12. September 2018 / 08:25 Uhr

"Strapazen sind extrem": Viel Kritik am Distanzreiten vor Beginn der Weltreiterspiele

"Strapazen sind extrem": Viel Kritik am Distanzreiten vor Beginn der Weltreiterspiele

Hannah Scheiwe
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Das Distanzreiten ist bei Reitsportinteressierten wie Tierschützern höchst umstritten
Das Distanzreiten ist bei Reitsportinteressierten wie Tierschützern höchst umstritten © Getty
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Am Mittwoch beginnen in den USA die Weltreiterspiele. Zu Beginn der Wettkämpfe in North Carolina steht das nicht nur bei Tierschützern umstrittene Distanzreiten auf dem Programm, bei dem Pferd und Reiter extreme Distanzen überwinden.

160 Kilometer über Stock und Stein: Während die Wettkampfritte in den meisten Reitsportdisziplinen nicht mehr als ein paar Minuten dauern, laufen Distanzritte über Stunden. Die Langstreckendisziplin, mit der die Weltreiterspiele in Tryon (USA) am Mittwoch eröffnet werden, steht besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Tote oder erschöpfte Pferde prägen das Bild und rufen nicht nur Tierschützer auf den Plan.

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Vier Jahre zurück im Kalender: Die Weltreiterspiele 2014 in der Normandie sorgten für Schlagzeilen. Am Morgen des Wettkampftages der Distanzreiter gibt es den ersten Unfall: Reiterin Claudia Romero Chacon aus Costa Rica stürzt mit ihrem Pferd gegen einen Baum. Das Pferd überlebt den Aufprall nicht, die Reiterin kommt schwer verletzt ins Krankenhaus. Der Wettkampf geht weiter, doch nur rund 30 Prozent der 165 Reiter aus 47 Nationen kommen ins Ziel. Die anderen werden bei den Tierarztchecks auf der Strecke wegen Verletzungen oder Erschöpfung disqualifiziert oder geben auf.

Das ändert nichts daran, dass auch beim wichtigsten Reitwettkampf der Welt wieder ab 7 Uhr morgens zahlreiche Reiter mit ihren Pferden auf die 160 Kilometer lange Strecke gehen. So schnell wie möglich sollen sie ins Ziel kommen – sie reiten also möglichst viel im Galopp. 13 Stunden später muss auch der Letzte im Ziel sein – wenn Pferd und Reiter es bis dahin schaffen.

​"In erster Linie will man mit einem gesunden Pferd ankommen"

„In erster Linie will man mit einem gesunden Pferd ankommen“, sagt Bernhard Dornsiepen, „aber wir werden natürlich auch sportlich reiten und die bestmögliche Leistung abrufen, die unter diesen Bedingungen zu erbringen ist.“ Der 50-Jährige ist einer von drei deutschen Reitern, die an dem Wettkampf teilnehmen, der vor allem bei reichen Saudis beliebt ist, die neben den Spaniern als Favoriten gelten. Im Training reite er nie eine 160-Kilometer-Strecke, erklärt der deutsche Distanzreiter. Der letzte Trainingshöhepunkt vor dem Wettkampf bestehe aus einem 60-Kilometer-Galopptraining mit einer Pause, sonst reite er selten mehr als 23 Kilometer und schneller als zehn Stundenkilometer.

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Schon die 60-Kilometer-Distanz – also nur etwas mehr als ein Drittel der Strecke, welche die Reiter bei den Weltreiterspielen absolvieren –  hält Esther Müller, Expertin für Pferde beim Deutschen Tierschutzbund, für nicht zumutbar. „Die Strapazen sind extrem und widersprechen dem Grundwesen des Pferdes“, sagt sie. Sie vergleicht die Langdistanz mit einem Marathon für Menschen. „Pferde sind keine Marathonläufer, sondern Sprinter.“ In freier Wildbahn bewegten sich Pferde zwar den ganzen Tag, aber vorwiegend im Schritt. Nur ab und zu legten sie kurze Sprints ein.

Hohe Belastung regt Dopingwillige an

Kein Wunder, so Müller, dass die Pferde oft mit Verletzungen am Bewegungsapparat zu kämpfen hätten. „Gerade bei so einer hohen Belastung ist auch die Versuchung von Doping extrem hoch“, sagt die Tierschützerin über ein weiteres Pro­blem, für das vor allem Reiter der Vereinigten Arabischen Emirate berüchtigt sind.

„Wir haben reagiert, indem wir zeitweise ein Startverbot für unsere Reiter speziell in den Emiraten ausgesprochen haben“, sagt Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR). Das sei im Januar wieder aufgehoben worden, weil sich die Verhältnisse vor Ort zu bessern schienen. Auch heute in Tryon werden wieder Reiter der Vereinigten Arabischen Emirate an den Start gehen.

Peiler verteidigt den Sport gegen die Vorwürfe, denen er seit den Weltreiterspielen 2014 vermehrt ausgesetzt ist: „Die Kritik richtete sich ja weniger an die Disziplin selbst, als vielmehr an die, die sich nicht an die Regeln des Welfare of the Horse (deutsch: Wohl des Pferdes, Anm. d. Red.) halten.“ Eine Kontrolle sollen die sogenannten Vet-Checks sein, bei denen Tierärzte an fünf Stopps auf der Strecke sowie im Ziel alle Pferde auf Verletzungen und Pulswerte untersuchen. Distanzreiter Dornsiepen meint, dass das Distanzreiten dadurch eine der Disziplinen sei, die „am strengsten und häufigsten kontrolliert“ werde.

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