07. Juni 2021 / 08:14 Uhr

Wirbel um Copa America: Brasilien prüft den Aufstand - Boykott von Neymar und Co.?

Wirbel um Copa America: Brasilien prüft den Aufstand - Boykott von Neymar und Co.?

Tobias Käufer
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Copa America im eigenen Land könnte ohne Brasilien stattfinden. Neymar und seine Teamkollegen planen offenbar einen Boykott.
Die Copa America im eigenen Land könnte ohne Brasilien stattfinden. Neymar und seine Teamkollegen planen offenbar einen Boykott. © IMAGO/Action Plus
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Während die Europameisterschaft kurz vor der Tür steht, spitzt sich die Lage beim südamerikanischen Kontinental-Turnier Copa America immer weiter zu. Die brasilianischen Nationalspieler planen offenbar einen Boykott - unterstützt vom eigenen Trainer. RND-Korrespondent Tobias Käufer berichtet.

Normalerweise freuen sich die brasilianischen Nationalspieler, im eigenen Land auflaufen dürfen. Es ist für sie nicht nur eine Ehre, das Trikot des fünfmaligen Weltmeisters zu tragen, sondern auch eine der seltenen Gelegenheiten, auf brasilianischem Boden die eigenen Künste zu ze­le­brie­ren. Denn meist schickt der nationale Verband CBF die überwiegend in Europa tätigen Starkicker für gut dotierte Freundschaftsspiele zu absurden "Heimspielen" rund um den Globus nach Katar, Singapur oder Miami, nur eben nicht nach Brasilien. Von den zwingend im eigenen Land auszutragenden WM-Qualifikationsspielen einmal abgesehen.

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Doch in diesen Zeiten ist nichts normal, schon gar nicht in Brasilien. In der Seleçao wie auch im Verband rumort es, die Entscheidung der CBF-Vorstandsriege und der Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, die kurzfristig von den Co-Gastgebern Kolumbien (Proteste, Polizeigewalt) und Argentinien (Corona-Notlage) zurückgegebene Copa America (13. Juni bis 10. Juli) auf Bitten des südamerikanischen Fußballverbandes Conmebol zu übernehmen, wird von Trainer Tite und der Mannschaft kritisch gesehen. Denn im Virusvariantengebiet Brasilien ist die Lage problematisch. Das Land hat bislang über 470.000 Tote zu beklagen. Erst am Freitag gab es weitere 62.000 Neuinfektionen.

Brasilien-Trainer Tite solidarisiert sich mit der Mannschaft

Ausgerechnet die brasilianische Nationalmannschaft will sich nun offenbar weigern, am Turnier im eigenen Land teilzunehmen. Sie will ein Zeichen setzen, dass in einer solchen Lage an Fußball nicht zu denken sei. Trainer Tite steht hinter dieser Einstellung und solidarisiert sich mit der Mannschaft, die ihn beim 2:0-Pflichtsieg in der WM-Qualifikation bei den Toren umarmte. Eine klare Sympathiegeste jenes Teams, das vor zwei Jahren den ersten Copa-Titel seit Jahren feiern konnte. Seleçao-Kapitän Casemiro von Real Ma­drid sagte nach dem Spiel gegen Ecuador vielsagend: "Wir wollen unsere Meinung nach dem Spiel gegen Paraguay äußern. Nicht nur ich, nicht nur die Spieler, die in Europa spielen. Es sind alle, einschließlich Trainer Tite. Alle zusammen." In der Kritik steht Verbandsboss Rogerio Caboclo, gegen den es aus den Reihen des Verbandes auch Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gibt. Und auch Bolsonaro wegen seiner Corona-Politik.

João Luis Silva von der Nichtregierungsorganisation Rio de Paz sieht Parallelen zu Großereignissen der letzten Jahre: "Die Zivilgesellschaft und die sozialen Bewegungen können angesichts dieser Fehlentscheidung der Regierung ähnlich wie vor der Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 nicht schweigen." Damals richtete sich die Kritik gegen die Milliardenausgaben für neue Stadien und Sportarenen, während sich die Krankenhäuser und Schulden des Landes in einem katastrophalen Zustand befanden.

Copa-Boykott könnte Wertediskussion auslösen

Sollten sich die Spieler weigern zu spielen, wäre das ein Präzedenzfall im Weltfußball auf diesem Niveau. Und er würde Fragen aufwerfen. Wann und unter welchen Umständen darf gespielt werden? Wenn Brasilien im eigenen Land aus Protest gegen die Corona-Politik nicht spielen will, wäre dann ein Auftritt in Katar gerechtfertigt, wo es Menschenrechtsverletzungen geben soll? Wann darf dieses auf Turbokapitalismus beruhende Geschäftsmodell – von dem übrigens die Spieler am meisten profitieren – über Menschenrechte und die soziale Lage eines Landes dominieren?

Stellt sich die Seleçao gegen die Copa America, würde das eine Wertediskussion auszulösen, über die Vergabe von WM-Turnieren und Olympischen Spielen, von rücksichtslosen Turnierplänen und Funktionären. Und es würde die Spieler wieder ein Stück weit zurückholen in die Realität.