13. Januar 2021 / 18:33 Uhr

„Wir diskutieren ja auch nicht darüber, ob die 2. Fußball-Liga abgesagt wird“

„Wir diskutieren ja auch nicht darüber, ob die 2. Fußball-Liga abgesagt wird“

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Alle fehlen bei der WM: Die Kieler Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold (von links) sagten ab. Hier bremsen sie gemeinsam Malte Donker von der TSV Hannover-Burgdorf.
Alle fehlen bei der WM: Die Kieler Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold (von links) sagten ab. Hier bremsen sie gemeinsam Malte Donker von der TSV Hannover-Burgdorf. © Foto: Frank Molter/dpa
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Absagen einzelner Spieler, Absagen ganzer Teams – die Handball-Weltmeisterschaft ist umstritten. Auch unter Peiner Handballern. „„Wir diskutieren ja auch nicht darüber, ob die zweite Bundesliga im Fußball abgesagt wird“, sagt zum Beispiel Jahn-Trainer Marco Wittneben.

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Die Austragung der Handball-Weltmeisterschaft ist umstritten. Zuletzt gab es Wasser auf die Mühlen der Kritiker: Tschechien und die USA sind aufgrund zu vieler Corona-Fälle kurzfristig nicht dabei, und die Teilnahme von Brasilien (zwei Spieler und fünf Mannschaftsverantwortliche sind mit dem Corona-Virus infiziert) und Kap Verde (sieben Infizierte) ist fraglich. Für Tschechien und die USA rücken Nordmazedonien und die Schweiz nach. Sollte es weitere Absagen geben, würden die Niederlande und Montenegro nachrücken. Ob diese WM sinnvoll ist, was sie der deutschen Mannschaft zutrauen und wer Favorit ist, wollte die PAZ-Sportredaktion von Peiner Handballern wissen.

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Hätte man die gesamte WM aufgrund der Corona-Situation und vielleicht auch aufgrund der hohen Belastung der Spieler ausfallen lassen sollen?

Martin Staats, Trainer der Landesliga-Handballer der SG Zweidorf/Bortfeld: „Ich denke schon! Weltweit gehen die Infektionszahlen in die Höhe. Es wirkt ein wenig so wie Brot und Spiele. Andere Großereignisse wie die Olympischen Spiele wurden abgesagt oder verschoben, aber hier scheint es so, als stünden die finanziellen Interessen über dem Wohl der Spieler. Die Hauptschuld daran liegt beim Handball-Weltverband.“

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Julian Winkel, Trainer der Landesliga-Handballerinnen der HSG Nord Edemissen: „Die Belastung ist jedes Jahr ein Thema. Die ist immer zu hoch. Die WM dient dazu, dass der Handball präsent ist, sie ist aber von der Belastung der Spieler her eigentlich nicht zu verantworten. Corona sehe ich nicht als Grund, solange sich alle in einer vernünftigen Blase bewegen. Das Corona-Konzept ist schlüssig, und bei der Handball-WM der Frauen in Dänemark hat es ja auch funktioniert. Warum sollte es also nicht in Ägypten funktionieren? Die Ägypter sind ja nicht schlechtere Menschen als die Dänen. Probleme sehe ich aber bei den Teams, die nun für Tschechien und die USA nachrücken. Die haben vermutlich nicht trainiert, und ob sie ausreichend getestet wurden, kann ich nicht beurteilen.“

Marco Wittneben, Trainer der Oberliga-Handballerinnen des MTV Vater Jahn Peine: „Ich denke nicht. Ich sehe es wie Stefan Kretzschmar, der gesagt hat, man müsse in der nächsten Zeit mit diesem Virus umgehen. Und schließlich diskutieren wir ja auch nicht darüber, ob die zweite Liga im Fußball abgesagt wird. Eine WM abzusagen, wäre ein falsches Signal.“

Haben Sie Verständnis für die WM-Absage der Nationalspieler Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold?

Martin Staats: „Ich kann ihre Entscheidung nachvollziehen. Sie haben eine hohe Belastung, und sie hätten bei einer Infektion viel zu verlieren. Schließlich verdienen sie mit ihrem funktionierenden Körper ihr Geld. Die Entscheidung ist verantwortungsbewusst, zumal sie Familienväter sind. Die Familie und die Gesundheit sollten im Vordergrund stehen. Jüngere Spieler machen sich darüber vielleicht nicht so einen Kopf.“

Julian Winkel:„Ja, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Familiäre Argumente sollte man nicht negativ sehen, wie es Torhüter Andreas Wolff geäußert hat. Auch im allgemeinen Leben entscheidet sich ja mancher dafür, in Ouarantäne zu bleiben. Junge Spieler wie Juri Knorr oder Johannes Golla sehen bei der WM eher den sportlichen Anreiz. Das muss jeder selbst beurteilen.“

Marco Wittneben: „Ich maße mir nicht an, deswegen jemanden zu verurteilen. Die drei nannten persönliche Grüne, und das muss ein Profi-Sportler mit sich selbst ausmachen. Ich glaube auch, dass es ihnen weh tut, nicht für Deutschland auflaufen zu können.“

Welche Chancen hat die deutsche Nationalmannschaft, und wo sind ihre Stärken und Schwächen?

Martin Staats:„Die Mannschaft ist gut besetzt mit einer guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Sie können viel reißen, aber es wird auch davon abhängen, wer bei den Konkurrenten dabei ist.“

Julian Winkel: „Die deutsche Mannschaft hat gute Chancen! Vielleicht ist es ein bisschen so wie 2016, als die Deutschen Europameister wurden. Auch da spielte eine junge Mannschaft. Zurzeit gibt es wohl noch einige Abspracheprobleme in der Abwehr, die eventuell durch den Torhüter kompensiert werden können. Und anfangs hat die Mannschaft ja leichte Gegner, wo die Chance besteht, sich noch einzuspielen.“

Marco Wittneben: „Die Frage ist, wie wir die Außen ins Spiel kriegen. Mit Pekeler und Wiencek fehlen zwei starke Kreisläufer. Und die Frage ist auch, wie der Innenblock aussieht ohne die beiden und ohne Finn Lemke. Die Chancen hängen vor allem davon ab, wie die Abwehr steht.“

Worauf wird es im Turnier für die Deutschen ankommen?


Martin Staats: „Es sind Nuancen, die in den wichtigen Spielen entscheiden. Die Mannschaft muss da sein, wenn der Gegner nicht da ist. Und dann die Tore machen. Es geht viel über die Euphorie.“

Julian Winkel: „Es kommt darauf an, ob sie eine Dynamik entwickeln. Wenn sich die jungen und hungrigen Spieler finden, die Abwehr besser steht und sich ein Spirit entwickelt, dann ist das der entscheidende Faktor.“

Marco Wittneben: „Ich hoffe, dass sie einen Teamspirit entwickeln. In der Mannschaft stehen viele gute Einzeltalente. Wichtig wird sein, dass sie zusammenfinden und sich in der Abwehr gegenseitig pushen.“

Welche Mannschaft ist Favorit – und warum?

Martin Staats: „Zu den Favoriten zählen die üblichen Verdächtigen. Spanien, Frankreich, Kroatien, Dänemark... Es sind fünf bis sechs Mannschaften. Entscheidend kann sein, wer in den Teams fehlt.“

Julian Winkel: „Norwegen ist eine richtig gute Mannschaft mit Sander Sagosen vom THW Kiel in Topform. Aber auch Kroatien mit Domagoj Duvnjak, der auch beim THW spielt, ist stark. Wenn ich mich festlegen müsste, wäre Kroatien der Favorit. Das spanische Team ist vielleicht zu alt, das französische auch und es hat keinen überragenden Torwart, und die Dänen könnten aufgrund ihrer Erfolge vielleicht schon zu satt sei.“

Marco Wittneben: „Spanien und Frankreich sehe ich weit vorn. Sie haben ein gutes Spielkonzept. Außenseiterchancen hat Kroatien, aber auch die Skandinavier spielen schnellen Handball. Dänemark zum Beispiel würde ich nicht komplett abschreiben.“

Von Matthias Press