02. August 2020 / 12:52 Uhr

Nach Werner wohl auch Havertz und Sancho weg: Hat die Bundesliga ein Attraktivitätsproblem?

Nach Werner wohl auch Havertz und Sancho weg: Hat die Bundesliga ein Attraktivitätsproblem?

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wenn Top-Stars wie Leroy Sané in die Bundesliga wechseln, ist der FC Bayern praktisch immer beteiligt. Andere Klubs wie Dortmund, Leverkusen oder Leipzig müssen stattdessen um ihre Leistungsträger fürchten.
Wenn Top-Stars wie Leroy Sané in die Bundesliga wechseln, ist der FC Bayern praktisch immer beteiligt. Andere Klubs wie Dortmund, Leverkusen oder Leipzig müssen stattdessen um ihre Leistungsträger fürchten. © Getty/Montage
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Verlassen nach Timo Werner auch Kai Havertz und Jadon Sancho die Bundesliga? Nicht nur RB Leipzig, sondern auch Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund droht der Verlust der größten Aushängeschilder. Nur der FC Bayern rüstet weiter auf. Der Liga droht auf dem Weltmarkt ein Imageproblem.

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Timo Werner ist schon weg, mit Kai Havertz und Jadon Sancho stehen die nächsten großen Superstars vor dem Absprung aus der Bundesliga. Während mit RB Leipzig, Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund gleich drei Verfolger jeweils ihren größten Leistungsträger verlieren, rüstet der ohnehin schon alles dominierende Serienmeister FC Bayern München weiter auf. Die Verpflichtung von Leroy Sané zementiert die Machtposition des Rekordmeisters, der den Titel zuletzt acht Mal in Serie gewann. Der Transfer kam nicht wegen, sondern trotz der Bundesliga zustande, die mit Ausnahme des FCB schon seit Jahren immer wieder den Verlust der namhaftesten Spieler kompensieren muss.

Fertige Stars werden wohl weder Leipzig noch Dortmund oder Leverkusen holen, um die drei Weltklasse-Spieler zu ersetzen. "Den Fußballer Timo Werner und seine unglaubliche Quote kann man nicht eins zu eins ersetzen, das werden wir als Team hinbekommen", sagte RB-Verteidiger Marcel Halstenberg gerade erst dem SPORTBUZZER. Heißt: Lösungen im Kollektiv, ohne große Stars. Auch beim BVB zeichnet sich trotz der Gerüchte um Memphis Depay ab, dass eher kein Topstar auf Jadon Sancho folgt. Kolportiert werden die Namen Jonathan Ikoné (OSC Lille) und Jeremie Boga aus Sassuolo. Keine Profis, die dafür sorgen, dass die Bundesliga auf den großen Absatzmärkten in Asien, Afrika oder den USA in den Fokus rückt.

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Das gleiche Spiel bei den Trainern. 2014 standen sich im Finale des DFB-Pokals noch Jürgen Klopp und Pep Guardiola gegenüber, die wohl prominentesten Coaches der Welt. Heute heißen die Trainer von Bayern und Dortmund Hansi Flick und Lucien Favre - erwiesenermaßen große und erfolgreiche Fußball-Fachleute, aber (noch) nicht ausgestattet mit Namen, die Weltstars anlocken können. Ganz anders England oder Spanien, wo sich mit Klopp, Guardiola, Mourinho, Ancelotti, Lampard, Zidane, Emery oder Simeone zahlreiche Berühmtheiten tummeln.

Leno: Titelrennen in der Bundesliga inzwischen "langweilig und traurig"

Wie im Ausland inzwischen auf den deutschen Fußball geschaut wird, belegen Aussagen früherer Bundesliga-Profis. "Ich finde die Bundesliga langweilig. In 95 Prozent der Fälle gehen die Bayern als Sieger vom Platz", urteilte der Ex-Schalker Christian Fuchs einmal, der mit Leicester City vor vier Jahren sensationell Meister wurde. "In England ist das Niveau viel höher und jeder kann jeden schlagen." Als die Bayern in diesem Jahr frühzeitig die Meisterschaft perfekt machten, meldete sich Nationaltorwart Bernd Leno. "Bayern ist schon Meister, wie immer", sagte der Keeper des FC Arsenal. "Das ist langweilig und traurig." Er wünsche sich "einen spannenden Meisterschaftskampf", sehe diesen aber "in naher Zukunft" nicht mehr. Selbst DFB-Präsident Fritz Keller warnt davor, die Bayern-Dominanz mache die Liga auf Dauer "gähnend langweilig". Kaum ein Trost, dass Frankreich und Italien ganz ähnliche Probleme haben.

Talente entwickeln kann man in Deutschland indes wie kaum anderswo: in Europa hat die Liga vor allem im Vergleich mit anderen großen Staffeln wie der Premier League und der La Liga mittlerweile den Ruf einer Ausbildungsliga. Das lockt Top-Youngster an, von denen die Liga allerdings oft nicht lange etwas hat. Transfers wie der des 17-jährigen Birmingham-Talents Jude Bellingham zum BVB oder Tanguy Nianzou Kouassi vom FC Bayern untermauern dieses Image. "Es gibt keinen besseren Verein auf der Welt, der junge Talente hervorbringt und sie auf die nächste Karrierestufe führt", sagte Bellingham bei seiner Vorstellung in Dortmund. "Ich möchte mich hier weiterentwickeln." Um dann, wie wohl in den kommenden Wochen sein Landsmann Sancho, in einigen Jahren wieder in die weltweit mehr beachtete Premier League zu gehen?

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Rummenigge: "Junge Spieler könnten die Liga nur noch als Durchgangsstation ansehen"

Ein Sehnsuchtsort, wo sich bei unterschiedlichsten Klubs große Namen tummeln, die noch dazu aus vollem Herzen 'Ja' sagen zum deutschen Fußball, ist die Bundesliga anders als die Premier League längst nicht mehr. Der ehemalige Nationalspieler und SPORTBUZZER-Kolumnist Michael Rummenigge sieht den Bellingham-Transfer zwar positiv und attestiert dem BVB ein "gutes Händchen für junge Spieler", hat aber auch eine große Sorge: "Junge Spieler könnten die Bundesliga nur noch als Durchgangsstation ansehen." Wie Ousmane Dembélé, der sich nach nur einer Saison bei der Borussia zum FC Barcelona streikte. Oder Frankfurts "Büffelherde" - Luka Jovic (Real Madrid), Sebastien Haller (West Ham United) und Ante Rebic (AC Mailand) suchten das Weite, als die ersten Angebote eintrudelten. Und wenn tatsächlich einmal globale Stars kommen, dann vor allem, weil es andernorts nicht mehr hingehauen hat - wie James Rodriguez oder Philippe Coutinho bei den Bayern oder André Silva bei den Frankfurtern. Nicht aus Überzeugung, eher mangels echter Alternativen.

Die finanziellen Gründe sind für diese Entwicklung in der Tat der wohl größte Faktor. Die Schere geht immer weiter auf. Im Vergleich zu internationalen Spitzenklubs wie Manchester City oder Paris Saint-Germain oder selbst englischen Aufsteigern müssen Eintracht Frankfurt, der FC Augsburg & Co. ihr Budget durch Spielerverkäufe gehörig aufbessern, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Ein Blick auf die TV-Gelder macht die Diskrepanz deutlich: in der Saison 2018/19 kassierten die Premier-League-Absteiger Huddersfield, Fulham und Cardiff jeweils rund 110 Millionen Euro allein durch die Rechtevergabe. Zum Vergleich: in Deutschland sind die Bayern mit derzeit 70 Millionen Euro für eine Saison Krösus, die Abstiegskandidaten sammeln "nur" rund 30 Millionen ein. Das Gehaltsniveau ist entsprechend.

"So wie ich das mitbekomme, will einfach keiner mehr nach Deutschland", sagte der gut vernetzte griechische Nationalspieler José Holebas (36) vom FC Watford deshalb eher wenig überraschend dem SPORTBUZZER im vergangenen Sommer. "Wen hast du denn da noch großartig? Klar gibt es Vereine wie Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen oder den FC Schalke – wobei auch die im Moment nicht die große Nummer sind. Du hast in Deutschland nur vier, fünf gute Vereine, danach kommt nichts mehr." In der Premier League dagegen habe "jeder Verein Geld – da geht ein gescheiter Spieler auch mal nicht gleich zu einem Top-Verein, um richtig Geld zu verdienen".

Großinvestitionen in namhafte (und deshalb teure) Spieler von Bundesligisten sind so naturgemäß eher die Seltenheit. Nur der FC Bayern kann seit Jahren nicht nur beständig seine größten Spieler halten, sondern gewinnt mit Lucas Hernandez oder Leroy Sané sogar neue hinzu. Die Aussicht auf viele Titel lockt: die Meisterschaft ist fast schon eingeplant, die Champions League das Ziel. Hier sind die großen Finanztöpfe, von denen der Rekordmeister mehr als jeder andere deutsche Klub profitiert.

Mario Götze ist für kaum einen Bundesliga-Klub ein Thema

Wirtschaftliche Erwägungen sind auch der Grund, warum zum Beispiel kaum ein Verein in der Bundesliga ernsthaft eine Verpflichtung von Mario Götze in Erwägung zieht. Der Weltmeister und Siegtorschütze im Endspiel gegen Argentinien ist zwar ablösefrei zu haben, ruft aber ein Gehalt auf, das jenseits der Möglichkeiten der meisten Klubs liegt, für die Götze sportlich eine Verstärkung wäre. So bleibt dem 28-Jährigen, der fraglos zu den weltweit bekanntesten deutschen Fußballern zählt, nur der Blick ins Ausland: AS Monaco, FC Sevilla oder sogar die US-amerikanische Major League Soccer statt Gladbach, Wolfsburg oder Hoffenheim.

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Ohne international bekannte Stars schalten immer weniger Menschen ein

Die Kehrseite der graduellen Entwicklung von Europas Nonplusultra zur Ausbildungsliga für England oder Spanien ist offensichtlich. Ohne Namen von internationalem Renommee wie Werner, Sancho, Havertz oder auch Götze, die sich im deutschen Fußball austoben, dürften auf der Welt immer weniger Menschen einschalten, wenn in Deutschland der Ball rollt. Das kann vor allem langfristig ähnlich schaden wie die Dominanz des FC Bayern. Im der Bundesliga mag immer noch toller Fußball gespielt werden - an Attraktivität würde sie in diesem Sommer angesichts der Abgänge von Werner, Havertz und Sancho stark einbüßen.