22. Mai 2019 / 16:28 Uhr

Werder-Trainer Florian Kohfeldt: "Die Bundesliga hat an Attraktivität gewonnen"

Werder-Trainer Florian Kohfeldt: "Die Bundesliga hat an Attraktivität gewonnen"

Hans-Günther Klemm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Werder-Coach Florian Kohfeldt spricht im SPORTBUZZER-Interview auch über die Klub-Legende Claudio Pizarro.
Werder-Coach Florian Kohfeldt spricht im SPORTBUZZER-Interview auch über die Klub-Legende Claudio Pizarro. © Verwendung weltweit
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Florian Kohfeldt ist mit dem SV Werder Bremen nur ganz knapp an der Qualifikation für den Europapokal gescheitert. Vom DFB wurde er zum "Trainer des Jahres 2018" ausgezeichnet. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Werder-Coach über den Abgang von Kapitän Max Kruse, Trainer-Kollegen und das Vereins-Paradies Bremen.

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Wer ist der Trainer des Jahres aus Ihrer Sicht, Florian Kohfeldt?

Es gibt viele Kollegen, die gute Arbeit geleistet haben. Beispielsweise Lucien Favre, obwohl es ein bisschen untergeht, weil Dortmund „nur“ Vizemeister geworden ist. Er hat bei seiner Mannschaft einen Spielstil kreiert, viele Spieler weiterentwickelt. Adi Hütter, der in Frankfurt einen ganzen Klub auf eine unglaubliche Weise emotionalisiert und mitgenommen hat, fortgeführt hat, was Niko Kovac entwickelt hat. Natürlich auch Niko Kovac, Meister geworden unter nicht ganz einfachen Bedingungen. Und es ist nicht hoch genug zu bewerten, wie Friedhelm Funkel die Düsseldorfer Fortuna in der Liga gehalten hat.

"Es fällt mir schwer, mich selbst zu beurteilen"

Und was ist mit dem Florian Kohfeldt, der mit diesem Titel vom DFB dekoriert ist?

Es fällt mir schwer, mich selbst zu beurteilen. Doch ich glaube, dass wir keinen ganz so schlechten Job bei Werder gemacht haben.

Hat Sie diese Auszeichnung überrascht?

Sehr, ich finde, dass sie für mich sehr früh gekommen ist. Daher begreife ich sie eher als Auftrag, es zu bestätigen. Ich habe erst gut eineinhalb Jahre in der Bundesliga gearbeitet. Ich habe es als große Ehre empfunden, jedoch nicht nur als persönliche Wertschätzung, vielmehr als Auszeichnung für das gesamte Team.

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"Das Wichtigste sind und bleiben die Spieler"

Julian Nagelsmann hat sich kürzlich in einem Interview des kicker als talentierten Trainer bezeichnet. Sehen Sie sich auch so? Haben Sie eine große Begabung für diesen Beruf?

Wie gesagt, ich rede ungern über mich. Überdies sollten wir alle eins nicht vergessen: Das Wichtigste sind und bleiben die Spieler. Denen müssen wir die Möglichkeit geben, gut und erfolgreich Fußball zu spielen. Ob ich ein talentierter oder toller Trainer bin, ist eigentlich egal.

Wie definiert sich gute Trainerarbeit?

Sicherlich lässt sie sich nicht nur am Punktekonto festmachen. Es gibt in der Bundesliga unterschiedliche Standorte und somit unterschiedliche Herausforderungen. Bei Werder definieren wir Erfolg über eine Gesamtentwicklung des Klubs. Wie schaffen wir Bedingungen, um zukünftig konkurrenzfähig zu sein? Welche Art von Fußball bieten wir an? Und eine wichtige Maßeinheit für uns ist, wie sich jeder einzelne Spieler entwickelt.

Julian Nagelsmann in seinem letzten Jahr in Hoffenheim mit dem neunten Platz geerdet, Hannes Wolf zerbrochen am Hamburger Umfeld, Domenico Tedesco auf Schalke krachend gescheitert. Die Überflieger aus der Garde der Jungtrainer haben eine jähe Bruchlandung hingelegt. Sie sind auch ein Aufsteiger in der Branche. Haben Sie Bedenken, dass Ihnen einen ähnliches Schicksal drohen könnte?

Angst habe ich nicht davor, doch ich befolge die realistische Einschätzung, dass Erfolg auch mal ausbleiben kann. Es wäre vermessen und fatal zu glauben, dass mir oder uns in Bremen dies nicht passieren könnte. Es läuft nichts von allein, wir müssen dafür hart arbeiten und uns ständig hinterfragen.

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Selbst erfolgreiche Kollegen werden hinterfragt und verlieren den Job. Schwere Zeiten für den Berufsstand. Fühlen Sie sich als „Mülleimer“, wie Kollege Friedhelm Funkel am Wochenende diagnostiziert hat?

Ich habe in dieser Beziehung ein Privileg, weil ich bisher nur in Bremen gearbeitet habe. Hier kooperiere ich mit Leuten, zu denen ich ein extrem hohes Vertrauen habe, was über Jahre gewachsen ist. Am Standort Bremen fühle ich mich nicht diskreditiert. Vielmehr fühle ich mich sehr gut eingebunden, sehr wertgeschätzt, und ich achte das vorbildliche Miteinander. Nicht im Ansatz habe ich das Gefühl, dass ich nur an kurzfristigen Erfolgen bewertet werde.

Also können Sie sich glücklich schätzen, an einem solchen Arbeitsplatz wirken zu dürfen. Eine Ausnahme, sozusagen ein Paradies in einer aufgeregten Liga, wie früher zu Zeiten von Rehhagel, wie in der Ära Schaaf und Allofs?

Es ist wichtig festzuhalten, dass das Ganze mit viel Arbeit zu tun hat, die wir alle hier investiert haben. Dabei frage ich mich mitunter schon, wie gewisse Situationen bei anderen Vereinen - von außen betrachtet - zustande kommen können .

Sie können also die Kritik nachvollziehen, die jüngst außer von Funkel auch von Dieter Hecking und Bruno Labbadia geübt worden ist, die alle mangelnden Respekt gegenüber den Trainern beklagen?

Ich fände es vermessen, wenn ich jetzt schon Grundsatzaussagen wie jene Kollegen träfe, die über eine jahrzehntelange Erfahrung verfügen. Was ich als junger Trainer allerdings schon sagen kann: Es strömt viel auf uns ein. Mannschaft, Geschäftsführung, Öffentlichkeit, Fans, ganz viele Facetten. Daher kann ich nachvollziehen, dass zuweilen mehr Respekt eingefordert wird vor dem, was Trainer leisten. Also mit der Grundrichtung stimme ich überein.

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Fred Schulz ist bis heute der älteste Bundesliga-Trainer. Er war bis zum 29. April 1978 bei Werder Bremen tätig und bei seinem letzten Bundesligaspiel 74 Jahre und 184 Tage alt. ©

"Sucht euch Vereine, wo Ihr den Erfolg nicht verhindern könnt"

Im Vergleich zu den letzten Jahren trat Werder in der abgelaufenen Saison wie verwandelt auf. Wie haben Sie das angestellt?

Ich hatte beim DFB einen Ausbilder, den ich sehr geschätzt habe. Es war Bernd Stöber, bei dem ich die A-Lizenz gemacht habe. Zum Abschluss des Lehrgangs hat er uns dies mit auf den Weg gegeben: „Sucht Euch Vereine, wo Ihr den Erfolg nicht verhindern könnt!“ Ich habe mir diesen Spruch gemerkt. Ganz so extrem würde ich es nicht sehen. Doch meine Auffassung steht: Die maßgeblichen Leute für den Erfolg waren die Spieler, sie haben umgesetzt, was wir vorhatten. Wir hatten einen klaren und mutigen Plan, doch die Spieler haben ihn verfolgt, sie waren immer bereit, sie verkörperten diese Mentalität, immer gewinnen zu wollen.

Europa als Saisonziel. War der Plan womöglich zu ambitioniert?

Nein, wir haben 53 Punkte erreicht, was so schlecht nicht ist. Am Ende langte es nicht ganz. Die Zielsetzung hatte eine gewisse Berechtigung. Die Rahmenbedingungen passten, wie auch die Zusammenstellung des Kaders, obwohl es zehn, elf Mannschaften gibt, die mehr Geld investieren, individuell möglicherweise besser besetzt sind. Aus meiner Sicht ist dies auch als ein dickes Kompliment an Frank Baumann zu verstehen.

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Können Sie kurz Ihre Philosophie von Fußball umreißen?

Ganz platt gesagt: Der offensive Gedanke steht im Vordergrund, ohne dass wir defensive Überlegungen ausklammern. Eine logische Abfolge: Wir überlegen zunächst, wie wir angreifen wollen, und auf dieser Grundlage plane ich, wie wir verteidigen wollen. Im Offensivspiel sollen wir stets auf der Suche nach Tempoaktionen sein, die aber keinesfalls nur Umschaltmomente sein müssen. Die große Kunst ist, diese Entscheidungsqualität zu haben, zu erkennen und zu wissen, wann ich den entscheidenden vertikalen Ball spiele. Exzellent praktiziert damals bei den Bayern unter Guardiola.

Guardiolas Dominanz oder Klopps Umschaltspiel ...

... Moment mal, ich sehe diesen Gegensatz eher nicht. Liverpool unter Jürgen Klopp kann nicht nur auf Tempo und schnelles Umschalten reduziert werden, die Elf spielt schon länger viel geduldiger, lässt den Ball laufen, um dann mit einer Rasanz und Geschwindigkeit zu stürmen. Und bei Guardiola waren die Tempoaktionen nach langen Ballstafetten auch wirkungsvoll, wie bereits erwähnt.

Wie sind Sie mit dem Offensivspiel bei Werder zufrieden?

Wir hatten Momente, die es uns schwerer gemacht haben, Tore zu schießen, weil die Gegner sich auf uns eingestellt haben. Das belegen die Daten. Es war enorm schwer, Zugriff auf uns zu bekommen, das heißt, den Ball zu erobern. Wir kamen systematisch und häufig ins letzte Drittel. Doch dann haperte es, dort passierte zu wenig. Dies war der limitierende Faktor in unserem Spiel. Wir haben, gerade in Spielen wie gegen Nürnberg und Stuttgart fast Handball gespielt, doch zu wenig Tore geschossen. Daran müssen wir arbeiten.

Der Grund für die knapp verpasste Qualifikation für den Europacup?

Rein punktemäßig betrachtet, eindeutig ja. Unsere Ausbeute gegen die oberen Sechs der Liga ist mehr als in Ordnung, doch gegen die letzten Drei haben wir nur sechs von 18 möglichen Punkten geholt.

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Lag es daran, dass Sie wie auch der Bundestrainer keinen echten Zentralstürmer im Kader hatten?

Diese Frage wurde mir schon im letzten Sommer gestellt. Willst Du keinen richtigen Stürmer haben? Natürlich will ich das. Doch wir mussten abwägen. Unser erster Gedanke war, die spielerische Komponente zu stärken. Unsere Analyse hat nun die Erkenntnis gebracht, dass in manchen Partien das Zentrum nicht so optimal besetzt war. Im Übrigen: Ich hatte einen zentralen Stürmer, nur ist der leider 40 Jahre alt, kann nicht immer von Beginn an spielen.

"Keine von der Romatik diktierte Entscheidung"

Sie spielen auf Claudio Pizarro an, der Ihnen erhalten bleibt. Was sprach für einen neuen Vertrag?

Es ist keine von der Romantik diktierte Entscheidung, in dem Sinne: Alle lieben „Pizza“, also muss er bleiben. Es war eine rein sportliche Entscheidung von Frank Baumann und mir. Erstens der positive Effekt, wenn er auf den Platz kommt, als Joker, als Mann für die besonderen Momente. Und zweitens auch die Tatsache, wie wertvoll er in der Kabine ist, welche Aura er im Mannschaftskreis verströmt.

In der neuen Saison steht Ihnen neben „Pizza“ mit Niclas Füllkrug ein weiterer echter Mittelstürmer zur Verfügung.

Ein Grund, warum wir diesen Transfer gemacht haben. Natürlich birgt er ein gewisses Risiko, doch ich würde dies mal als einen klassischen Werder-Einkauf bezeichnen. Wenn Niclas gesund bleibt, wovon wir überzeugt sind, kann er den Weg weitergehen, den er schon eingeschlagen hat, als er ans Tor der Nationalelf geklopft hat.

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Mit Max Kruse verlieren sie einen markanten Kopf. Werden Sie nun viel umstellen müssen?

Max zu verlieren tut unheimlich weh, gerade mir aus menschlicher Sicht. Doch ich sehe auch eine Chance. Wir hatten sehr viel um Max herum gebaut, was die Aufstellung und die Spielidee angeht. Ich glaube, dass wir Spieler gewinnen können, die ihn adäquat ersetzen können. Ob einer oder mehrere, vermag ich noch nicht zu sagen. Doch ich sehe auch die Möglichkeiten, die sich auftun. Wir können uns im Offensivspiel variabler aufstellen, wir werden und müssen gewisse Dinge verändern.

Inwiefern?

Wir hatten als Basissystem ein 4-3-3 mit Kruse als zentralem Stürmer, sozusagen freischwebend im Raum. Dadurch hatten viele Gegner keinen Zugriff auf uns. Doch bei aller herausragenden Qualität von Max Kruse, hat es gewisse Beschränkungen für unser Spiel mit sich gebracht. Wir konnten ihn nicht als Achter agieren lassen und davor einen anderen Stürmer platzieren, das hätte Probleme mit der Balance zur Folge gehabt.

Werder hat den Status einer Überraschungself längst verloren, wird wieder mehr beachtet. Befürchten Sie, dass die Konkurrenz Ihnen nun ganz anders begegnen wird?

Es war doch schon der Fall. Gegner haben sich auf uns eingestellt, haben gegen uns anders gespielt als sonst - selbst Mannschaften aus dem oberen Drittel. Es wird für uns eine Herausforderung. Damit umgehen zu können, dies wird der nächste Schritt sein, den wir anstreben müssen. Wir müssen neue Lösungen dafür finden.

Die Attraktivität lebt von dem fantastischen Zusammenspiel mit den Fans

WM-Desaster, Pleiten im Europacup, in Teilen auch eine Misere in der Liga. Geht es mit dem deutschen Fußball bergab?

Ich sehe keine spielerische Krise. Ich finde, die Bundesliga hat in der letzten Saison an Attraktivität gewonnen. Woran ich das festmache? Immer mehr Mannschaften wollen ein Spiel gestalten, nicht nur reagieren. Wir besitzen gute Spieler, in der jüngeren Generation wachsen viele nach. Sie bleiben der Liga erhalten, es setzt kein Fluchtreflex ins Ausland ein.

Und die Rahmenbedingungen? Stichworte: das viele Geld, die Entfremdung von den Fans, die Debatten um den Videobeweis. Was wird aus dem Profifußball?

Es fällt mir schwer, das in Gänze zu bewerten. Was ich betonen möchte: Die Attraktivität lebt von dem fantastischen Zusammenspiel mit den Fans. Das erlebe ich jedes Wochenende, diese Stimmung, diese Emotionalität. Es ist einzigartig, hebt uns von den Topligen ab, selbst von der Premier League. Das dürfen wir nie vernachlässigen und vergessen.

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