26. August 2019 / 18:52 Uhr

WM-Affäre: Die Hintergründe zur Anklage gegen die Ex-DFB-Präsidenten Zwanziger und Niersbach

WM-Affäre: Die Hintergründe zur Anklage gegen die Ex-DFB-Präsidenten Zwanziger und Niersbach

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die beiden ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach werden nun auch in Deutschland gegen der WM-Affäre angeklagt.
Die beiden ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach werden nun auch in Deutschland gegen der WM-Affäre angeklagt. © imago images / Sven Simon
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Die beiden ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach müssen sich in Deutschland vor Gericht wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung verantworten. Zwanziger wehrt sich gegenüber dem SPORTBUZZER: „Ich habe Aufklärung gewollt“ 

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Was geschah mit den ominösen 6,7 Millionen Euro? Und wer ist an allem schuld? Diese Fragen rund um die wirren Geschäfte des Organisationskomitees (OK) im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 werden den deutschen Fußball und die Justiz weiter beschäftigen. Am Montag wurde bekannt: Die Anklage gegen die früheren Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie zwei weitere Beschuldigte wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ist nun auch in Deutschland zugelassen worden. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main (OLG) begründete dies mit der Einschätzung, dass eine Verurteilung der Beschuldigten „wahrscheinlicher als ein Freispruch ist“.

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Gericht lässt Anklage gegen "Sommermärchen-Macher" nun doch zu

Franz Beckenbauer ist nicht Teil der Anklage

Das im Sommer 2006 voller Euphorie gefeierte „Sommermärchen“ wird seine dunklen Flecken einfach nicht los. Dazu kommt: Beim DFB-Bundestag am 27. September soll Fritz Keller, der bisherige Klubboss des SC Freiburg, zum neuen DFB-Präsidenten gewählt werden. An einer weiteren Aufklärung auf Verbandsebene wird auch er kaum vorbeikommen.

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Zwanziger, Niersbach sowie der ehemalige DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und der frühere FIFA-Generalsekretär Urs Linsi müssen sich ähnlichen Verfahren auch in der Schweiz stellen. Der ebenfalls unter Verdacht geratene Ehrenspielführer und frühere Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, Franz Beckenbauer (in der Mitteilung des OLG als „Fußballer F. B.“ bezeichnet) ist nicht Teil der Anklage – in der Schweiz wurde sein Verfahren mit Verweis auf seinen Gesundheitszustand abgetrennt.

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Hintergrund zur Anklage: Eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro im Vorfeld der WM 2006

Hintergrund ist eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro im Vorfeld der WM 2006. Beckenbauer soll diese als Kredit vom früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus (verstarb 2009) erhalten haben. Die Zahlung vom April 2005 sei Bedingung gewesen, um dem WM-OK einen vom Fußball-Weltverband FIFA ausgelobten Zuschuss in Höhe von 250 Millionen Schweizer Franken zu sichern. Die 6,7 Millionen landeten schließlich auf Umwegen auf Konten des mittlerweile gesperrten Ex-FIFA-Funktionärs Mohammed Bin Hammam.

Das OLG sieht nun einen „hinreichenden Tatverdacht“, dass der angegebene Grund zur Verwendung der Millionen, nämlich zugunsten einer WM-Gala (die nie stattfand), nicht stimme. Ebenso wenig wahrscheinlich sei es, dass das Geld an Beckenbauer gezahlt wurde, um dessen „Verdienste um die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 und die Organisation“ zu entlohnen. Im Klartext: Auch das Gericht weiß nicht, warum die 6,7 Millionen Euro überhaupt gezahlt wurden.

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Zwanziger wehrt sich im SPORTBUZZER gegen die Vorwürfe

Zwanziger wehrte sich am Montag gegenüber dem SPORTBUZZER gegen die Vorwürfe: „Ich habe Aufklärung gewollt. Und der, der Aufklärung wollte, soll jetzt verurteilt werden?“, fragte er rhetorisch. Der 74-Jährige weiter: „Ich sehe dem Verfahren sehr entspannt entgegen. Vielleicht ist es sogar besser, wenn der Vorgang zu einer öffentlichen Hauptverhandlung führt, denn dann kann sich die Öffentlichkeit ein genaues Bild davon machen, wer seine Pflichten verletzt hat. Und in dem Zusammenhang wird auch das Bild der hessischen Justiz gezeichnet werden.“

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Zwanziger und sein Anwalt Hans-Jörg Metz bemängeln, dass ihre Stellungnahme zu den Vorwürfen im Beschluss des OLG „völlig weggelassen wird und eine inhaltliche Auseinandersetzung damit noch nicht einmal im Ansatz erkennbar ist“. Auch Schmidt übt Kritik an der Entscheidung des Gerichts. Er weist den Vorwurf der Steuerhinterziehung „weiterhin entschieden“ zurück. "Bedauerlicherweise“ habe sich das OLG in seinem Beschluss „mit den vielfältigen Argumenten gegen eine Strafbarkeit nicht befasst, sondern hat im Wesentlichen die Thesen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main 'copy and paste' übernommen“, teilte die Schmidt vertretende Anwaltskanzlei mit.

Beschuldigten droht bis zu fünf Jahre Haft

Beim früheren DFB-Präsidenten (2006 bis 2012) stellt sich eine weitere Frage: War er überhaupt noch für die Finanzen des OK verantwortlich, als die fragliche Millionensumme von 2005 im Jahr darauf als Betriebsausgabe verrechnet wurde?

Der Beschluss des Oberlandesgerichts ist derweil nicht mehr anfechtbar. Dementsprechend wird bald vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt. Bei einer Verurteilung könnten die Beschuldigten mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Das Image des deutschen Fußball-Verbandswesens ist derweil längst schwer beschädigt.