07. November 2019 / 20:24 Uhr

Erster westdeutscher Handballprofi im Osten: „Ich hatte Angst vor der DDR“

Erster westdeutscher Handballprofi im Osten: „Ich hatte Angst vor der DDR“

Stefan Ehlers
Ostsee-Zeitung
Einsatzstark: Thorsten Williges (Nr. 6), hier im Heimspiel gegen Magdeburg. Links: Holger Langhoff.
Einsatzstark: Thorsten Williges (Nr. 6), hier im Heimspiel gegen Magdeburg. Links: Holger Langhoff. © Foto. Rainer Schulz/OZ
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Thorsten Williges spielt als erster westdeutscher Profi bei Empor Rostock. Während etliche Handballer in Richtung Westen ziehen, beantragt der Verdener einen DDR-Pass.

Thorsten Williges sitzt im Auto seiner Eltern. Die Familie will Freunde des Vaters in Leipzig besuchen. An der Grenze zur DDR wird der Wagen mit Verdener Kennzeichen rausgewunken. Polizisten filzen das Fahrzeug. „Die haben alles komplett auseinandergenommen“, erinnert sich Williges. Die Bilder der schwer bewaffneten Beamten hat der damals 15-Jährige bis heute nicht vergessen. „Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn einer mit einer Kalaschnikow vor dir steht. Von da an hatte ich sehr viel Angst vor der DDR.“

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Die Ereignisse rund um den Mauerfall am 9. November 1989 verfolgt er von zu Hause aus – und ahnt nicht, dass er nur wenige Wochen später in den Osten übersiedeln wird. Während Hunderte Sportler gen Westen ziehen, schlägt Thorsten Williges die entgegengesetzte Richtung ein und schreibt damit Sportgeschichte. Er ist der erste Bundesdeutsche, der nach Öffnung der Grenzen in einem DDR-Team anheuert. Arndt Wolters, ein Stahlhändler aus seiner Heimatstadt Verden, der geschäftlich sein Glück in Rostock versucht und bei Empor als Sponsor einsteigt, macht ihm den Wechsel schmackhaft.

„Ich fand’s klasse, weil ich endlich zu Hause rausgekommen bin“, erzählt Williges. Er setzt alles auf eine Karte, steigt im Februar 1990 in seinen Opel Ascona B (Baujahr 1976) und taucht ein in die Welt des real nicht mehr existierenden Sozialismus. „Ich habe Rostock von der ersten Sekunde an geliebt“, sagt er rückblickend.

Zu spät beim Training erschienen

Nur mit dem im Osten üblichen Sprachgebrauch hat der Niedersachse zunächst Schwierigkeiten. Training viertel zehn. Mit einer derartigen Ansage kann er nichts anfangen. „Ich war ne Stunde später da und alle haben sich kaputt gelacht“, erzählt Williges, der im Werftarbeiterwohnheim in Warnemünde Quartier bezieht.

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Der Neue nutzt die von Empor-Trainer Reiner Ganschow eingeräumte dreimonatige Bewährungszeit und darf im Sommer ins Sportforum wechseln. Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk und Teamkollege Michael Wegner sind seine Zimmer-Nachbarn. „Wir sind wunderbar miteinander ausgekommen“, sagt Wegner, der von Williges in dessen Heimatstadt eingeladen wurde. Die beiden tranken zusammen ein Bier, plauderten über Handball und tauschten sich über Ost und West aus. „Es war interessant, die Sichtweisen beider Seiten zu sehen“, meint Wegner.

„Thorsten war menschlich okay, ehrgeizig, aber kein sportlicher Überflieger“, meint Jürgen Rohde. „Er hat mich liebevoll aufgenommen. Dafür bin ich ihm ewig dankbar“, sagt Williges. Ob Rohde, Wegner, Frank-Michael Wahl, Norbert Gregorz, Stephan Garbe oder Heiko Ganschow – menschlich sei er mit vielen gut klargekommen. „Wenn das mit dem einen oder anderen in die andere Richtung ging, lag das an mir und meiner vermeintlichen Arroganz, die ich an den Tag gelegt habe.“

Aufstieg war ein Quantensprung

Von der Regionalliga in die Oberliga – für den 1,93 Meter großen Rückraumspieler ist der kometenhafte Aufstieg ein „Quantensprung“. Statt dreimal wie in Verden, werden die Empor-Handballer acht- bis zehnmal wöchentlich im Training gefordert. In Rostock trainiert er an der Seite von Weltklasse-Spielern wie Frank-Michael Wahl, Rüdiger Borchardt oder Matthias Hahn. „Das Leistungsniveau war ein ganz anderes.“

An den Wochenenden fährt er nach Hause. An der Grenze beschleicht ihn immer noch dieses mulmige Gefühl. „Meine Sorge war, dass die Grenze wieder dicht gemacht wird“, erinnert sich Williges.

Westdeutsche zählen im Osten als Ausländer

In Pflichtspielen darf der vollbärtige Schwarzschopf nicht eingesetzt werden. Laut Präsidiumsbeschluss des DDR-Handballverbandes gelten Westdeutsche bis 31. Dezember 1990 als Ausländer. Die beiden Ausländerplätze sind seit Sommer an die Russen Juri Sacharov und Igor Iwanow vergeben.

Thorsten Williges stellt einen Antrag auf Einbürgerung. Am 18. September – 15 Tage vor der Wiedervereinigung – fährt er nach Berlin zum Ministerium des Innern, um seinen DDR-Pass abzuholen. Jubelnd präsentiert er das Dokument in der Geschäftsstelle des SC Empor. Einen Tag später feiert er sein Debüt. Empor verliert gegen Magdeburg 20:25. Williges erzielt zwei Tore und gehört fortan dazu. Er spielt mit Empor sogar im Europapokal gegen Wisla Plock (18:24, 29:19) und den HV Tachos Waalwijk (25:15, 31:26).

Trainer Wilk mustert Williges aus

Im Viertelfinale gegen Borac Banja Luka ist Williges schon nicht mehr dabei. Helmut Wilk, der Anfang Februar 1991 das Amt von Reiner Ganschow und Siegfried Sanftleben übernimmt, sortiert den Rechtshänder aus. „Im ersten Moment tat es weh, aber aus der Distanz betrachtet kann ich das verstehen“, sagt Williges.

Der Verdener macht in Rostock sein Abitur, geht anschließend zurück in seine Heimat, studiert in Bremen Wirtschaftswissenschaften, spielt beim TV Grambke an der Seite der Rostocker Tilo Strauch und Ralf Hannemann, ehe er nach Hildesheim wechselt und sich zum Physiotherapeuten ausbilden lässt. Heute arbeitet der Vater zweier Söhne (20 und 12 Jahre alt) als Osteopath und führt eine Physiotherapie-Praxis in der Gesundheitsklinik Stadt Hamburg in St. Peter Ording.

Die knapp anderthalb Jahre in Rostock möchte er nicht missen. „Das war eine der besten Zeiten in meinem Leben. Ich find die Stadt genial.“ Einmal jährlich setzt sich der 50-Jährige ins Auto, um an seine frühere Wirkungsstätte zurückzukehren und einstige Weggefährten zu besuchen. Die Angst vor dem Osten hat er längst abgelegt.

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