21. November 2021 / 07:54 Uhr

In einem Jahr beginnt die Winter-WM in Katar: Verpuffen die angekündigten Verbesserungen schon jetzt? 

In einem Jahr beginnt die Winter-WM in Katar: Verpuffen die angekündigten Verbesserungen schon jetzt? 

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Noch ein Jahr, dann beginnt in Katar die erste Winter-WM. Doch schon jetzt macht sich die Sorge breit, dass angekündigte Fortschritte viel zu früh verpuffen. 
Noch ein Jahr, dann beginnt in Katar die erste Winter-WM. Doch schon jetzt macht sich die Sorge breit, dass angekündigte Fortschritte viel zu früh verpuffen.  © IMAGO/Xinhua
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In einem Jahr beginnt in Katar die Fußball-WM 2022 - erstmals im Winter. Die angekündigten Maßnahmen und Versprechungen zur Verbesserung der Menschenrechtslage im Emirat verpuffen derweil teilweise schon wieder.

Bis vor wenigen Wochen schwärmten die Scheichs vom "Xavi-Fußball", den der Trainer des Klubs Al-Sadd spielen ließ, bevor er zum FC Barcelona wechselte. Marcel Desailly, Pep Guardiola, Gabriel Batistuta, Stefan Effenberg oder die Brüder Frank und Ronald de Boer, sie alle kickten schon vor langer, langer Zeit in Katar. Sie verdienten dort wie Xavi gutes Geld, sehr gutes sogar. Und sie alle verlieren bis heute kein schlechtes Wort über ihre Zeit am Golf. Warum auch? Schließlich konnte man mit ausreichend Scheinen schon immer vieles regeln, erst recht im Fußball. So war es auch, als Sepp Blatter, der damalige Fifa-Boss, am 2. Dezember 2010 verkündete: "Es ist Katar!" Am Sonntag in einem Jahr beginnt dort die Fußball-WM – erstmalig im Winter.

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Nicht nur wegen der mysteriösen Umstände der Wahl des Fifa-Exekutivkomitees samt der folgenden Sperren und Anklagen für einige damalige Funktionäre ist es das wohl umstrittenste Turnier der Geschichte. Seit elf Jahren sorgt die Vergabe in jenes Land, in dem man es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, für Kopfschütteln und Diskussionen. Schließlich gibt es dort keine richtige Presse- und Meinungsfreiheit, Frauenrechte sind stark eingeschränkt, Homosexualität ist verboten. Tausende Gastarbeiter aus Indien, Nepal oder Bangladesch sollen beim Bau der Stadien für die WM gestorben sein. "Noch nie haben so viele Menschen für eine WM ihr Leben gelassen", erzählte der Journalist und Katar-Kenner Benjamin Best jüngst der Deutschen Welle.

Amnesty-International-Bericht: Der Fortschritt stagniert

Am Dienstag veröffentlichte Amnesty International einen Bericht, in dem erneut Verstöße gegen die Bedingungen für Arbeitsmigranten kritisiert werden. Bedenklich – schließlich wurden im vergangenen Jahrzehnt zumindest einige Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht, die die Lage verbessern sollten. Ein Mindestlohn wurde eingeführt, das Kalafa-System, nach dem ausländische Arbeiter an einen einheimischen Bürgen gebunden waren, aufgehoben. Im Emirat gingen die Reformen weiter als in jedem anderen Golfstaat, was auch mit der WM-Ausrichtung zu tun gehabt habe, behaupten nicht nur Befürworter der Entscheidung.

In der Tat verbesserten sich die Arbeitsbedingungen nachweislich, dies stellten sogar diverse Menschenrechtsorganisationen fest. Allerdings sind sie offenbar immer noch weit weg von gut oder befriedigend. Das Ergebnis des aktuellen Amnesty-Berichts ist jedenfalls alarmierend: Die Fortschritte infolge von Gesetzesänderungen stagnierten, heißt es dort, "alte ausbeuterische Praktiken" gewännen wieder die Oberhand. Katar setze Reformen nicht rigoros um, überwache ihre Umsetzung nicht und ziehe Verantwortliche für Verstöße nicht zur Rechenschaft. So seien Arbeitsmigranten weiter skrupellosen Arbeitgebern ausgeliefert.

"Ein Boykott wäre absolut kontraproduktiv"

Es scheint, als seien die angekündigten Maßnahmen und Versprechungen schon wieder hinfällig. An der Nachhaltigkeit solcher Umsetzungen gab es schon in anderen Fällen berechtigte Zweifel. Thomas Hitzlsperger, Vorstandschef beim VfB Stuttgart, sagte: "Es wird der Fifa nicht schwerfallen, vier Wochen lang Bilder zu zeigen, die den Eindruck von Fortschritt vermitteln, ohne dass sich in den kommenden Jahren etwas ändert. Russland ist nach der WM 2018 auch nicht demokratischer und liberaler geworden."

Andererseits bietet die globale Endrunde den Fußballstars, den Verantwortlichen, den Fans und Berichterstattern die Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf die vielen Probleme vor Ort zu lenken. Deshalb sagte der anerkannte Experte Dietmar Schäfers, Vizepräsident der IG Bau, dem Kicker: "Ein Boykott wäre absolut kontraproduktiv und hilft den Menschen dort nicht. Er würde die Gefahr in sich bergen, dass es Stillstand gibt. Und Stillstand können die Leute da unten nicht gebrauchen."