09. Februar 2021 / 14:08 Uhr

Wermsdorfer Justus Keller: „Verbundenheit unserer Mitglieder stimmt mich positiv“

Wermsdorfer Justus Keller: „Verbundenheit unserer Mitglieder stimmt mich positiv“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Mannschaft freut sich mit dem Torschützen Justus Keller (2.v.l.) über das 4:1 gegen Chemnitz, weiter im Bild v.l.: Meik Eckert, Dominic Arendt (hinter Keller), Florian Böttger, Pascal Weidner und Sebastian Körner.
Die Mannschaft freut sich hier mit dem Torschützen Justus Keller (2.v.l.) über das 4:1 gegen Chemnitz. © René Wegner
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Die Kicker des FSV Blau-Weiß Wermsdorf arbeiten im Lockdown daran, ihr Level zu halten, um bei Wiederbeginn an ihre Siegesserie zuvor anzuknüpfen. Justus Keller, der sich bereits in der Herrenmannschaft etablieren konnte, sieht es als wichtigen Schritt an, dass auch die nachfolgenden A-Jugend-Spieler gut in die erste Mannschaft integriert werden.

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Wermsdorf. Justus Keller wohnt in Luppa und spielt für Blau-Weiß Wermsdorf in der Fußball-Nordsachsenliga. Zudem studiert der 22-Jährige, der in der vergangenen Saison mit seiner Mannschaft Kreispokalsieger wurde und oft Spielberichte für den SPORTBUZZER schreibt, in Leipzig Lehramt in den Fächern Sport und Geschichte. Im Interview spricht er auch über seinen Weg in die Wermsdorfer Stammformation.

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SPORTBUZZER: Der Ball ruht seit einiger Zeit. Deshalb würden wir gerne mit Ihnen auf die jüngere Vereinsgeschichte und Ihre Erfahrungen zurückblicken. Wie liefen Ihre ersten Schritte bei den Männern?

Keller: Wir jungen Spieler hatten schon im frühen A-Jugendalter die Chance, bei den Herren mitzutrainieren. Dafür bin ich dankbar, denn das Niveau vor allem hinsichtlich der Körperlichkeit ist wirklich etwas Anderes und so hatten wir ausreichend Zeit, uns daran zu gewöhnen. Natürlich war man auch stolz, nun neben den Jungs zu sitzen, die man sonst nur von draußen bejubelt hat.

Was sind Ihre Erinnerungen an die ersten Pflichtspiele?

Da wäre zunächst mein Debüt, was mich heute noch manchmal im Schlaf heimsucht. Es war ein brütend heißer Tag. Bei uns an der Sachsendorfer Straße gastierten zum Ligaauftakt die Männer von der Mühle aus Zwochau. Ich war gerade volljährig geworden. Hinter unserer Ersten lag eine Saison zum Vergessen, mit Klassenerhalt am grünen Tisch. Nun waren einige junge, veranlagte Spieler neu dabei und die Vorfreude spürbar. Beim Betreten des Rasens hab ich gleich gemerkt, dass das hier eine andere Nummer ist. Mein Mund war staubtrocken und meine Beine haben ein bisschen gezittert.

Als Kapitän unserer A-Jugend und jemand, der gerne Verantwortung übernimmt, hatte ich mir viel vorgenommen, erhielt aber einen Denkzettel. Nach wenigen Minuten hat mich mein Gegner beim Freistoß wie einen nassen Sack beiseite gepackt und es hat bei uns im Kasten geklingelt. Danach bin ich wie ein aufgescheuchtes Huhn umhergerannt, um meinen Fehler wieder gutzumachen. In der Halbzeitpause dachte ich, ich kollabiere gleich und durfte nach einer knappen Stunde unter die Dusche. Wir haben verloren und mein Stand war erstmal schwierig.

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Seitdem haben Sie sich zum Stamm- und Führungsspieler entwickelt. Wie ging es weiter?

In der A-Jugend war ich unter Trainer Sven Juretschke, der für mich nicht nur fußballerisch eine wichtige Bezugsperson war, als Kapitän in der Landesklasse in verantwortungsvoller Position und wollte dort niemanden enttäuschen. Die Männer hatten Personalprobleme und drückten auf Einsätze von uns jungen. Nicht falsch verstehen, zwei Spiele an einem Wochenende waren immer das, was ich mir gewünscht habe, nur kamen noch Schule, Abitur, Eltern, Freunde, Freundin, Partys dazu, dann kann es schon mal sein, dass man sich übernimmt oder überschätzt. In diese Zeit fiel die berühmt-berüchtigte Zettelaktion von Trainer Dierk Kupfer, die für mich einen Wendepunkt dargestellt hat.

Vorm Spiel in Krostitz knirschte es gewaltig, Dierk hat uns statt der üblichen Ansprache nebst Anfangsformation ein weißes Blatt hingelegt, nach dem Motto: Wenn ihr denkt, ihr könnt es selbst am besten, dann bitte. Unsere Aufstellung war murks, wir haben 1:2 verloren, aber in der Mannschaft hat es etwas in Gang gesetzt. Der Trainer ist seitdem unser absoluter Anker und jeder hat kapiert, dass es nur zusammen geht. Ach ja, ich habe in der Nachspielzeit das Anschlusstor für uns über die Linie gestolpert, mein erstes im Herrenbereich. Unbedeutend für die Statistik, aber es hat mir gezeigt, dass es geht. Danach gab es für mich Höhen und Tiefen, aber wir sind unseren Weg gegangen und nach etlichen Rückschlägen und harter Arbeit jetzt nicht ohne Grund da, wo wir stehen. Ich könnte einige Geschichten erzählen: Platzverweisrekord, skurriler Torjubel, legendäre Spielanalysen, krachende Niederlagen, wilde Auswärtsfahrten, aber dafür reicht der Platz hier nicht.

Der vorläufige Höhepunkt war das schon oft beleuchtete Pokalwochenende 2020. Welche Schritte ging das Team auf diesem Weg?

Wir jüngere Spieler haben erst wichtige Erfahrungen machen müssen, um in unsere Rollen zu wachsen. So hat sich Pascal Weidner auf dem rechten Flügel im Duett mit seinem Zwillingsbruder Dominik zur krassesten Kombi der Liga entwickelt. Die Anlagen steckten lange in unserem Team, nur hat es das Zusammenspiel vieler Komponenten gebraucht, um alles überzeugend aufs Grün zu bekommen. Schlüsselmomente zu benennen fällt hier nicht so leicht, da es ein Prozess über mehrere Jahre war. Spiele gegen Mannschaften, gegen die es sonst ordentlich Haue gegeben hatte, wurden knapper. Da hat sich schnell der Gedanke gefestigt, dass man nicht mehr damit zufrieden sein kann, wenn es gegen Radefeld kein halbes Dutzend mehr gibt.

Neue Spieler integrieren

Gegen Radefeld gelang 2017/18 ein überraschender Heimerfolg, und einige Sensationen später landete Wermsdorf auf Rang drei.

Im Frühsommer 2018 haben wir den Beweis dafür erhalten, dass wir einiges richtig machen. Wir sind Altkreismeister geworden, haben die ganz Großen der Liga geärgert, für die wir jahrelang nur Dorftreter waren, die hinten einen etwas beleibteren Libero haben, der nur die Bälle wegdrischt. Im Kern trifft das wohl heute noch zu. Denny Beckedahl hat nicht abgenommen und Sebastian Körner oder ich kriegen immer noch zu viele unnötige gelbe Karten. Aber jetzt wird der lange Ball eben manchmal Ausgangspunkt für schöne Tore oder es gibt die gelbe Karte wegen Meckerns, weil man zum dritten Mal vom selben Glatzkopf auf den Schienbeinschoner bekommen hat. Unsere Mannschaft hat mittlerweile viele Facetten zu bieten und das Wermsdorfer Bild im Kreis ist ein ganz anderes. Es ist unsere Aufgabe, in dieser Zwangspause daran zu arbeiten, unser Level nicht zu verlieren, um bald noch stärker zurückzukommen.

Sie thematisieren die Zukunft. Wie sehen Sie ihren FSV Blau-Weiß in der kommenden Zeit?

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Es gilt, den Anspruch hochzuhalten und stets hohe Ziele zu verfolgen. Dabei muss uns aber immer klar sein wo wir herkommen und wofür wir stehen wollen. Im Umkreis haben einige Beispiele gezeigt, dass verheißungsvolle Zustände immer nur Momentaufnahmen sind. Unser Trainer hat in seinem Interview ja auch öffentlich eine Marschroute genannt. Mannschaftlich stehen wir vor der Aufgabe, neue junge Spieler wie Ben Dechert, Max Thomas oder meinen Bruder Johannes zu integrieren, die aus einer ähnlichen Position wie wir vor ein paar Jahren starten.

Ansonsten gilt, die mannschaftliche Geschlossenheit beizubehalten. Aber da mache ich mir keine Sorgen. Auch wenn wir uns grade nicht sehen, sind wir gut vernetzt und die Reunion-Party wird garantiert kommen. Blau-Weiß Wermsdorf ist auch dank unseres Pokalerfolgs als Zugpferd im Kreis mit guten Karten dabei. Die müssen wir geschickt spielen, um uns als Anlaufstelle für Nachwuchsspieler zu etablieren. Die in diesen schwierigen Zeiten mehr als deutlich sichtbar gewordene Verbundenheit unserer Mitglieder zum Verein stimmt mich äußerst positiv. Präsident, Sponsoren, Trainer, Spieler, Eltern und viele andere bringen den Verein voran und machen uns zu einer wachsenden Familie. Ich bin stolz, ein Teil davon zu sein.

André Kamm