09. März 2021 / 11:32 Uhr

Wermsdorf-Legende Züchner spielte gegen Lok Leipzigs spätere Europapokal-Kicker

Wermsdorf-Legende Züchner spielte gegen Lok Leipzigs spätere Europapokal-Kicker

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Züchner
Manfred Züchner als Schiedsrichter bei einem Nachwuchsspiel. © André Kamm
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Seit über 60 Jahren ist Manfred Züchner schon mit dem FSV Blau-Weiß Wermsdorf verbunden. Im SPORTBUZZER-Interview erzählt der 70-Jährige über seine Blau-Weiße Liebe, Titel und Europapokalspieler.

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Wermsdorf. Manfred Züchner (Jahrgang 1950) ist ein Urgestein des Wermsdorfer Fußballs. Er war als Spieler und Trainer erfolgreich, arbeitete lange Jahre als Schiedsrichter und ist seit einigen Jahren Platzwart bei den Blau-Weißen. Im SPORTBUZZER-Interview gibt das Wermsdorfer Ehrenmitglied Einblick in fünf Jahrzehnte Fußballgeschichte.

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SPORTBUZZER: Die Fußballer in Wermsdorf blicken auf eine 92-jährige Geschichte zurück. Wie viele Jahre haben Sie persönlich auf dem Platz an der Sachsendorfer Straße oder an der Seitenlinie zugebracht?

Manfred Züchner: Das sind nun mittlerweile über 60 Jahre. Mit neun Jahren habe ich 1960 mit dem Fußballspielen im Hubertusburger Nachwuchs angefangen. Mein erster Trainer war Erich Schulze, ein Fußballverrückter, der 1946 heiratete und nach der Trauung mit der Mannschaft zum Punktspiel nach Mutzschen fuhr.



In der damaligen DDR waren die Vereine in Betriebssportgemeinschaften, abgekürzt BSG organisiert.

Die Wermsdorfer hatten als Trägerbetrieb die Klinik Hubertusburg und kickten im Mehrspartenverein BSG Medizin Wermsdorf. Der Verein wurde von der Klinik gut unterstützt. Die Trikotsätze wurden in der Wäscherei der Klinik gewaschen, Busse für die Auswärtsfahrten wurden gestellt und in der Klinik beschäftigte Sportler auch mal für Wettkämpfe freigestellt.

Wermsdorf
Die Mannschaft von Blau-Weiß Wermsdorf anno 1994 mit Trainer Manfred Züchner (l., hinten). © Verein

Zurück zu Ihrer Nachwuchszeit – wie ging es weiter?

Mit 14 Jahren wurde man in die Altersklasse Jugend aufgenommen. Meist wurde ich als Stürmer eingesetzt. Die Wermsdorfer spielten damals im Kreis Oschatz und sortierten sich meist im Mittelfeld der Tabelle ein.

Als körperlich großer Spieler haben sie sicher viele Kopfballtore erzielt?

(lacht) Ein Kopfballungeheuer war ich trotz meiner Größe nie.

Mit 18 Jahren kam dann der Wechsel in den Erwachsenenbereich.

Mit Erlaubnis der Eltern und ärztlicher Bescheinigung konnte ich schon mit 17 Jahren bei den „Großen“ mitspielen. Als „junger Hüpfer“ wurde ich von der Mannschaft gut aufgenommen. Besonders die „alten Hasen“ Gerhard Seidel und Ernst Wentzlaff haben mich gefördert.

Wie ging es weiter?

1969 ging es für drei Jahre zur Armee – als ich zurückkam, lag der Fußball am Fuße der Hubertusburg ziemlich am Boden. Von 1972 bis 1975 gab es keine eigenständige Herrenmannschaft in der BSG Medizin.

Und nun?

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Die wenigen verbliebenen Wermsdorfer Spieler kickten in den Nachbarvereinen. Ich schloss mich notgedrungen mit unserem Torhüter Achim Kreutzmann der BSG Traktor Ablaß an. Andere gingen nach Mutzschen oder Dahlen.

1975 gelang dann der Neustart im Männerbereich.

Wolfgang Finke versuchte erfolgreich über den Ausbau der Nachwuchsarbeit auch den Männerfußball zu reaktivieren. Dazu kam, dass einige unserer Legionäre gerne zurückkehrten – 1975 war es dann soweit. Die Wermsdorfer Mannschaft musste nach der langen Pause logischerweise in der 2. Kreisklasse einsteigen und schaffte gleich den Aufstieg.

Ein Wiederbeginn nach Maß also?

So sicher waren wir uns zum Neustart nicht. Ich erinnere mich da an das erste Vorbereitungsspiel der neuformierten Mannschaft im August 1975 mit Trainer Gerd Roßberg. Wir spielten als neu zusammengestellte Truppe bei Medizin Zschadraß und lagen zur Halbzeit mit 0:4 hinten. Einigen kamen Zweifel, ob der Neuanfang Sinn machte – aber die Kämpfer im Team setzten sich durch. In Halbzeit zwei hauten wir alles rein und gewannen noch 5:4. Obwohl nur ein erstes Vorbereitungsspiel, war es doch ein Schlüsselspiel, was das Selbstbewusstsein und den Zusammenhalt in der Mannschaft betraf.

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Wer waren Ihre sportlichen Konkurrenten im Altkreis Oschatz?

Die zweite Oschatzer Mannschaft, Dahlen, Mügeln. Die Anzahl der Mannschaften in der Collmregion war damals allerdings größer als heute. Ein Beispiel: So verfügten die Vereine im Südraum Mügeln, Ablaß und Schweta über sechs Männermannschaften – heute sind es noch zwei. Bei anderen großen Traditionsvereinen, wie etwa Traktor Börln weiden heute Pferde auf dem Fußballfeld.

Wie haben die Zuschauer die Punktspiele angenommen?

Wir hatten unsere rund 40 Stammzuschauer. Heute haben wir erfreulicherweise einen Zuschauerschnitt von 100 an der Sachsendorfer Straße. Bei Derbys sind es auch schnell über 200 Fußballinteressierte.

1978 - zum 50. Jubiläum der Fußballer waren die A-Junioren von Lok Leipzig zu Gast. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Die Loksche reiste mit Spielern an, die dann in den 1980er Jahren als Männer die legendären Europapokalerfolge mit ihrem Verein feierten. Die Jungs waren technisch besser – unsere Männer setzten ihren Kampfgeist dagegen. Vor vielen Zuschauern verloren wir knapp mit 3:4. Ich spielte auf der Liberoposition. Die Gäste bekamen damals aus unserer Sicht zwei Elfmeter geschenkt. Beim lockeren Plausch nach dem Freundschaftsspiel bestätigten die „gefoulten“ Lokspieler unsere Ansicht, meinten aber lässig, dass das „richtige“ Fallen auch trainiert werden muss.

1989 – im letzten Jahr der DDR wurden die Hubertusburger Kreismeister.

Ein schöner Erfolg mit Startschwierigkeiten. Ich erinnere mich an das erste Punktspiel zu Hause gegen Terpitz. Wir berannten 85 Minuten das Terpitzer Tor und verloren mit 0:1.

Weitere erfolgreiche Jahre folgten mit Ihnen als Trainer.

In der Saison 1992/93 holten wir Meisterschaft und Pokal. In der folgenden Saison konnten wir diesen Doppelerfolg wiederholen und gewannen sogar noch die Hallenkrone.

Was zeichnete die damalige Erfolgsmannschaft aus?

Der Zusammenhalt war in der Mannschaft sehr stark. Dazu kam, dass einige schon im Nachwuchsbereich gemeinsam spielten. Mit vielen der Stammspieler hatte ich selbst noch zusammen gespielt. Die wenigen Neuzugänge, wie Jürgen Busch, Thomas Johst und unser kickender äthiopischer Arzt Teffera Mekkonen passten in die Mannschaft. Mit Gerd Roßberg als Co-Trainer habe ich mich gut verstanden.

Greenkeeper Züchner
Seit sechs Jahren pflegt Manfred Züchner den Platz beim FSV Blau-Weiß Wermsdorf. © André Kamm

Wie würden Sie ihr Temperament als Trainer charakterisieren?

Ich bin eher der ruhige Typ, der aber auch mal laut werden konnte.

Die Trainer im Amateurbereich klagen heute manchmal über Reserven in der Trainingsbeteiligung.

Damals sah es nicht besser aus. Wenn sich zehn bis zwölf Spieler am Training beteiligten, war ich schon zufrieden.

1996 übernahm mit Wolfgang Müller ein überregional bekannter Trainer die Wermsdorfer Mannschaft.

Gerd Roßberg und ich sind ohne zu murren ins zweite Glied zurückgetreten. Der Erfolg im Verein stand für uns über eigenen Befindlichkeiten. Trainer Wolfgang Müller hatte 1996 gute Fußballspieler beisammen, aber keine Mannschaft. Das ist heute anders. Die Trainer Dierk Kupfer, Mike Rische und die Spieler halten zusammen und stehen füreinander ein. Die erste und zweite Männermannschaft schotten sich heute nicht voneinander ab, sondern trainieren und feiern gemeinsam.

Wie ging es für Sie weiter?

Ich hatte 1996 schon einige Zeit die Schiedsrichterlizenz und habe bis zu meinem 50. Lebensjahr, also bis ins Jahr 2000, als Unparteiischer in der Kreisliga Spiele geleitet. Wenn ich gebraucht werde, übernehme ich bis heute als Schiedsrichter die Heimspiele der F und E Junioren.

Seit sechs Jahren sind Sie der Platzwart an der Sachsendorfer Straße. Wie kommt man zu diesem Posten?

Beim Eintritt ins Rentnerleben fragten mich unser Präsident René Naujoks und Jugendleiter Roland Büchner, ob ich die Aufgabe übernehme. Ich habe gerne zugesagt und werde vom Vorstand, Roland Büchner und meinen Söhnen Robby und Robyn gut unterstützt. Viele Spieler sind froh, auf einem gepflegten Rasen zu spielen und wissen meine Arbeit als Platzwart zu schätzen. 2015 hat mich der Verein zum Ehrenmitglied ernannt – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Im Moment ruht der Ball coronabedingt. Wie viel Zeit investieren Sie unter normalen Bedingungen wöchentlich in der Punktspielzeit als ehrenamtlicher Platzwart?

Etwa 10 bis 15 Stunden kommen so manchmal zusammen. Mäharbeiten, bei Trockenheit Rasen bewässern und Abkreiden sind immer wiederkehrende Aufgaben. Meine Arbeit wird im Verein geschätzt. Bei größeren Arbeitseinsätzen stehe ich nicht nur mit einer Handvoll Leuten da – hier packen immer 20 bis 30 Helfer mit an. Oldies, Vorstand, Spieler und Trainer sind dann am Wochenende dabei und die Arbeit ist schnell erledigt – das ist beeindruckend.

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Ihre zwei Söhne spielen mittlerweile bei den Männern. Sind Sie ein kritischer Beobachter?

Ich bin stolz, wie sich Robby und Robyn entwickelt haben. Beide sind darüber hinaus im Vorstand und Beirat für den Verein aktiv.

Sie sind nun schon beachtliche sechs Jahrzehnte dem regionalen Fußball verbunden und immer noch vor Ort. Wie hat sich der Fußball hier bis heute entwickelt?

Die Anzahl der Vereine und gemeldeten Mannschaften ist in den letzten 30 Jahren zwar zurückgegangen, aber das Spiel ist heute auch im Regionalfußball schneller und technisch besser geworden als zu meiner aktiven Zeit.

Ihr Blick in die Zukunft.

Persönlich hoffe ich, dass ich noch einige Jahre dabei bleiben kann und dem FSV Blau-Weiß Wermsdorf damit helfe. Der Verein hat in den letzten Jahren durch viele engagierte Mitglieder einen Sprung nach vorn gemacht. Trainer und Spieler beider Männermannschaften bilden eine Einheit – die Spieler sind motiviert. Im Nachwuchsbereich wird trotz Geburtenrückgang und konkurrierender Freizeitangebote eine tolle Arbeit geleistet. Unser Vorstand unterstützt die Arbeit der Trainer und Helfer hinter den Kulissen vorbehaltlos. Ich bin stolz auf diese Entwicklung und wünsche mir, dass es so bleibt.

André Kamm

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