26. Juni 2020 / 11:43 Uhr

Werder Bremen droht Tiefpunkt: So dramatisch wäre der Abstieg für Stadt und Verein

Werder Bremen droht Tiefpunkt: So dramatisch wäre der Abstieg für Stadt und Verein

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
SV Werder Bremen steht vor dem zweiten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte.
SV Werder Bremen steht vor dem zweiten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte. © imago/Eibner-Pressefoto/Alexander Neis
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Nach 39 Jahren Bundesliga steht der SV Werder Bremen vor dem zweiten Abstieg in der Klubhistorie. Die Bremer suchen nach Erklärungen für die erschreckend schwache Saison, der Drang nach Aufarbeitung ist groß. Beispiele wie der HSV zeigen: Der Gang in die 2. Liga ist kein leichter - die Rückkehr ins Oberhaus ein Kraftakt.

Der bitterste Tag in den Annalen des SV Werder Bremen, so steht es in jeder Chronik, ereignete sich am 24. Mai 1980. Letztes Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Mit Zeitungsanzeigen hatten die Bremer noch versucht, Zuschauer ins Weserstadion zu locken. 17.000 kamen, die am 34. Spieltag eine 0:5-Klatsche erlebten. Die letzte rechnerische Chance auf den Klassenerhalt hatten die Hanseaten verspielt. Es gibt ein altes Schwarz-Weiß-Foto mit dem verzweifelt rufenden Rudi Assauer – der damalige Manager hatte sich selbst auf die Trainerbank gesetzt und doch nicht verhindern können, dass Bremen als Vorletzter abstieg. Übrigens mit umgerechnet 36 Punkten.

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Ein Klub im freien Fall

Vier Jahrzehnte später sieht die Bilanz noch schlimmer aus: Wieder steht Werder auf Abstiegsplatz 17, erneut kommen die Kölner. Die Bremer haben zu Hause erst sechs Punkte geholt. Sollte Fortuna Düsseldorf im Fernduell bei Union Berlin unentschieden spielen, müsste Werder mit vier Toren Differenz gewinnen – nahezu ausgeschlossen. Und so reiht sich der 27. Juni 2020 vielleicht als neuer Tiefpunkt in die Klubgeschichte ein.

Dass die Stadt noch an den Klassenerhalt glaubt, ist nicht zu behaupten. Vielmehr schickt man sich in den sozialen Medien allerlei Unfug zu. Ein Werder-Fan, der beim Nachbarn klopft, der im HSV-Trikot öffnet. Bremer Stadtmusikanten, von denen der Hahn gesprungen ist, weil er beim Abstieg das Angebot von einem Geflügelzüchter, dem Werder-Sponsor, annimmt. Willi Lemke kann sich mit Galgenhumor nicht trösten. "Ganz viele", so der Ex-Manager, wären "ganz traurig, denn Bremen ist nicht durch seine Stadtmusikanten international bekannt, sondern durch Werder".

Der Absturz von Werder Bremen in Bildern

Unterschiedlicher könnte die Stimmung kaum sein: 2004 holte Werder Bremen noch unter Trainer Thomas Schaaf (Bild links) die Deutsche Meisterschaft. 17 Jahre später folgte der ganz große Absturz. Werder ist aus der Bundesliga abgestiegen – ebenfalls unter Schaaf. Ein Überblick. Zur Galerie
Unterschiedlicher könnte die Stimmung kaum sein: 2004 holte Werder Bremen noch unter Trainer Thomas Schaaf (Bild links) die Deutsche Meisterschaft. 17 Jahre später folgte der ganz große Absturz. Werder ist aus der Bundesliga abgestiegen – ebenfalls unter Schaaf. Ein Überblick. ©

Welche Lehren zieht Werder aus der Saison?

Viele Wohnstuben und Kneipen könnten zu Schauplätzen werden, bei denen im Abstiegsfall mehr Tränen als im leeren Stadion am Flussufer fließen. Gerade das Hamburger Beispiel macht ja deutlich, dass die 2. Liga kein Erholungsbecken ist, in das sich gestandene Erstligisten legen, um entspannt ins Oberhaus zurückzukehren. Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb hat Lemke bereits Erklärungen eingefordert, "wie dieser wunderbare, stolze Verein so abfallen kann". Der Aufarbeitungsdrang in den Gremien, im Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Marco Bode und der Geschäftsführung mit dem Vorsitzenden Klaus Filbry ist größer, als viele denken.

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Dass vor allem bei der Personalplanung viel schiefgelaufen ist, dass Verpflichtungen gestandener Profis wie Nuri Sahin wenig bewirkt haben; dass die Leihgeschäfte Ömer Toprak, Michael Lang, Davie Selke gar keine, die von Leonardo Bittencourt und Kevin Vogt nur bedingt eine Hilfe waren, ist offensichtlich. Das Gute für den Klub: Sämtliche Kaufoptionen greifen nicht für die 2. Liga. Stürmer Milot Rashica und Torhüter Jiri Pavlenka sind Spieler, die zumindest einen gewissen Transfererlös versprechen.

Personalie Kohfeldt bleibt ungewiss

Dann aber, so ist zu hören, hat die Vereinsführung die Hand am Steuer. Offenbar in weiser Voraussicht sind in fast allen Arbeitsverträgen Klauseln eingebaut, die im Abstiegsfall Abschläge von 30 bis 50 Prozent vorsehen. Kaum ein Kicker kann sich also einfach so davonstehlen. Auch wenn der Umsatz um mindestens ein Drittel einbricht, sich die Fernsehgelder von 60 auf 30 Millionen Euro halbieren würden und der Lizenzspieleretat unter 30 Millionen sacken könnte, gilt das Versprechen: Bei Werder gehen die Lichter nicht komplett aus.

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Dass auf den Abstieg eine Phase von Trauer und Wut folgt, in der gern gefordert wird, dass Köpfe rollen müssen, darauf ist der Verein vorbereitet. Ungewiss, ob Trainer Florian Kohfeldt von sich aus die Bereitschaft mitbringt, seinen bis 2023 laufenden Vertrag auch bei einem Abstieg zu erfüllen. Spannend, ob dem für Sport verantwortlichen Geschäftsführer Frank Baumann zugetraut wird, eine clevere Kaderplanung wie zu Beginn seines Wirkens zu betreiben. 1980 war alles einfacher: Da blieb sogar Nationaltorwart Dieter Burdenski, um nach dem sofortigen Wiederaufstieg eine Ära unter Otto Rehhagel zu begründen, die so viele Höhepunkte bot, dass der Tiefpunkt schnell vergessen war.

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