28. Mai 2021 / 15:19 Uhr

Wissenschaftliche Analyse: Wie viel Antisemitismus steckt im Hass auf RB Leipzig?

Wissenschaftliche Analyse: Wie viel Antisemitismus steckt im Hass auf RB Leipzig?

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
Diese Wand mit Anti-RB-Bannern zeigte der K-Block von Dynamo Dresden während des DFB-Pokalspiels der Schwarz-Gelben gegen RB Leipzig.
Diese Wand mit Anti-RB-Bannern zeigte der K-Block von Dynamo Dresden während des DFB-Pokalspiels der Schwarz-Gelben gegen RB Leipzig. © Imago/Robert Michael
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Auch wenn er jüngst doch spürbar abflachte: Seit Gründung des Clubs schlägt RB Leipzig eine Welle des Hasses entgegen. Pavel Brunssen ist Wissenschaftler und hat sich mit diesem Phänomen auf seine Art auseinandergesetzt. In seinem Buch „Antisemitismus in Fußball-Fankulturen – Der Fall RB-Leipzig“ untersucht er die Ressentiments gegen den Bundesligisten. Ihm ist wichtig: Es gibt einen Unterschied zwischen berechtigter Kritik und übertriebener Ablehnung.

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Leipzig. Es ist eine zwölfjährige Geschichte der Extreme. Abgrundtiefe Verachtung, bedingungslose Liebe und rasanter sportlicher Erfolg prägen die noch kurze Historie von RB Leipzig. Dem heutigen Fußball-Bundesligisten und Champions-League-Teilnehmer ist innerhalb eines Jahrzehnts gelungen, was andere Klubs innerhalb eines Jahrhunderts nicht erreichen konnten. Viel Geld, moderne Strukturen und ein klares Geschäftsmodell haben den Verein erfolgreich gemacht – und eine neue Dimension des Hasses, der Abneigung und Verachtung im deutschen Fußball ausgelöst. Fankulturen, die seit Jahrzehnten gegen die Kommerzialisierung ihres Sports ankämpfen, hatten und haben seither einen weiteren gemeinsamen Gegner. Doch zwischen Kritik am Kapitalismus, der Frage nach sportlicher Fairness und der Ablehnung des modernen Fußballs versteckt sich laut Fan-Forscher und Autor Pavel Brunssen eine weitere Ebene: Antisemitismus.

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In dem wissenschaftlichen Buch „Antisemitismus in Fußball-Fankulturen – Der Fall RB-Leipzig“ geht Brunssen auf die zahlreichen Dimensionen des „Ressentiments“, also der Ablehnung, gegenüber dem Bundesligisten ein. Für seine Arbeit hat der Antisemitismusforscher Hunderte Banner und Spruchbänder, zahlreiche Fanmärsche, -aktionen und -lieder sowie Stellungnahmen von Vereinen, Anhängern und Ultragruppierungen ermittelt, gesichtet und analysiert. „Gegen keinen anderen Verein richtete sich der Hass von Fußballfans in vergleichbarer Art und Weise“, stellt der Autor fest, der in German Studies an der Universität von Michigan promoviert hat. Die Ablehnung von RB Leipzig sei geradezu ein Trend in „Ultradeutschland“, eine Ablehnung, die immer weitere Mithasser und -verächter akquiriere.

Im Februar 2017 zierten unzählige beleidigende Spruchbänder die Dortmunder Südtribüne. Anlass war das Gastspiel von RB Leipzig beim BVB.
Im Februar 2017 zierten unzählige beleidigende Spruchbänder die Dortmunder Südtribüne. Anlass war das Gastspiel von RB Leipzig beim BVB. © Imago/MIS

Brunssen unterstellt damit aber nicht jedem Kritiker des Red-Bull-Fußball-Imperiums ein Antisemit zu sein. Stattdessen geht es in der Arbeit um die Parallelen zwischen dem blinden Hass gegen Juden und dem blinden Hass gegen einen Fußballklub. „Die Ressentimentkommunikation gegen RB Leipzig mit Methoden und Konzepten der Antisemitismusforschung zu analysieren, bedeutet nicht, diese mit Konzentrationslagern der Nazis oder mit Anschlägen auf Synagogen gleichzusetzen“, so der Fan-Forscher. Er warnt: „Reduzieren wir unser Verständnis von Antisemitismus auf das Unvorstellbare, verstellen wir uns den Blick auf Antisemitismus in der Gegenwart.“



Brunssen stellt auf 180 Seiten die komplexen Zusammenhänge seiner Theorie glaubhaft dar, bedient sich zahlreicher Beispiele und zeigt auf, welche Ausmaße die Ablehnung der Roten Bullen in bestimmten Ultagruppen über die Jahre angenommen hat. Kein Buch für den leichten Lesegenuss und nichts für schwache Nerven. Doch es braucht die wissenschaftliche Präzision und die vielen Details, um die Unterschiede zwischen berechtigter Kritik an den Rasenballern und einer übertriebenen Ablehnung darzustellen. Während die „fragwürdigen Transfers mit Red Bull Salzburg“ oder die „undemokratischen Mitgliedsstrukturen“ laut Brunssen diskutiert werden sollten, sei eine Ablehnung der reinen Existenz des Klubs äußerst problematisch. „Den Hassenden geht es nicht darum, was RB Leipzig tut, sondern darum, dass RB Leipzig ist“, schreibt der Wissenschaftler und bringt den Kern der Problematik damit auf den Punkt.