25. April 2018 / 13:52 Uhr

Wie Dynamo Dresdens Ranisav Jovanovic einen Traum wahr werden ließ

Wie Dynamo Dresdens Ranisav Jovanovic einen Traum wahr werden ließ

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Ranisav Jovanovic (l.) hat zum 1:0 gegen Neumünster getroffen und bejubelt das Tor zum Aufstieg mit Maik Wagefeld.
Ranisav Jovanovic (l.) hat zum 1:0 gegen Neumünster getroffen und bejubelt das Tor zum Aufstieg mit Maik Wagefeld. © Frank Dehlis
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In der großen SPORTBUZZER-Serie zum 65-jährigen Vereinsjubiläum blicken wir im Teil VII auf den Aufstieg 2004 zurück.

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Dresden. Am 30. Mai 2004 platzt das marode Harbig-Stadion bei der Partie gegen den VfR Neumünster aus allen Nähten. Eigentlich hat die Bauaufsicht nur 18.808 Plätze freigegeben, doch weit über 30 000 Fans quetschen sich am 33. Spieltag der Regionalliga Nord in die Arena. Sie wollen die Schwarz-Gelben in die 2. Bundesliga schreien – neun Jahre nach dem Lizenzentzug 1995. Schon eine Stunde vor dem Anpfiff sind die Ränge bevölkert. In die Blöcke gelangen Spätankömmlinge nur mit 100 Prozent Körperkontakt. Wer vorher zuviel Bier getrunken hat und mit voller Blase raus muss, kommt nicht mehr zurück in den Block.

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Auf dem Spielfeld kämpft Dynamo ab 14 Uhr verbissen gegen die Feierabendkicker aus Schleswig-Holstein. Maik Wagefeld setzt das erste Achtungszeichen, sein Freistoßaufsetzer zischt knapp rechts am Tor vorbei. Dynamo stürmt und der gut aufgelegte Dexter Langen holt Eckball um Eckball heraus. Aber es gelingt kein Tor. Zu nervös ist der Favorit beim Abschluss. Oder es fehlen wie bei Wagefelds Knaller einfach nur Zentimeter. Chance um Chance wird vergeben, VfR-Keeper André Friedrichs hält in seinem ersten Spiel seit Oktober, was er halten kann. Nach Wagefelds Zuspiel startet Daniel Ziebig ein Solo und trifft den Pfosten, René Beuchel verzieht nach Christian Fröhlichs Ablage aus 20 Metern knapp, Steffen Heidrich köpft an die Latte. Unfassbar! Es ist wie verhext, Dynamo müsste 4:0 oder 5:0 führen, aber es geht torlos in die Pause.

76. Minute bringt die Wende

Nach Wiederanpfiff müssen Innenverteidiger Volker Oppitz und Torwart Ignjac Krešic plötzlich gegen Christian Knappmann und Torsten Petersen sogar das 0:0 retten. Bricht Dynamo bei mehr als 30 Grad in der prallen Sonne jetzt ein? Nein, das Team kommt zurück und wieder zu Chancen im Minutentakt. Dann läuft die 76. Minute: Ziebig setzt an der Außenlinie einem verlorenen Ball nach, erkämpft ihn sich zurück. Rechts neben ihm sieht der Elsterwerdaer den Riesaer Wagefeld, spielt ihn an und der legt ab zu Jovanovic. Ein Haken mit links noch, ein Schlenzer mit rechts – dann klatscht der Ball ins lange Eck! Schreiend dreht der Berliner ab, lüftet sein Trikot, ehe er Trainer Christioph Franke in die Arme springt.

Dynamos Ranisav Jovanovic bejubelt seinen Treffer zum 1:0.
Dynamos Ranisav Jovanovic bejubelt seinen Treffer zum 1:0. © Thomas Eisenhuth
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Auch die Fans sind im Freudentaumel, die über 30 Jahre alte Stahlrohr-Tribüne ächzt und stöhnt unter den hüpfenden Massen. Der Zaun zum Innenraum wackelt bedenklich, erklommen von Jugendlichen in Schwarz und Gelb. Im Ziel ist ihre Mannschaft aber noch nicht, denn Neumünster wehrt sich bis zuletzt, obwohl der Abstieg der Lila-Weißen längst feststeht. Erst als Wagefeld mit einem langen Bein in höchster Not gegen Danilo Blank geklärt hat und Schiedsrichter Thorsten Schriever aus Otterndorf um 15.46 Uhr endlich abpfeift, ballt Erfolgscoach Franke die Fäuste. Für die Dynamo-Fans gibt es nun kein Halten mehr, die Massen stürmen den Platz.

Niederlage im Rückspiel: Egal!

3. Liga, nie mehr, nie mehr!“, hallt es nun durch das Stadion. Auf dem Rasen tanzen tausende Fans. Der Aufstieg ist mit dem Sieg praktisch durch. Dass zum vollkommenen Glück noch ein Spiel aussteht, interessiert kaum einen. Wagefeld vergießt Freudentränen, Präsident Jochen Rudi klatscht jeden ringsum ab. Matchwinner Jovanovic ist total baff. Sein Ausstand im letzten Heimspiel vor seinem Wechsel nach Mainz hätte nicht besser laufen können: „So habe ich mir das gewünscht, so habe ich mir das vorgestellt und so ist es auch passiert!“ Niemand glaubt mehr, dass in der Krefelder Grotenburg noch etwas dazwischen kommt. „Jetzt müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn wir die 2. Liga nicht packen“, strahlt Kapitän Heidrich. Sportkoordinator Reinhard Häfner weiß: „Da brennt nichts mehr an.“ Drei Punkte und 13 Tore Vorsprung haben die Dresdner als Tabellenzweiter auf Verfolger Wuppertal, der am letzten Spieltag noch nach Neumünster muss.

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Sie können sich in Uerdingen auch locker ein 0:1 leisten und trotzdem von gut 10.000 mitgereisten Fans feiern lassen, weil die Wuppertaler nach 1:0-Führung beim VfR sogar noch 1:2 verlieren. Selten zuvor ist nach einer Niederlage so gefeiert worden. Welch ein Kontrast zum Jahr 1986, als die Mannschaft von Trainer Klaus Sammer nach dem 3:7 gegen Bayer am liebsten im Boden versunken wäre.

DURCHKLICKEN: Dynamo-Spieler von einst

Christian Fröhlich: Der Mittelfeldspieler begann seine Profikarriere bei Dynamo. 1996 wechselte er zur Reserve des TSV 1860 München, wo er ab 1999 zum erweiterten Profikader gehörte. Zu einem Einsatz reichte es aber nie. Nach je einer Saison beim Chemnitzer FC und dem FC St. Pauli heuerte Christian Fröhlich erneut an der Elbe an. in drei Jahren kam er hier auf 85 Einsätze und 22 Tore. Über Carl Zeiss Jena, die Kickers Offenbach und noch einmal den CFC landete der damals 33-Jährige beim Heidenauer SV. Hier beendete er 2014 seine Karriere. Aktuell betreut er die U17 von Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nordost. (@ Picture Point) Zur Galerie
Christian Fröhlich: Der Mittelfeldspieler begann seine Profikarriere bei Dynamo. 1996 wechselte er zur Reserve des TSV 1860 München, wo er ab 1999 zum erweiterten Profikader gehörte. Zu einem Einsatz reichte es aber nie. Nach je einer Saison beim Chemnitzer FC und dem FC St. Pauli heuerte Christian Fröhlich erneut an der Elbe an. in drei Jahren kam er hier auf 85 Einsätze und 22 Tore. Über Carl Zeiss Jena, die Kickers Offenbach und noch einmal den CFC landete der damals 33-Jährige beim Heidenauer SV. Hier beendete er 2014 seine Karriere. Aktuell betreut er die U17 von Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nordost. (@ Picture Point) ©

Zurück in der Heimat rockt die Mannschaft in der Disco „M5“ ab, bis es wieder hell wird. Am Sonntagnachmittag geht es auf den Altmarkt, wo sich bis zu 35.000 Menschen vor der Bühne mit den Aufstiegshelden drängeln. „Das ist der geilste Moment in meiner Trainerkarriere!“, ruft Christoph Franke überwältigt in die Menge. René Beuchel stimmt mit ihr den „Zwölften Mann“ an. Dann greift Maik Wagefeld zur Schere, spielt bei Volker Oppitz Frisör. „Oppi“ hatte leichtsinnigerweise mal versprochen: „Wenn wir aufsteigen, kommt der Zopf ab!“ Nun muss er seinen Pferdeschwanz opfern.

Dieser Text und weitere Folgen unserer Serie entstammen dem Buch „Einmal Dynamo, immer Dynamo! 111 Geschichten aus der Historie von Dynamo Dresden“, erschienen 2017 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin.

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