08. Mai 2020 / 14:49 Uhr

Willi Matthias erinnert sich an seinen Weg zum Spitzenläufer: "Der Mensch ist zum Laufen gemacht" 

Willi Matthias erinnert sich an seinen Weg zum Spitzenläufer: "Der Mensch ist zum Laufen gemacht" 

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
1. September 1960: Der Deutsche Willi Matthias (rechts) und andere Athleten
 helfen dem Schweizer Bruno Galliker nach dem Halbfinale über 400 Meter Hürden auf die Beine. Galliker erreichte das Finale, Matthias schied aus.
1. September 1960: Der Deutsche Willi Matthias (rechts) und andere Athleten helfen dem Schweizer Bruno Galliker nach dem Halbfinale über 400 Meter Hürden auf die Beine. Galliker erreichte das Finale, Matthias schied aus. © imago/ZUMA Press/Keystone
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Vor mehr als einem halben Jahrhundert war Willi Matthias (84) einer der Besten der Welt. Der Hannoveraner lief 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom bis ins Halbfinale über 400 Meter Hürden. Es bleibt ein Erlebnis, an das sich Matthias gerne erinnert – doch sein Verhältnis zum Leistungssport ist mittlerweile ein ganz anderes.

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„Von der Nebenanlage, auf der wir uns warm gemacht haben, ging ein unterirdischer Gang ins Olympiastadion. Da kommst du raus, und mit einem Mal sind 30 000 Leute im Stadion, Zuschauer, das Fernsehen. Da hab ich nur gedacht: Jetzt musst du dich beweisen“, erinnert sich Willi Matthias an seine große Sportkarriere

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"Die 200 Meter laufe ich noch mit vollem Tempo".

Matthias bleibt dem Sport auch im Alter treu. „Jeden zweiten Tag mache ich mein Training, bis heute“, sagt der Hannoveraner. Sein Motto: „Mäßig, aber regelmäßig bewegen.“ 30 Übungen umfasst sein Programm: Gesundheitssport, Gymnastik, Dehnen. Und auch Laufen funktioniere bestens, sagt der 84-Jährige aus Bad Nenndorf. „Die 200 Meter laufe ich noch mit vollem Tempo. Der Mensch ist zum Laufen gemacht.“ Dabei führte sein Weg zum Spitzenläufer über Umwege.

Im Verein ging’s für Matthias mit Turnen los, in der Schule probierte er sich aus – und landete oft weit vorne. „Ich konnte immer schon ganz gut laufen, das hat mir Spaß gemacht. Aber ich konnte auch gut werfen, also habe ich Handball gespielt.“ Außerdem schwamm er in der Schulmannschaft. „Ich wollte immer vielseitig sein“, betont er. Kein Wunder also, dass das Sport-Ass auch im Verein vieles ausprobierte. So landete Matthias bei der DTSG 74 (heute: SG von 1874) und dort in der Trainingsgruppe von Trainer Robert Herchet, der zum großen Förderer wurde. „1955 oder ’56 war das“, sagt Matthias. Da war er beinahe 20 Jahre alt, nach heutigem Maßstab zu spät für Leistungssport. Aber damals? „Da ging das noch, wir waren ja alle Amateure. Ich hatte ein gutes Bewegungsgefühl – und Eigeninitiative.“

Damals: Willi Matthias 1961. 
Damals: Willi Matthias 1961.  © privat/Manfred Wassmann

Der Weg zu den 400 Metern

Trotz des Spätstarts sah Herchet das Potenzial im jungen Mann, der sich erst einmal im Zehnkampf probierte. „Aber im Stabhochsprung war ich immer schlecht“, scherzt Matthias. „Robert Herchet hat alles mal ausprobiert mit mir – dann auch den Hürdenlauf. Er hat mich erst über einen Stock laufen lassen, dann über die ersten Hürden. Das waren damals noch Eisenhürden“, erinnert sich Matthias. Der Athlet findet schnell den richtigen Rhythmus, die 400 Meter werden seine Strecke.

Der Traum von Olympischen Spielen ist anfangs noch weit weg. Doch Matthias wird schnell immer noch ein bisschen besser. „Als ich gemerkt habe, dass ich nicht so schlecht war, habe ich mir schon gesagt: Vielleicht kann man das erreichen, das wäre nicht schlecht“, erinnert sich Matthias. Dafür setzt er auf Disziplin. „Ich bin abends immer noch trainieren gegangen. Da hat mich niemand zu gezwungen, das war eigener Antrieb.“ Dieser Antrieb komme ihm bis heute zugute, sogar in Corona-Zeiten. „Du musst rausgehen, um nicht einzurosten. Es gab und gibt für mich kein Wetter und keine Entschuldigung, nicht Sport zu treiben. Du musst dich überwinden. Sport bringt Glücksgefühle.“

Heute: Willi
 Matthias ist 84.
Heute: Willi Matthias ist 84. © privat/Manfred Wassmann

Der Weg nach Rom

Mit besonderen Gefühlen verbindet Matthias bis heute seinen Olympiamoment. 1960 wird er westdeutscher Vizemeister in persönlicher Bestzeit von 51,4 Sekunden. Der Traum von Rom ist ganz nah. Doch um einen der drei deutschen Quali-Plätze für die Spiele zu ergattern, muss Matthias sich noch bei den innerdeutschen Ausscheidungskämpfen gegen die DDR-Athleten beweisen. Der entscheidende Wettkampf findet ausgerechnet in Hannover statt. „Da bin ich mit schlotternden Knien hingegangen“, erinnert sich Matthias. Doch auf der Aschenbahn läuft alles rund – und Rom kann kommen.

Weil Ende August noch so eine Hitze herrscht, reisen die Hürdenläufer erst zwei Tage vor ihren Olympiavorläufen von Frankfurt nach Italien. Der erste Eindruck im Olympischen Dorf? Matthias lacht. „Es stimmt, was man so hört: Das war wie ein großer Kindergeburtstag, ein Gewusel von so vielen Sportlern aus allen Nationen.“ Die Stimmung ist gelöst, doch kurz vor seinem ersten Lauf schlottern doch wieder die Knie. „Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl, vor solch einer Kulisse zum Startblock zu gehen. Aber wenn es losgeht, vergisst du alles um dich herum.“ Matthias wächst am Druck, wird Zweiter im Vorlauf (52,1 Sekunden), steht im Halbfinale. Dort ist Schluss, obwohl Matthias die zweitbeste Zeit seiner Karriere läuft. „51,8 Sekunden“, erinnert er sich. „Für mich war der Zwischenlauf ein Riesenerfolg.“

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Matthias hat alles aufbewahrt

Ein Foto von damals hängt eingerahmt daheim in Bad Nenndorf: Matthias und die beiden anderen deutschen 400-Meter-Hürdenläufer, Helmut Janz und Wolfgang Fischer, stehen im Stadion, im Hintergrund lodert das Olympische Feuer. Auch seinen Olympiadress hat er behalten, Laufschuhe, Hemd und Hose aufbewahrt. „Mit der Startnummer 285“, sagt Matthias stolz. „Ich denke gerne zurück.“