27. März 2020 / 08:00 Uhr

Werder-Legende Thomas Schaaf über Lippenbekenntnisse in der Corona-Krise: "Ich sage nur: Robert Enke..."

Werder-Legende Thomas Schaaf über Lippenbekenntnisse in der Corona-Krise: "Ich sage nur: Robert Enke..."

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Schaaf hat sich im Interview zu möglichen Folgen der Coronavirus-Krise geäußert - und vor einer ähnlichen Entwicklung wie nach dem Tod von Robert Enke gewarnt.
Thomas Schaaf hat sich im Interview zu möglichen Folgen der Coronavirus-Krise geäußert - und vor einer ähnlichen Entwicklung wie nach dem Tod von Robert Enke gewarnt. © Imago Images/Hübner
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Thomas Schaaf (58) trainierte knapp 14 Jahre lang den SV Werder Bremen, arbeitet heute als Technischer Direktor beim Fußball-Bundesligisten aus Bremen. Im SPORTBUZZER-Interview äußert sich Schaaf über die Corona-Krise, den Fußball danach und Lippenbekenntnisse.

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SPORTBUZZER: Herr Schaaf, das Coronavirus hat unser aller Leben innerhalb weniger Tage völlig verändert. Wie gehen Sie um mit der Ungewissheit?

Thomas Schaaf (58): Mich treiben drei Dinge um. Da ist zunächst das Thema Gesundheit. Das betrifft uns alle, wenn auch mit unterschiedlicher Härte. Wer gesund und jung ist, vielleicht voll im Saft steht, für den ist das Virus, bei allem, was man bis jetzt weiß, wohl keine ganz große Gefahr. Alte und Menschen mit Vorerkrankung sind dagegen sehr wohl gefährdet. Hier ist Solidarität unabdingbar. Wir alle sind in der Pflicht, die zu schützen, die besonders bedroht sind.

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Was ist Punkt zwei?

Größer noch als die Angst vor dem Virus ist für viele die Angst um die eigene Existenz. Sie wissen nicht, ob und wie lange sie die Krise wirtschaftlich aushalten können oder ob ihr Job vielleicht sogar erst nach der Krise gefährdet ist, weil es dem Arbeitgeber schlecht geht. Auch diese Menschen brauchen jetzt die Solidarität der Gesellschaft. Ein weiteres Problem: Noch ist gar nicht abzusehen, was die völlig veränderte Tagesstruktur mit den Familien macht. Viele können ihrer Arbeit gar nicht oder nicht mehr im gewohnten Maße nachgehen, aber es ist nicht möglich, über die neu gewonnene freie Zeit auch frei zu verfügen. Das wird zwangsläufig zu Spannungen führen.

Und das dritte Thema, das Sie beschäftigt?

Das ist natürlich der Fußball. Der administrative Teil lässt sich für eine Zeit weitestgehend ins Homeoffice verlegen. Im sportlichen Bereich aber ist das allenfalls einmal zu 10 Prozent möglich, weil die Mehrzahl der Spieler über Möglichkeiten verfügt, an Fitness und Athletik auch zu Hause zu arbeiten. Videoanalysen sind möglich, und auch die kognitiven Fähigkeiten lassen sich dort schulen. All das aber kann die gemeinschaftliche Arbeit auf dem Rasen nicht ersetzen.

Haben Sie Angst um den Fußball, so wie wir ihn kennen?

Man wird sicherlich wieder Fußball spielen. Ob die wirtschaftlichen Strukturen, in denen sich der Profifußball bewegt, dann dauerhaft dieselben sein werden wie vor der Krise, das ist eine andere Frage. Wir alle haben jetzt gemerkt, wie zerbrechlich das System Profifußball ist. Und uns ist eindrucksvoll vor Augen geführt worden, dass wir keinerlei Reserven mehr haben.

Sie zielen ab auf den ausgereizten Terminkalender?

Genau. Natürlich gibt es Unterschiede. In den Regionalligen wurde zum Teil noch im alten Jahr eine Reihe der Rückrundenpartien ausgetragen, sodass sich der Zeitdruck in Grenzen hält. Wahrscheinlich könnte man dort die Saison mit englischen Wochen noch recht bequem zu Ende bringen. In der Spitze aber ist noch das kleinste Zeitfenster geschlossen. Am schlimmsten ist es in England, wo Jürgen Klopp wegen der Vielzahl der Wettbewerbe im League-Cup eine Liverpooler B-Elf auf den Platz schicken musste. Wir haben uns freiwillig immer neue Zwänge auferlegt, nur um die Wirtschaftlichkeit immer noch weiter voranzutreiben.

Glauben Sie daran, dass man aus der Krise lernen wird?

Ich sage nur: Robert Enke ...

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Die jetzigen Lippenbekenntnisse werden also schnell vergessen sein?

Wahrscheinlich hat es die Evolution bewusst so eingerichtet, dass der Mensch schlimme Erlebnisse nach einer gewissen Zeit abhakt, um wieder nach vorne schauen zu können. Ich bin weit davon entfernt, mich auszunehmen. Trotzdem halte ich es für unabdingbar, aus dieser Krise Rückschlüsse zu ziehen, habe aber meine Zweifel, ob das geschehen wird. Ich kann mich noch sehr gut an die Situation erinnern, als viele von uns in Hannover im Stadion gesessen haben, um uns von Robert Enke zu verabschieden. Jeder war sehr betroffen, jeder hat gesagt: „Jetzt muss sich etwas ändern.“ Und ja, es hat sich einiges bewegt. Ob das aber nachhaltig genug war? Wäre es dann möglich, dass Spieler mit dem Tod bedroht werden, wie es kürzlich Hanno Behrens und Lukas Mühl vom 1. FC Nürnberg widerfahren ist, oder dass Schalkes Alexander Nübel von den eigenen Fans so attackiert wird, dass er nach dem Spiel gegen Köln den Tränen nahe war?!

Manche, wie Hannovers Boss Martin Kind, fordern auch eine Selbstbeschränkung der Vereine, etwa in Form einer Gehaltsobergrenze. Wären auch die wirtschaftlich potenteren Klubs bereit, Verzicht zu üben?

In den vergangenen Jahren habe ich oft gedacht und auch gesagt: „Jetzt ist der Punkt erreicht, wo wir innehalten müssen, sonst bricht alles zusammen.“ Und immer ist kurz darauf jemand um die Ecke gekommen und hat noch eine Schippe draufgelegt. Okay, dieser Markt funktioniert nun mal nach den Prinzipien von Angebot und Nachfrage. Wenn einer solche Summen anbietet, kann man dem, der sie annimmt, wohl keinen Vorwurf machen. Wie gesagt – wir alle müssen uns an die eigene Nase fassen. Eigentlich müsste uns allen doch klar sein, dass wir immer noch genug haben, auch wenn wir „nur“ die Hälfte nehmen.

Hat diese Haltung das Potenzial, sich auf breiter Basis durchzusetzen?

Ohne strenge Regularien wäre das nicht zu stemmen. Und selbst dann sieht man, dass sich dort, wo Regeln sind, immer auch ein Weg findet, sie zu umgehen – siehe Financial Fair Play. Nein. Wenn sich wirklich etwas ändern soll, muss sich das System knallhart selbst reglementieren. Dass das enorm schwierig werden würde, liegt auch an den unterschiedlichen Strukturen der Vereine, vom e. V. über die AG bis hin zum Klub, hinter dem ein Konzern steht.

Ist Solidarität in der Bundesliga also nur ein Wunschtraum?

Das glaube ich nicht. Auch wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen unterschiedlich sind, ist jedem bewusst, dass die Zwänge, denen man unterworfen ist, dieselben sind. Es mag einige wenige Vereine geben, die aus der aktuellen Situation ohne allzu großen Schaden herauskommen können. Die breite Masse aber wird größte wirtschaftliche Probleme bekommen, beziehungsweise hat sie schon. Würden all diese Vereine auf der Strecke bleiben, gäbe es keine Bundesliga mehr.

Wird Werder die Krise überstehen?

Ich hoffe das aus ganzem Herzen. Niemand darf sich aber etwas vormachen: Das ist für uns alle bei Werder eine bedrohliche Situation. Auch weil niemand weiß, wie lange sie noch anhalten wird. Aber, wie gesagt, das gilt nicht nur für Werder Bremen, sondern für das Gros der deutschen Profiklubs.