03. Februar 2021 / 17:01 Uhr

Wie ostdeutsche Fußballvereine mit ihrer Geschichte umgehen: "Historischen Kontext bewusst machen"

Wie ostdeutsche Fußballvereine mit ihrer Geschichte umgehen: "Historischen Kontext bewusst machen"

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Der SV Babelsberg 03 spielt im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam.
Der SV Babelsberg 03 spielt im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam. © imago images / Matthias Koch
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Nur wenige Fußballvereine haben eine "ungebrochene" Geschichte. Oft gibt es diverse Vorgänger, gab es Umbenennungen, Umzüge und mehr. Die NS-Zeit zwischen 1933 und 1945 ist aber bei fast allen Clubs ein wunder Punkt. Der SPORTBUZZER hat geschaut, wie ostdeutsche Fußballvereine mit ihrer Historie und deren Hinterlassenschaften umgehen. Ein Beispiel ist die Recherche-Gruppe beim SV Babelsberg 03.

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Leipzig. In der vergangenen Woche beteiligten sich zahlreiche Fußballvereine an der Aktion "!NieWieder". Sie soll im zeitlichen Umfeld des Gedenktages der Opfer des Nationalsozialismus an die Vergangenheit erinnern und die Verantwortung für die Zukunft bewusst machen. Die Aufarbeitung der Zeit zwischen 1933 und 1945 verläuft in deutschen Fußballvereinen ähnlich schleppend wie in anderen Institutionen. Ein Beispiel, wie die Suche nach der eigenen Vereinsgeschichte verlaufen kann, ist im Podcast der BSG Chemie zu Erinnerung und Geschichtsdeutung im Nationalsozialismus und in Leipzig-Leutzsch nachzuhören.

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Kaum vorhandene oder bekannte Forschung

Der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler hielt 2007 in seinem Aufsatz "Zur Erinnerungskultur im deutschen Sport nach 1945" fest, dass vor allem "die spezifischen zwischenmenschlichen Bindungskräfte im Sport, die ihn für uns so liebenswert und attraktiv machen, für eine kritisch-historische Aufarbeitung seiner Geschichte nicht immer günstig sind. Eine falsch verstandene Solidarität mit früheren Funktionsträgern oder Sportlern, sie sich zum Aushängeschild einer Diktatur haben machen lassen, verstärkt die Tendenz des Ausblendens, Wegsehens, des Unter-den-Teppich-Kehrens." Mittlerweile gibt es eine Reihe von Vereinen - vor allem in den Bundesligen - die über die Kapazitäten jenseits des Fußballalltags verfügen, um eine objektive Aufarbeitung voranzubringen.

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Wer allerdings beispielsweise in dem von Lorenz Pfeiffer und Dietrich Schulze-Marmeling herausgegebenen Sammelband "Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im Nationalsozialismus" aus dem Jahr 2008 blättert, der findet im Absatz "Anpassungen: Vereine im Nationalsozialismus" keine ostdeutschen Fußballvereine. Das hat nichts damit zu tun, dass die sich nicht an die nationalsozialistischen Diktatur angepasst hätten. Als eine der bekanntesten lokal interessanten Aufnahmen aus dieser Zeit mag beispielsweise das Foto von der Partie des VfB Leipzig am 3. Januar 1937 im Berliner Olympiastadion gelten. Gegner im Pokalfinale war der FC Schalke 04. Das Foto zeigt Menschen mit strammer Haltung und damals zeitgenössischer Grußhaltung. Ursache für die fehlende Nennung im Buch ist vielmehr die kaum vorhandene bzw. bekannte Forschung.

Im vergangenen Sommer entstand beim Regionalligisten SV Babelsberg 03 ein Rechercheprojekt, das sich mit der Zeit von 1933 bis 1945 auseinandersetzt. Ein Grund bestand vor allem darin, dass sich der Verein - seitens der aktiven Fanszene wie auch der Funktionäre - explizit antifaschistisch verordnet wie beispielsweise die Initiative #Nazisrausausdenstadien zeigt. Seit 1991 führt der Verein in seinem "DDR-Namen" BSG Motor Babelsberg zusätzlich die Jahreszahl 03 - In Erinnerung an die Vorgängervereine SV Nowawes 03 (1919-1938) und SpVgg Potsdam 03 (1938-1946). Welches Wissen existiert aus der Zeit von 1933 bis 1945 in der Fanszene? Auf der offiziellen Vereinshomepage findet sich eine tabellarische Listung der sportlichen Ereignisse. An diesem Punkt setzt das Babelsberger Rechercheprojekt an und erzählte in einem Podcast über die Entstehung und erste Ergebnisse.


Fragen an das Babelsberger Rechercheprojekt:

SPORTBUZZER: Wie verliefen bisher die Recherchen - vor allem in Zeiten von Corona?

Rechercheprojekt Babelsberg: Die Recherche ist coronabedingt leider sehr eingeschränkt. Bisher konnten wir bestehende Literatur, wie zum Beispiel das bereits veröffentlichte Buch "Die Geschichte des SV Babelsberg 03" von Klaus Gallinat sowie einige Veröffentlichungen des Blogs "abseits03" berücksichtigen. Der Zugang zu diversen Archiven ist derzeit nur eingeschränkt möglich oder man muss auf Termine sehr lange warten. Trotzdem konnte sich die Recherchegruppe bereits einen ersten Überblick über den SV Babelsberg 03 in der Zeit des Nationalsozialismus verschaffen. Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit und durch die Unterstützung des Fanprojekts Babelsberg konnten wir auch neue Mitstreiter*innen für das Projekt gewinnen und stehen inzwischen auch im Austausch mit Personen, die sich schon länger mit der Geschichte des SV Babelsberg 03 oder anderer Vereine auseinandersetzen.

Wie ist das Feedback im Verein - seitens des Präsidiums und seitens der Fans?

Viele Personen im Verein und im Umfeld des Vereins haben signalisiert, dass sie hinter dem Projekt stehen und an den Ergebnissen der Recherchen interessiert sind. Letztendlich sind wir ja auch nur Anhänger*innen des SV Babelsberg 03, die mehr über die Geschichte ihres Vereins herausfinden wollen. Generell stoßen Gedenkveranstaltungen wie der Stolpersteinspaziergang 2019 oder die kürzlich stattgefundene Lesung zum KZ-Überlebenden Willi Frohwein auf starke Resonanz in der Babelsberger Fanszene. Das ermutigt uns natürlich in unserer Arbeit.

Wie macht Ihr Eure Arbeit sichtbar?

Ein Grund für die Gründung unserer Gruppe war, dass sowohl auf der offiziellen Vereinsseite als auch im Netz nur sehr wenige Informationen über die Zeit des SV Babelsberg in der NS-Zeit zu finden waren. Um dies zu ändern haben wir in Absprache mit dem Verein eine erste Einschätzung unserer Gruppe auf der Website veröffentlicht. Wir haben außerdem in Absprache mit dem Herausgeber des Blogs "abseits03" die Vereinschronik um wichtige Ereignisse während der NS-Zeit ergänzt. Da die eigentlichen Recherchen derzeit nur sehr schleppend möglich sind, haben wir uns dazu entschieden auch zu anderen historischen Themen mit lokalem Bezug zu arbeiten. So haben wir beispielsweise eine Online-Veranstalltung zur Erinnerung an den Auschwitz-Überlebenden und späteren Babelsberger Willi Frohwein organisiert. Diese war mit über 60 Teilnehmenden aus dem Vereins- und Fanszeneumfeld ein großer Erfolg.

Was hat Euch vor allem beeindruckt bei der bisherigen Recherche - im positiven und auch im negativen Sinne?

Zu Beginn unserer Recherchen waren wir natürlich erst einmal über jeden Hinweis auf nationalsozialistische Verstrickungen schockiert. Wir haben allerdings schnell festgestellt, dass es wichtig ist, sich den historischen Kontext bewusst zu machen: die gesamte Gesellschaft war damals nicht nur „verstrickt“ sondern komplett involviert, so wundert es auf den zweiten Blick nicht, dass auch Fußballvereine Teil der nationalsozialistischen Gesellschaft waren. Wir wollen nun herausfinden, ob es Handlungsspielräume gab, beispielsweise bei der Umsetzung der Gleichschaltung in der Vereinssatzung, und ob diese genutzt wurden.