11. März 2021 / 18:54 Uhr

Wiedersehen im nächsten Jahr? RB Leipzigs Fans träumen weiter von Anfield

Wiedersehen im nächsten Jahr? RB Leipzigs Fans träumen weiter von Anfield

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
Raik Kaiser, Chef des Zedtlitzer RB-Fanclubs Die Erdhügler, verfolgte das Champions-League-Spiel Corona-bedingt im engsten Familienkreis vor dem Fernseher.
Raik Kaiser, Chef des Zedtlitzer RB-Fanclubs "Die Erdhügler", verfolgte das Champions-League-Spiel Corona-bedingt im engsten Familienkreis vor dem Fernseher. © privat
Anzeige

Das Aus von RB Leipzig in der Fußball-Champions-League bewegt die Gemüter. Dabei gibt es keine zwei Meinungen: Liverpool war einfach besser. Die Colditzer Mulden-Bulls und „Die Erdhügler“ aus Zedtlitz bei Borna sind zwei Fanclubs, die ihren Traum von Anfield dennoch nicht begraben haben.

Anzeige

Leipzig. So wie jeder Muslim nach Mekka pilgern muss, sollten Fußball-Romantiker mindestens einmal im Leben in Anfield gewesen sein. Das findet Raik Kaiser. Für Kaiser ist Fußball eine Religion. Der 42-Jährige glaubt an RB wie andere an den lieben Gott. Sein Traum: Die Rasenballer auf der heiligen Wiese des Liverpooler Stadions zu sehen – live und in Farbe!

Anzeige

Dabei schien es lange Zeit wahrscheinlicher, Jesus daheim auf der Straße in Zedtlitz zu treffen, als die eigene Mannschaft im magischsten Fußballtempel der Welt anfeuern zu dürfen. „Auf einmal hatten wir das große Glück, in der Champions League gegen Klopp & Co. zu spielen – da macht uns Corona einen Strich durch die Rechnung.“

DURCHKLICKEN: Einige Bilder aus dem Rückspiel

Mutloses RB Leipzig: Die Nagelsmann-Elf scheidet nach einem 0:2 im Rückspiel gegen den Liverpool FC aus der Champions League aus. Zur Galerie
Mutloses RB Leipzig: Die Nagelsmann-Elf scheidet nach einem 0:2 im Rückspiel gegen den Liverpool FC aus der Champions League aus. ©

Für Kaiser war das RB-Aus in mehrfacher Hinsicht tragisch. Da sowohl Hin- als auch Rückspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Budapest ausgetragen wurde (0:2, 0:2), platzte sein Traum wie eine Seifenblase. Ihm und seiner Frau Anke blieb nur der Platz vor dem heimischen Fernseher. „Und dann setzte es auch noch zwei mehr oder weniger deutliche Niederlagen...“



Erhofftes Wunder bleibt aus

Bis zuletzt glaubte er an ein Fußballwunder. Doch habe die individuelle Klasse eines Manés oder Salahs den Unterschied gemacht, räumt er ein und zeigt sich als fairer Verlierer. Kaiser ist der Vorsitzende des RB-Fanclubs „Die Erdhügler“. Die 30 Mitglieder aus Zedtlitz, Borna und Groitzsch setzen nun voll und ganz auf Meisterschaft sowie DFB-Pokal.

Da geht es ihnen nicht anders als den Colditzer Mulden-Bulls. 2017 gründeten Udowolf Voigt, Wolfgang Globisch, Norbert Teuber, Uwe und Ulrike Einert, Lutz Seifert, Sebastian Berndt, Peter Gündel sowie der inzwischen verstorbene Gottfried Lory den 55. offiziellen RB-Fanclub. Ein Jahr zuvor, beim Schönbacher Drachenfest, wurde die Idee geboren.

Man solle nicht vergessen, wo man herkomme, sagt Vereinschef Voigt. Das Aus in der Königsklasse sei bitter: „Aber ist es nicht schon sensationell genug, dass wir überhaupt gegen solche Teams wie die Reds spielen?!“ Er könne sich noch gut an den Niedergang des ostdeutschen Fußballs nach der Wende erinnern. Dagegen sei das jetzt Jammern auf allerhöchstem Niveau.

Die Mulden-Bulls Sebastian und Alexander Berndt posieren in der Altstadt von Porto mit dem Banner ihres Fanclubs.
Die Mulden-Bulls Sebastian und Alexander Berndt posieren in der Altstadt von Porto mit dem Banner ihres Fanclubs. © privat

Erinnerungen an Porto

In Zeiten von Corona vermisst Voigt das Vereinsleben sehr. Die Erinnerungen seien bis heute wach: „Beim Schönbacher Straßenlauf war unser Fanclub mit eigenem Stand samt Tombola vertreten. Für das Kinderheim in Seidewitz richteten wir in Sermuth ein großes Sportfest aus. Im vorigen Jahr veranstalteten wir eine Kräuterwanderung durch den Colditzer Forst.“

Die Spiele ihrer rot-weißen Lieblinge erlebten die 21 Mitglieder meist im Stadion – zu Hause und auswärts. Unvergessen ist die Tour nach Porto: „Wir besichtigten den Bahnhof, in dem Szenen von Harry Potter gedreht wurden. In der Altstadt trafen wir keinen geringeren als LVZ-Chefreporter Guido Schäfer, der mit Stadionsprecher Tim Thoelke unterwegs war.“

Mehr zu RB Leipzig

Eine Lesung mit Guido, auch Schäferstündchen genannt, veranstalteten sowohl die Colditzer als auch die Zedtlitzer: „Soziales Engagement gehört für uns dazu“, sagt Raik Kaiser von den Erdhüglern. So spendete der Fanclub den Erlös der Lesung im Bornaer Stadtkulturhaus, 800 Euro, für das Kinderhospiz Bärenherz. Auch Fußballturniere für den Nachwuchs richtete er aus.

Spur führt nach Eilenburg

Erdhügler. Wie es zu dem ulkigen Namen kam? Kaiser lacht: „Wir sitzen in der Red Bull Arena im Sektor C. Inoffiziell heißt er der Erdhügel. Und zwar in Erinnerung an ein Spiel im Landespokal, als RB in Eilenburg gastierte. Weil alles voll war, wichen die Fans auf den Erdhügel gegenüber der Tribüne aus. Seitdem ist Erdhügel vielen in der Szene ein Begriff.“

Kaiser ist offizieller Vielfahrer. Als solcher wird bezeichnet, wer in der Saison auf mindestens neun Auswärtstrips kommt. Der Verein ließ sich nicht lumpen, zeichnete ihn mit der Anstecknadel in Bronze aus. Mit Frank Fabian und Danny Feiste reiste er nach Tottenham und Glasgow – und wäre, wie er sagt, 1000-prozentig auch in Liverpool dabei gewesen.

Englische und schottische Stadien hätten eine ganz eigene Atmosphäre, weiß der Zedtlitzer. Gerade Anfield sei für seine restlos ausverkauften Ränge bekannt. Es gäbe Fußballfans auf der ganzen Welt, die sich nichts sehnlicher wünschten, als vor dieser Kulisse ein x-beliebiges Spiel der Reds zu erleben. Mitunter seien sie bereit, dafür einige Hundert Euro hinzublättern.

Mitglieder bis nach England

„Und jetzt hätten wir das mit RB haben können“, schüttelt Kaiser den Kopf und kann es immer noch nicht fassen. Ihm fehle das gemeinschaftliche Fußball-Gucken sehr: „Sonst schauen wir die Spiele im Vereinsheim. Aber das geht ja derzeit nicht.“ Auch Udowolf Voigt in Schönbach blieb nichts anderes übrig, als zu seinem Kumpel Peter Gündel zu gehen: „Der hat Sky.“

Die Colditzer Mulden-Bulls rekrutierten ihre Mitglieder nicht nur in Schönbach, Sermuth, Hohnbach und Großbothen, sondern hätten zusätzlich Mitstreiter in Aachen und Zwickau. Selbst in England ist ein Mulden-Bulle zu Hause: „Student Max Elders ist der Enkel von Peter Gündel. Mit seinen Eltern lebt er auf den Kanalinseln. Seine Mutter ist Schönbacherin, sein Vater Brite.“

Anzeige
Der Schönbacher Udowolf Voigt (66) und seine Enkelin Vivienne (11) sind große RB-Fans.
Der Schönbacher Udowolf Voigt (66) und seine Enkelin Vivienne (11) sind große RB-Fans. © privat

Vier Mulden-Bulls sind unter 18 Jahren: Elias und Adrian Schädlich, Annalena Seifert sowie Vivienne Voigt. Vivienne ist elf und traurig, dass RB in dieser Saison bereits im Achtelfinale scheiterte. Das Spiel verfolgte sie im Bullenfunk, schaltete aber bereits nach dem 0:1 ab: „Es ist blöd, dass die Spiele erst so spät angepfiffen werden. Welches Kind darf so lange aufbleiben?!“

Fairplay-Gedanke ist wichtig

Die Familie werde unter RB-Fans groß geschrieben, ergänzt Großvater Udowolf: „Wir sitzen relativ nahe am Gästeblock. Dennoch gab es da noch nie Randale. Der Fairplay-Gedanke ist uns wichtig. Vor den Heimspielen treffen wir uns immer im Brauhaus an der Thomaskirche, laufen dann gemeinsam mit den gegnerischen Fans, ob von Schalke, Bremen oder Celtic, in die Arena.“

Viele RB-Fans hoffen nun, dass ihre Mannschaft wenigstens gegen den kommenden Champions-League-Gewinner ausgeschieden ist. So würde sich Liverpool, derzeit nur Achter in der Premier League, doch noch für die Königsklasse qualifizieren. Dann könnte RB in der nächsten Saison abermals auf die Reds treffen – nicht in Budapest, sondern an der Anfield Road.