13. März 2021 / 11:24 Uhr

Stilwechsel bei Werder Bremen: Kohfeldt und Co. sammeln Punkte mit Defensivkampf – und Streitkultur

Stilwechsel bei Werder Bremen: Kohfeldt und Co. sammeln Punkte mit Defensivkampf – und Streitkultur

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Werder Bremen sind für den Erfolg derzeit (fast) alle Mittel recht.
Werder Bremen sind für den Erfolg derzeit (fast) alle Mittel recht. © Getty Images (Montage)
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Stilwechsel bei Werder und Coach Florian Kohfeldt: Das Team hat der Offensive überwiegend abgeschworen. Und auch neben dem Platz scheut man sich nicht, für den Gegner unangenehm zu werden. Frei nach der Devise: Der Zweck heiligt die Mittel.

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Der FC Bayern München müsste beste Erinnerungen an das letzte Liga-Gastspiel am Bremer Osterdeich besitzen. Denn der am Ende schwer erkämpfte 1:0-Sieg im Weserstadion beim SV Werder manifestierte den ersten Meilenstein für die Münchner Titelsammler. An jenem 16. Juni 2020 räumten Manuel Neuer und Kollegen die letzten Zweifel an der achten Meisterschaft in Folge aus, auf der Tribüne erhoben sich die Bosse und spendeten Applaus, auf dem Rasen schlüpften die Spieler in herbeigeschaffte T-Shirts mit einer "Acht". Und Hansi Flick konstatierte: "Unser erstes großes Ziel haben wir jetzt erreicht."

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Vergessen war für den Bayern-Coach so manches Scharmützel mit dem Kollegen Florian Kohfeldt. Als sich der Bremer Leonardo Bittencourt nach einem Tritt von Alphonso Davies auf dem Boden wälzte, gerieten die Trainer wie Halbstarke auf dem Schulhof aneinander. Beschimpften sich mit ausladenden Handbewegungen. Bis Flick rief: "Flo, du weißt schon, wer da liegt?" Nämlich ein Werder-Akteur, der gerne beim leichtesten Kontakt fällt und schreit. Kohfeldt allerdings forderte eine Rote Karte wegen Nachtretens. Die Szene war umstritten.

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Fakt war: In jener Phase kämpften die Hanseaten mit allen Mitteln um den Klassenerhalt. Die Physiotherapeuten schlugen mit einem Gummihammer auf den Metallkoffer, die Ersatzspieler feuerten genauso an wie die Mitarbeiter. Wenn im Geisterspielbetrieb der Rückhalt der Fans fehlt, so die Denkweise, dann muss der Begleittross die Unterstützung übernehmen. Nicht jedem gefiel das. Oliver Glasner, Trainer des VfL Wolfsburg, eröffnete eine Diskussion darüber, ob die Bremer Grenzen überschreiten.



Werder hat dem schönen Fußball abgeschworen

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass bei Werder jetzt genau diese Heimspiele anstehen: Am Samstag erst der Klassiker gegen den FC Bayern (15.30 Uhr/Hier könnt ihr das Spiel im SPORTBUZZER-Liveticker verfolgen), dann kommt in einer Woche der VfL Wolfsburg. Kohfeldt kontra Flick, Kohfeldt versus Glasner. Es könnten auch verbale Machtkämpfe werden, denn selbst wenn sich die Bremer im Nachholspiel bei Arminia Bielefeld (2:0) ein komfortables Punktepolster verschafft haben, wird der Fußballlehrer den altbekannten Ansatz wählen: Seine Spieler sind als Quälgeister unterwegs, für die der Zweck oft alle Mittel heiligt. Denn Werder hat dem schönen Spiel fast die ganze Saison abgeschworen. Ästhetik spielt keine Rolle mehr an der Weser, wo lange Jahre der hohe Unterhaltungswert eines fast bedingungslosen Offensivfußballs im Eintrittsgeld eingepreist war. Der Fast-Abstieg im Vorjahr, mitten in der Corona-Krise, hat zum Umdenken geführt. Kampf statt Kunst. Werkzeughammer statt Pinsel.

Der strikte Stilwechsel zu einer defensiv angelegten Spielweise mit Fünferkette und einer dem Gegner den Ballbesitz überlassenden Spielweise betrachtet Kohfeldt als alternativlos. Der Erfolg gibt dem 38-jährigen Pragmatiker Recht. Aber muss es denn so viel Getöse am Spielfeldrand sein? Beim letzten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt (2:1) erreichten die Streitigkeiten nach einem verbissen geführten Abnutzungskampf einen negativen Höhepunkt. Auf Eintracht-Seite waren Trainer Adi Hütter und Bruno Hübner in die Scharmützel verwickelt.

Hellhörig musste die Aussage des ansonsten so besonnenen Hütters machen: "Wenn mir das passiert, dass einer meiner Mitarbeiter auf der Tribüne sitzt und auf den gegnerischen Trainer schimpft, dann kann ich garantieren, dass derjenige am nächsten Tag nicht mehr in meinem Team arbeitet." Der Konter von Werder-Geschäftsführer Frank Baumann, auch eher ein zurückhaltender Charakter, folgte prompt: "Dann müssten bei der Eintracht in den nächsten Tagen einige Posten frei werden. Auch wichtige Posten." Kohfeldt beteuerte zwar, dass die aufgekommene Unruhe "nullkommanull" geplant gewesen sei, aber dafür waren seine Mannen eigentlich zu oft als Stressmacher unterwegs. Flick wird es noch wissen.