19. Juni 2020 / 17:59 Uhr

„Wir schwammen drei Jahre auf einer Euphoriewelle“

„Wir schwammen drei Jahre auf einer Euphoriewelle“

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Zwei frühere Ölsburger stöbern in alten Geschichten: Vor 30 Jahren standen Oliver Kroll (oben links) und Bernd Jahs (oben rechts) im Landespokal für die Viktoria gemeinsam auf dem Feld. Dabei erinnern sie sich gemeinsam mit der PAZ an knallharte Grätschen vor mehr als 1000 Zuschauern (links). Die Bersenbrücker Fans rollten direkt in Ilsede mit dem Zug ein (unten) und erreichten letztlich das Endspiel um den Niedersachsenpokal. Ölsburg musste sich aber erst im Elfmeterschießen geschlagen geben.
Energisch ging es zu, als Viktoria Ölsburg (in Weiß) 1990 den TuS Bersenbrück zum Halbfinale des Niedersachsen-Pokals empfing. 1100 Zuschauer ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen.
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Vor 30 Jahren war Viktoria Ölsburg eine feste Fußballgröße im Landkreis Peine. Oliver Kroll und Bernd Jahs gehörten zur Mannschaft, die damals einige Titel auf Bezirksebene gewann. Die beiden Spieler erinnern sich heute gerne zurück, wie sie vor 1100 Zuschauern das Halbfinale im Landespokal spielten.

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Die Anfangsjahre der 90er des zurückliegenden Jahrhunderts waren eine große Zeit des Peiner Fußballs. So schafften seinerzeit der Bültener SC sowie der TSV Wendezelle den Bezirksoberliga-Aufstieg und der VfB Peine stieg in die Niedersachsenliga auf. Noch mehr Erfolge hatte die Mannschaft Viktoria Ölsburg zu verbuchen. Denn sie wurde zwei Mal hintereinander Meister und holte zwei Bezirkspokal-Siege. 30 Jahre nach dem Double-Gewinn erinnern sich Oliver Kroll und Bernd Jahs, die damals zum „Club-Extra-Team“ zählten, an die goldene Ära des Ölsburger Fußballs.

„Es war Wahnsinn, eine tolle Zeit. Wir schwammen drei Jahre auf einer Euphoriewelle und hatten Topspieler in den Reihen, die sich auch menschlich verstanden“, schwärmen Kroll und Jahs, die auch das Drumherum als einmalig bezeichnen. „Bei unseren Heimspielen waren regelmäßig 300 bis 500 Zuschauer da. Und es gab sogar einen Fan-Club.“

Noch mehr Besucher – nämlich 1100 – strömten im Juni 1990 auf Ölsburgs Sportplatz zum Halbfinale des Niedersachsen-Pokals. Dabei verlor die Viktoria mit 5:6 nach Elfmeterschießen gegen den TuS Bersenbrück, der nachfolgend in die 1. DFB-Pokalrunde einzog. Fast undenkbar für die heutige Zeit: Aus Bersenbrück reiste ein Sonderzug mit 500 Fans an, der auf dem damaligen Groß Ilseder Bahnhof Station machte. „Klar waren wir über die Niederlage enttäuscht, aber die Freude überwog, denn wir hatten eine geile Saison hingelegt“, verweist Jahs darauf, dass die Ölsburger in souveräner Manier Bezirksklassen-Meister wurden.

Die Fans des TuS Bersenbrück, dem Stärksten im Norden, kamen mit einem Sonderzug in die Gemeinde Ilsede, um ihre Mannschaft anzufeuern.
Die Fans des TuS Bersenbrück, dem "Stärksten im Norden", kamen mit einem Sonderzug in die Gemeinde Ilsede, um ihre Mannschaft anzufeuern. ©
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Zum Titel-Gewinn in der anschließenden Serie musste sich die Mannschaft deutlich mehr strecken. „Wir lieferten uns ein Kopf-an-Kopf-Duell mit dem TSV Wendezelle, das am letzten Spieltag entschieden wurden. Die Wendezeller sind später über die Knüppelrunde ebenfalls aufgestiegen“, berichtet Kroll. Für ihren Bezirksoberliga-Aufstieg wurde die Viktoria mit einer außergewöhnlichen Saison-Abschlussfahrt belohnt. „Wir waren für eine Woche in der Dominikanischen Republik. Andere Vereine reisen nach Malle, wir in die Karibik“, erläutert Jahs, dass Ölsburgs Sponsoren-Pool „Club-Extra“ einige Extravaganzen möglich machte. „Einfach ein normales Mannschaftsfoto machen – nein. Wir wurden in einem Braunschweiger Fotostudio geknipst.“ Ausgefallene Aktionen wie die beschriebene sowie die sportlichen Erfolge hätten schnell Neider auf den Plan gerufen. „Uns guckten Leute zu, die uns nur verlieren sehen wollten. Für sie waren wir Großmäuler.“

Doch genau das sei man nicht gewesen, betont der 49-jährige Kroll, seinerzeit Youngster der Mannschaft. „Wir waren in keinster Weise abgehoben. Denn mit Arroganz erreicht man nichts.“ Fußballerisch ging es für das 1989 zusammengestellte Club-Extra-Team auch im dritten Jahr seines Bestehens weiter nach oben. Im April 1992 wurde TuSpo Petershütte im Bezirkspokal-Endspiel mit 4:2 (1:1) nach Elfmeterschießen geschlagen, wobei Jahs, der mittlerweile 61 Jahre alt ist, dank drei gehaltener Strafstöße der umjubelte Held war. Im Landespokal-Finale setzte es dann indes eine 0:3-Niederlage gegen die Sportfreunde Ricklingen.

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Auch am Meistertitel schrammte die Mannschaft – wenn auch knapp – vorbei. Ein Grund dafür: „Es deutete sich im Laufe der Serie immer mehr an, dass sich das Projekt Club-Extra auflöst. Hauptsponsor Peter Lorenschat stieg schon vor der Saison aus, er engagierte sich stattdessen beim MTV Wolfenbüttel“, verweist Kroll auf den finanzstarken Unterstützer, der in Braunschweig ein Wohnstudio für exklusive Designer-Möbel betrieb.

Im Jahr darauf bekannte auch der zweite Haupt-Förderer, der in Ölsburg aufgewachsene Ali Cakaloglu, als Manager aufzuhören. „Warum genau Ali das tat, ist mir unklar. Klar war nach seinem Entschluss aber, dass wir auseinander brechen. Nur rund ein Drittel der Spieler sind geblieben, fast alles Ölsburger“, erinnert sich Kroll, der wie Jahs zur Stange hielt. Eine sportliche Talfahrt hatte der Aderlass indes nicht zur Folge, denn Viktorias erste Herren hielt sich noch bis 1997 in der Bezirksoberliga, die inzwischen Landesliga heißt.

Zusammenbruch hin oder her – Kroll und Jahs, die aktuell zusammen in der Ü40 von Germania Blumenhagen kicken, wollen die „goldene Zeit“ niemals missen. „Es waren drei Jahre wie auf der Überholspur. Es war immer Alarm, ständig passierte etwas Neues. Alle Spieler brannten, wir haben sehr viel erreicht. Als alles vorbei war, hätte ich persönlich als 22-Jähriger meine Fußballschuhe eigentlich an den Nagel hängen können“, sagt Oliver Kroll, der wie Bernd Jahs stolz darauf ist, ein Teil der damaligen Ölsburger Mannschaft gewesen zu sein.

Oliver Kroll (links) und Bernd Jahs (rechts) stöbern in alten Zeitungsausschnitten. Beide wollen die damalige goldene Zeit nicht missen.
Oliver Kroll (links) und Bernd Jahs (rechts) stöbern in alten Zeitungsausschnitten. Beide wollen die damalige "goldene Zeit" nicht missen. © Jürgen Hansen

Das Spiel gegen Gladbachs Traditions-Elf wird auf 2021 verlegt

Zur Entstehungsgeschichte des Club-Extra-Teams gehört auch, dass es seitens des Vereins Viktoria Ölsburg tatkräftige Mithilfe gab. „Dabei hat sich besonders Henning Hoffmann hervorgetan. Er war damals 1. Vorsitzender und er ist es auch heute“, berichtet Oliver Kroll. Trainer der „Gründermannschaft“ sei Jürgen Simon gewesen, er habe den Kader zusammengestellt und Spieler wie Joachim Brandes, Frank Kolbe oder Christoph Hasselbach zum Kommen überredet.

Ein großer Teil der Ehemaligen hatten die Zusage gegeben, beim Freundschaftsspiel gegen die Traditionsmannschaft von Borussia Mönchengladbach dabei zu sein, das anlässlich des 110. Vereinsgeburtstages von Viktoria Ölsburg im zurückliegenden Monat hätte stattfinden sollen. Wegen der Corona-Krise fiel jedoch alles ins Wasser. Nun wird die Partie am 12. Mai 2021 stattfinden. Gegen die „Weisweiler-Elf“ sollen in der ersten Hälfte Spieler aus Ölsburgs aktueller Ü40 sowie der alten Herren zum Einsatz kommen, nach der Pause die Viktoria-Haudegen der 90er-Jahre – mit Jürgen Simon auf der Trainerbank. „Und alle freuen sich riesig darauf, auch wenn es noch fast ein Jahr hin ist. Für dieses Spiel hat jeder das Ziel, fit zu sein“, erklärt Kroll, der im Vorfeld des Freundschaftsspiels gemeinsam mit Jahs Kontakt zu den ehemaligen Mannschaftskameraden aufgenommen hatte. Beide bedauern im Nachhinein, dass man im Frühsommer 1992 ohne Abschlussfeier fast fluchtartig auseinander gegangen sei. „Und wir haben uns seitdem nie zusammen getroffen. Nächstes Jahr haben wir einiges nachzuholen“, schwelgt Kroll in Vorfreude.

Von Jürgen Hansen