12. Mai 2021 / 14:00 Uhr

Weitgereist und doch heimatverbunden: Andreas Bielau schaffte mit Jena den internationalen Sprung

Weitgereist und doch heimatverbunden: Andreas Bielau schaffte mit Jena den internationalen Sprung

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Andreas Bielau spielte gegen die großen Clubs wie Real Madrid, AS Rom oder Benfica Lissabon. Vom portugiesischen Rekordmeister erhielt er nicht nur das Trikot, sondern auch eine Anfrage zum Wechsel.
Andreas Bielau spielte gegen die großen Clubs wie Real Madrid, AS Rom oder Benfica Lissabon. Vom portugiesischen Rekordmeister erhielt er nicht nur das Trikot, sondern auch eine Anfrage zum Wechsel. © dpa
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Der einstige Thüringer Oberliga-Torjäger Andreas Bielau schaffte es schon zu DDR-Zeiten in die große weite Fußballwelt.

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Jena/Altenburg. Andreas Bielaus Weg in den erstklassigen Fußball war kein leichter. Trotzdem schaffte er es von Auerbach über Zwickau nach Jena, dort zum Nationalspieler und bis ins Europacup-Finale. Der am 26. August 1958 geborene Vogtländer spielte bis ins Alter von 17 Jahren bei seinem Ursprungsverein Einheit (heute: VfB) Auerbach. Parallel dazu war er aktiver Leichtathlet, sportlich vielseitig also, athletisch und schnell. „Die Balltechnik für höhere Ansprüche habe ich mir dann allerdings erst später angeeignet“, bekennt er.

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„Die Anfrage war schmeichelhaft“

Im Zwickauer Sachsenring-Werk lernte er den Beruf des Karosseriebauers – für den Trabant. Funktionäre der BSG Sachsenring sahen Bielau für die Auerbacher spielen. Umgehend wurde er vom DDR-Oberligisten verpflichtet, schaffte den Sprung ins Junioren-Oberliga-Team und avancierte sofort zum Torschützenkönig. Der Sprung in die Erstliga-Elf der Zwickauer schien greifbar, aber der Youngster wurde im November 1977 zur Armee eingezogen. Er kam nach Berlin, wo seine sportlichen Fähigkeiten erneut auffielen. So durfte er zumindest zweimal in der Woche raus aus der Kaserne nach Strausberg fahren, wo die Armee-Elf von Vorwärts Strausberg in der drittklassigen Bezirksliga Frankfurt/Oder mitkickte.

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Das Team der Kommandozentrale der Nationalen Volksarmee hatte mit dem Ex-Nationalspieler Henning Frenzel, den man trotz seiner über 70 Länderspiele für ein halbes Jahr eingezogen hatte, und mit Lutz Moldt zwei Leipziger Filigrantechniker vom 1. FC Lok in ihren Reihen. „Die wollten mich nach Leipzig locken“, erinnert sich Bielau. „Doch ich bin sehr heimatverbunden und wollte wieder nach Zwickau“, erklärt er.

Also kehrte er im Mai 1979 zur BSG Sachsenring zurück, die gerade im Oberliga-Abstiegskampf steckte. Er wurde gleich integriert und schoss im sehr wichtigen Match gegen Union Berlin zwei Tore. Das erregte Aufsehen, der auch im Altenburger Land damals schon beliebte FC Carl Zeiss Jena meldete Interesse an. „Die Anfrage war schmeichelhaft, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich mir den Wechsel zu so einem Spitzenclub noch nicht zugetraut“, erzählt Bielau. „Ein Jahr später, 1980, haben mir die Jenaer das noch mal angeboten, da habe ich angenommen. Aus sportlichen Gründen, und auch, weil es ein vierstelliges Handgeld dazu gab“, bekennt er. Die Zwickauer Funktionäre seien zwar bitterböse gewesen, konnten gegen das Interesse des Topclubs aber nichts machen.

„Desinteresse der westdeutschen Fans“

Zunächst saß Bielau in Jena meist noch auf der Wechselbank. Ausgerechnet im Europa-Pokal der Pokalsieger schaffte er den Sprung in die Stamm-Elf. Das Hinspiel der 1. Runde hatte der FC Carl Zeiss vor 80.000 Zuschauern beim AS Rom 0:3 verloren, wonach die Truppe um Trainer Hans Meyer von den meisten schon abgeschrieben wurde. Das Rückspiel am 1. Oktober schien reine Formsache. Trotzdem füllten 16.000 Zuschauer die Ränge im Ernst-Abbe-Sportfeld – und erlebten eine Sensation. Für den Stürmer wurde es eine Art Startrampe, der Torjäger traf kurz nach seiner Einwechslung zum 3:0 und schoss die Italiener drei Minuten vor Schluss ganz aus dem Wettbewerb.

Das gleiche Schicksal bereiteten die Jenaer, nun stets mit Bielau, noch dem FC Valencia, Newport County und Benfica Lissabon. Gegen die Portugiesen traf der pfeilschnelle Stürmer beim Heim-2:0 ebenfalls. Er war überrascht, als sie ihn in der Hotel-Lobby ansprachen, um ihn nach Lissabon zu holen. Doch er verwies sie – damals geradezu vorbildlich – an die Delegationsleitung seines Clubs und hatte bei allen Verlockungen nicht vor, im Westen zu bleiben. „Das kam für mich nicht in Frage“, betont der bis heute bodenständige Fußballer.

Das Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen den FC Dinamo Tiflis ging für Carl Zeiss mit 1:2 verloren. Die Spieler von Jena: Eberhard Vogel (hinten, v.l.n.r.), Jürgen Raab, <b>Andreas Bielau</b>, Rüdiger Schnuphase, Gerhard Hoppe, Hans Ulrich Grapentin und Lothar Kurbjuweit sowie Wolfgang Schilling (vorne, v.l.n.r.), Lutz Lindemann, Gerd Brauer und Andreas Krause.
Das Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen den FC Dinamo Tiflis ging für Carl Zeiss mit 1:2 verloren. Die Spieler von Jena: Eberhard Vogel (hinten, v.l.n.r.), Jürgen Raab, Andreas Bielau, Rüdiger Schnuphase, Gerhard Hoppe, Hans Ulrich Grapentin und Lothar Kurbjuweit sowie Wolfgang Schilling (vorne, v.l.n.r.), Lutz Lindemann, Gerd Brauer und Andreas Krause. © dpa

Nach der großartigen Serie stand Bielau mit seinem Team im Finale, das die Jenaer in Düsseldorf trotz Führung gegen Dynamo Tiflis 1:2 verloren. „Mindestens ebenso enttäuschend war das Desinteresse der westdeutschen Fans“, ärgert er sich noch immer etwas über die spärlichen 5000 Zuschauer im Rheinstadion. Mit Lutz Lindemann und Andreas Krause, den beiden anderen Torschützen des legendären 4:0 gegen Rom, war er vor wenigen Wochen nach Jena eingeladen worden. „Anlass war der erste Spatenstich zum Umbau des Ernst-Abbe-Sportfeldes, wir haben uns die Pläne für das Vorhaben ansehen können“, so Bielau, der sich nach wie vor freut, wenn sich die Ost-Vereine im Profifußball gut schlagen. „Und die Jenaer es vielleicht bald wieder dorthin schaffen“, ergänzt er.

Ausklang in Auerbach

Zu seiner „Sammlung“ an EC-Spielen kam 1981/82 auch ein Spiel und Tor bei Real Madrid im „Bernabeu“ hinzu. Mit dem 2:3 und einem 0:0 im Rückspiel war gegen die Spanier hier aber gleich Schluss für die den FCC. Insgesamt spielte der Ex-Auerbacher 19-mal im Europacup und markierte dabei acht Treffer. Während der Jenaer Zeit wurde Bielau auch zum Auswahlspieler. Am 19. April 1981 erlebte er beim 0:0 in Udine gegen Italien sein Debüt in der DDR-Elf. Er sollte es auf neun Länderspiele bringen, letztmals stand er am 16. Oktober 1985 in Glasgow gegen Schottland in der DDR-Mannschaft – wieder ein torloses Remis.

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Für die Jenaer lief er in der DDR-Oberliga 164-mal auf und erzielte dabei 42 Tore. Dann ging er 1987 zurück nach Zwickau. „Ich hatte dann nochmal drei schöne Jahre an der Halde im Georgi-Dimitroff-Stadion.“ Für Sachsenring kam er auf 50 Oberliga-Einsätze mit 8 Toren, insgesamt also 214 Erstliga-Partien, in denen er genau 50 Treffer erzielte. Im ersten Jahr nach seiner Rückkehr verhalf er den gerade erstmals abgestiegenen Westsachsen 1987/88 mit 17 Zweitliga-Toren aber erst einmal zum Wiederaufstieg in die Oberliga.

In Auerbach ließ er ab 1990 seine Karriere ausklingen, wo sein Ursprungsverein, nun wieder als VfB, Bezirksliga spielte. Dennoch hatte er es nochmal mit Profis zu tun. Denn die rührigen Vogtländer lockten mit Geschick kurzzeitig Altstars wie Ronny Worm, Dieter Burdenski und Willy van de Kerkhof in ihre Reihen. Später wirkte er als Spieler- und Co-Trainer der Auerbacher sowie als Coach in Mülsen St. Niclas. Dort arbeitet Andreas Bielau inzwischen im Sommer als Rettungsschwimmer und im Winter als Physiotherapeut.