 759 Fans, ihre Heimstätte "Spartak" hat ein Fassungsvermögen von 3709 Plätzen.