13. August 2022 / 08:00 Uhr

Noch 100 Tage bis zur WM in Katar: Die Hoffnungen, Sorgen und Zweifel unserer Kolumnisten

Noch 100 Tage bis zur WM in Katar: Die Hoffnungen, Sorgen und Zweifel unserer Kolumnisten

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Almuth Schult, Wolff Fuss, Ronald Reng und Jochen Breyer (v.l.) schreiben über die Weltmeisterschaft in Katar.
Almuth Schult, Wolff Fuss, Ronald Reng und Jochen Breyer (v.l.) schreiben über die Weltmeisterschaft in Katar. © IMAGO/MIS (Montage)
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Lange wurde über sie geredet, jetzt steht sie kurz vor der Tür: Die Weltmeisterschaft in Katar beginnt in 100 Tagen. Vier Kolumnisten des RedaktionsNetzwerks Deutschland, dem auch der SPORTBUZZER angehört, schreiben über das Turnier.

Vier Kolumnisten des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), zu dem auch der SPORTBUZZER gehört, schauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die in 100 Tagen beginnende Fußball-Weltmeisterschaft in der Wüste. Sie schildern ihre persönlichen Erlebnisse und haben allesamt Sorgen, Zweifel und viele Fragezeichen. Nachfolgend die Kolumnen von Nationalspielerin Almuth Schult, TV-Kommentator Wolff Fuss, Bestsellerautor Ronald Reng und ZDF-Moderator Jochen Breyer

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Hoffe, dass Fußball bunt sein darf

von Almuth Schult

Wenn man gerade eine EM im Mutterland des Fußballs erlebt hat, ist man noch in Gedanken bei der fantastischen Atmosphäre. Fans aus ganz Europa, bunte Fahnen und Trikots, Fanmärsche, Fanmeilen. All das in der bunten Vielfalt der Gesellschaft von Kultur, Religion, Alter, Sexualität und vielem mehr. Der Fußball ist bunt und hat dies in England mal wieder gezeigt.

Vielleicht wird bei den Turnieren von uns Frauen die Vielfalt noch ein wenig stärker gelebt. Es waren nicht nur viele Familien in den Stadien, sondern es musste sich auch niemand wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken. Spielerinnen, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, und Fans, die es nach außen tragen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

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Doch genau dieser Teil des bunten Fußballs hinterlässt mit Blick auf Katar ein dickes Fragezeichen. Wie wird es sein als Frau, die WM als Fan im Gastgeberland zu verfolgen? Muss man als nicht heterosexueller Mensch Angst haben, überhaupt einreisen zu können? Wie wäre es, vor Ort zu arbeiten, wenn man nicht der Kategorie "normaler Mann" angehört? Wie, vielleicht auch Männern als Frau bei der Arbeit Anweisungen zu geben?

Es ist das erste Turnier, bei dem ich mir solche Fragen stelle. Wobei man eigentlich voller Vorfreude auf so ein Ereignis sein und sich nicht mit großen Bedenken beschäftigen sollte. Ich bin grundsätzlich Optimist und hoffe, dass alle Befürchtungen sich nicht erfüllen, die WM nachhaltig mehr Vielfalt unter die Katarer bringt und die umstrittene Vergabe rechtfertigt.

Die Organisation wird perfekt

von Wolff Fuss

Prinzipiell bin ich ein Mensch, der sich sehr gut mit neuen Gegebenheiten arrangieren kann. So sehe ich durchaus den Fakt, dass eine Fußball-WM, die erstmals im Winter stattfindet, auch ihre Reize haben kann.

Die Menschen schauen gerade in dieser Zeit viel und gerne fern. Public Viewing auf Weihnachtsmärkten und in der Halbzeit kommt der Nikolaus – warum nicht?! Ich sitze dann in Doha bei 25 Grad und werde ein mit Sicherheit perfekt organisiertes Turnier erleben. Kurze Wege in die Stadien. Nicht, wie sonst üblich, stundenlange Aufenthalte an Flughäfen oder Bahnhöfen, um den nächsten Spielort zu erreichen. Keine ständig wechselnden Hotels. Ein Hotel – für vier Wochen. On-Air-Klamotten, Büro – an einem Ort. Keine weitere Organisation notwendig, volle Konzentration auf das Wesentliche – die Spiele. Das hilft ungemein. Logistik ist bei großen Turnieren traditionell eines der größten Themen.

Ich werde für Magenta von dieser WM berichten und erwarte eine deutlich höhere Spielqualität als das bei einem Sommerturnier der Fall sein kann. Anstatt 60 bis 70 Pflichtspielen im Juni werden die Topspieler am 20. November erst 20 bis 30 in den Beinen haben. Das wird man sehen. Aber: Wie viele Fans können es sich leisten, zu kommen, wie viele kann dieses kleine Land überhaupt aufnehmen? Wird es fußballtypische Stimmung in den Stadien geben? Und, noch wichtiger, wie hat sich der Umgang mit Menschenrechten in diesem Land verändert? Spannende Fragen, die dazu zwingen, deutlich genauer hinzuschauen als bei einem "normalen" Turnier.

Nachwehen für den Klubfußball

von Ronald Reng

Die FIFA tut viel dafür, damit ihr nur das Schlimmste zugetraut wird. Und jetzt trägt man auch noch eine WM im Winter aus! Diesen Traditionsbruch in einer Reihe mit Korruptionsskandalen oder zweifelhaften WM-Vergaben zu nennen, so wie es viele in Deutschland tun, halte ich für Unsinn.

Die Kritik am Dezembertermin entspringt einer rein eurozentrischen – oder sogar egozentrischen – Sichtweise. Dann erleben jetzt eben einmal die Länder der südlichen Halbkugel wie Argentinien oder Australien eine WM im Sommer, mit Fußballschauen auf der Terrasse.


Spannender, als sich über durcheinandergebrachte Fanroutinen zu echauffieren, finde ich die Frage, was die WM im Winter mit den Vereinsteams macht. Es ist ein einmaliges Experiment: Erstmals unterbricht eine WM die Bundesliga und die anderen Ligen in mitten ihrem Spieljahr für zwei volle Monate. Werden Klubs, die quasi all ihre Spieler für die WM abstellen, danach abrupt einbrechen, weil die Fußballer emotional erschöpft zurückkehren? Werden andere Vereine die lange Pause nutzen, um sich durch Training und Spielertransfer mitten im Jahr massiv zu erneuern? Wir werden ziemlich sicher einige Überraschungen und Ungerechtigkeiten im Klubfußball durch die WM im Winter erleben. Für die Fans, wage ich zu prophezeien, wird es dagegen eher eine lustige Abwechslung: Fußball-WM einmal auf dem Weihnachtsmarkt. Und die Kritiker kann ich beruhigen: Diese FIFA liefert garantiert bald wieder einen anderen, echten Grund, um sie zu verwünschen.

Die kurioseste Reise meines Lebens

von Jochen Breyer

Vor zwei Monaten flog ich für einen Dokudreh nach Katar – es war die kurioseste Reise meines Lebens. Auf dem Hinflug war die Maschine von Qatar Airways komplett (!) leer, nur mein Kamerateam und ich. Niemand reist im Sommer freiwillig nach Katar. Außer uns, weil wir mal schauen wollten, wie es eigentlich so in Doha aussieht, in dem Monat, in dem die WM dort eigentlich stattgefunden hätte.

Und was soll ich sagen? Es hat mich umgehauen. Eine solche Hitze hatte ich noch nie erlebt – nicht im australischen Outback, nicht im Death Valley. Knapp 50 Grad. Die Straßen waren menschenleer. Auch die Strände: verlassen. Es war – kein Witz – sogar zu heiß, um am Strand zu liegen. An dem Tag, an dem das Eröffnungsspiel stattgefunden hätte, fegte auch noch ein Sandsturm durch Doha. Und ich fragte mich mehr denn je: Wie konnte die FIFA damals, 2010, die WM allen Ernstes für diesen Zeitraum in die Wüste vergeben? Sie zu verlegen war unerlässlich, um Spieler und Fans zu schützen.

Ein Bild, das ich nie vergessen werde: ein kilometerlanger Fahrradweg, den die Katarer zum Finalstadion gebaut haben. Er wirkte wie eine Piste durch eine Geisterstadt. Kein Fahrradfahrer weit und breit. Wer fährt auch bitte Fahrrad bei 50 Grad?

Ansonsten: spektakuläre Stadien, eine ultramoderne Metro, im Hafen zwei Kreuzfahrtschiffe, weil man nicht genügend Hotelzimmer hat. Über eine Million Fans werden erwartet. Bei aller Kritik – das Turnier wird auch ein Experiment, auf dessen Ausgang ich sehr gespannt bin: eine WM in nur einer Stadt.

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