05. Februar 2022 / 12:14 Uhr

Werdegang, Taktik, Perspektive: Was Bayern-Trainer Nagelsmann Leipzig-Coach Tedesco voraus hat

Werdegang, Taktik, Perspektive: Was Bayern-Trainer Nagelsmann Leipzig-Coach Tedesco voraus hat

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco treffen am Samstagabend zwei befreundete Trainer aufeinander. Der SPORTBUZZER vergleicht beide miteinander.
Mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco treffen am Samstagabend zwei befreundete Trainer aufeinander. Der SPORTBUZZER vergleicht beide miteinander. © IMAGO/Sven Simon
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Am Samstagabend treffen der FC Bayern München und RB Leipzig im Bundesliga-Topspiel aufeinander. Mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco stehen sich zwei Trainerfreunde gegenüber. Der SPORTBUZZER vergleicht die beiden Einserschüler.

Der Beginn des 62. Fußballlehrer-Lehrgangs an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef während der Saison 2015/2016 war für Julian Nagelsmann, einen der jüngsten Teilnehmer damals, völlig verkorkst, wie er nun selbst erzählte: "Am ersten Tag habe ich gedacht, ich will jetzt nicht der Oberstreber sein und als Erster reingehen und mir den besten Platz aussuchen." Vor dem Lehrsaal wartete Nagelsmann, der während der Ausbildung im Februar 2016 vom Hoffenheimer U19-Trainer zum Bundesliga-Coach befördert wurde, bis fünf vor acht Uhr, "weil ich dachte, dann schwimme ich so mit den Coolen mit, gehe als einer der Letzten rein und kriege noch einen guten Platz."

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Das Ende vom Lied: Er marschierte als Letzter rein, "und dann war einfach nur noch der vordere Platz am Gang frei. Sprich: Da ist jeder Dozent, überwiegend Frank Wormuth, an meinem Laptop vorbeigelaufen. Es gab Teilnehmer an diesem Lehrgang, die haben tatsächlich die Trilogie von 'Herr der Ringe' 44-mal angeguckt. Ich konnte nicht einmal irgendwas bei Google eintippen, weil mein Laptop sofort zugeklappt wurde. Das war schon ein grober Nachteil."

Domenico Tedesco, der damalige U17-Trainer der Hoffenheimer, saß ganz hinten. Clever. Wegen der Umstände "habe ich auch nur die Note 1,3 im Abschlusszeugnis und Domenico eine 1,0", witzelte Nagelsmann. Diesen Samstag kann sich der Bayern-Trainer wieder mit Tedesco, dem 2016er-Jahrgangsbesten, messen. Wenn es gegen RB Leipzig geht – das Duell des Meisters und Tabellenführers gegen den Vizemeister und aktuellen Sechsten ist auch das Wiedersehen der Einserschüler und Freunde, die damals eine Fahrgemeinschaft bildeten. Hin und wieder bretterte Nagelsmann aber auch mit dem Motorrad vor.

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"Wir freuen uns, dass wir am Samstag nicht im Auto nebeneinandersitzen, aber in der Coaching Zone nebeneinanderstehen", sagte Nagelsmann (34) über Tedesco (36), dem er im November per Sprachnachricht zum neuen Job in Leipzig gratuliert hatte. "An einem guten Tag können wir Bayern Paroli bieten", meinte der RB-Coach, während Nagelsmann nüchtern konterte: "Wir sind gut drauf, auch Leipzig ist wieder gut drauf." Er freue sich, dass sein Mitschüler "eine der spannendsten Mannschaften Europas" wieder in die Spur gebracht hat. In seine Spur, aus der er im Sommer Richtung München ausscherte.

Der SPORTBUZZER stellt die Trainerkollegen gegenüber:

Der Werdegang: Der gebürtige Bayer Nagelsmann ist bei RB der Vorvorgänger des Deutsch-Italieners, der in Rossano (Region Kalabrien) zur Welt kam und bis Mai 2021 bei Spartak Moskau gearbeitet hatte. Seine Karriere hatte Tedesco bei Erzgebirge Aue begonnen. Von März 2017 an übernahm der vorherige A-Jugend-Trainer der TSG Hoffenheim den Tabellenletzten der 2. Liga als Chefcoach, rettete Aue vor dem Abstieg. Zur Saison 2017/18 heuerte er beim FC Schalke an, wurde auf Anhieb Vizemeister, spielte in der Saison darauf in der Champions League. Im März 2019 wurde Tedesco entlassen – als Tabellen-14. Nagelsmann führte ebenfalls den Klub seiner ersten Bundesliga-Station in die Königsklasse, schied allerdings mit der TSG in der Saison 2018/19 in der Gruppenphase aus. Im Sommer 2019 wechselte er zu RB Leipzig, erreichte im Final-8-Turnier der Champions League 2020 das Halbfinale. Im Jahr darauf stand er mit RB im Pokalfinale (1:4 gegen Dortmund), sein letztes Spiel vor dem Abgang nach München.

Taktik: Nagelsmann lobte Tedesco für dessen Philosophie und umschrieb diese folgendermaßen: "Er hat eine sehr gute Idee von Fußball und sehr klare Abläufe in der Defensive und in der Offensive, und das sieht man auch. Die Mannschaft ist stabiler geworden in ihrem Spiel, sowohl defensiv als auch offensiv. Alles ist wieder ein Stück kontrollierter als davor, sodass das Spiel wieder mehr auf Ballbesitz ausgelegt ist. Unter Jesse Marsch war es ganz anders ausgelegt." Beide Trainer bevorzugen, eine mutige, offensive Spielweise mit hoher Verteidigung und frühem Pressing. Worüber sich die Freunde aber nicht austauschen. Denn: Es sei, so Nagelsmann, "ganz ratsam, dass jeder noch ein bisschen sein Betriebsgeheimnis und eigene Ideen hat".

Perspektive: Nagelsmann hat einen Fünfjahresvertrag unterschrieben bei seinem Traumverein, in dessen rot-weißer Bettwäsche er schon als kleiner Junge schlief, und fühlt sich "seit den ersten Tagen im Juli im Klub angekommen und gut aufgenommen". Es sei "erstaunlich", betonte Vorstandsboss Oliver Kahn, "wie schnell er die Mannschaft von seiner Philosophie überzeugt hat". Ehrenpräsident Uli Hoeneß meinte: "Es sieht fast so aus, als wäre er schon zehn Jahre bei uns. Er hat viele Spieler noch verbessert." Tedesco gewann nach holprigem Start 2021 im neuen Jahr alle vier Pflichtspiele. "Domenico war und ist begeistert von unserem fantastischen Kader und den Bedingungen hier vor Ort, mit denen er das volle Potenzial der Mannschaft abrufen kann", sagte RB- Sportdirektor Oliver Mintzlaff und schwärmte: "Er ist intelligent, fleißig, ein Menschenfänger und hat ein klares Verständnis einer Spielidee. Domenico hat auf seinen bisherigen Stationen gezeigt, dass er Mannschaften klar besser macht." Sein Vertrag läuft allerdings erst mal nur bis Sommer 2023. Tedesco muss sich erst noch bewähren.