30. November 2021 / 11:03 Uhr

WM-Finale, FIA-Rüffel, Vettel-Bilanz: Thesen zum Formel-1-Monat – mit Norbert Haug

WM-Finale, FIA-Rüffel, Vettel-Bilanz: Thesen zum Formel-1-Monat – mit Norbert Haug

Norbert Haug
RedaktionsNetzwerk Deutschland
SPORTBUZZER-Kolumnist Norbert Haug blickt auf die Saison-Endphase.
SPORTBUZZER-Kolumnist Norbert Haug blickt auf die Saison-Endphase. © Getty Images/IMAGO/Panthermedia (Montage)
Anzeige

Eine neue Ausgabe der SPORTBUZZER-Kolumne mit dem ehemaligen Mercedes-Motorsport­chef Norbert Haug, der bereits mit Lewis Hamilton und Michael Schumacher zusammen­arbeitete, als diese als Renn-Junioren von Mercedes gefördert wurden. Wir legen dem F1-Experten Thesen vor – und Haug gibt seine Einschätzungen dazu ab. Der WM-Kampf steht vor dem entscheidenden Monat wieder im Fokus.

Die Formel-1-Saison 2021 ist eine für die Geschichtsbücher – und zwei Männer haben allen die Show gestohlen: Titelverteidiger Lewis Hamilton im Mercedes und Max Verstappen im Red Bull liefern sich einen der packendsten Titelkämpfe der vergangenen Jahre. Und immer wieder scheinen sich die Kräfteverhältnisse zu drehen: War der aktuelle WM-Spitzenreiter Verstappen (acht Punkte Vorsprung auf Hamilton) in Mexiko noch der schnellste Mann, fuhr sein britischer Rivale in Brasilien und Katar allen davon. In dieser Topform sind Hamilton und Mercedes vor den finalen Rennen in Saudi-Arabien (5. Dezember) und Abu Dhabi (12. Dezember) die WM-Favoriten – oder nicht?

Anzeige

Der SPORTBUZZER, das Sport­portal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), hat dem ehemaligen Mercedes-Motor­sport­chef Norbert Haug diese These vorgelegt – und noch vier weitere. So äußert sich der 69-Jährige, der die Karrieren der jeweils sieben­maligen (Rekord-)Welt­meister Lewis Hamilton und Michael Schumacher von Beginn an begleitet und mit beiden als Sport­chef erfolg­reich gearbeitet hat, auch über die jüngsten Strafen der FIA, die Rolle der Teamkollegen im Titelkampf und den möglichen Einstieg eines weiteren deutschen Premium-Herstellers neben Mercedes.

These 1: In der aktuellen Form sind Lewis Hamilton und Mercedes die klaren WM-Favoriten.


Haug: "Ich halte generell nichts von derart ultimativen Ansagen, und der Verlauf der aktuellen Formel-1-Saison bestätigt, dass diese Haltung keineswegs die unüberlegteste ist. Vor ein paar Wochen galten Red Bull und Verstappen als unschlagbar, jetzt werden vermehrt Mercedes und Hamilton in der Favoritenrolle gesehen. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt – und drittens in der Formel 1. Ich hatte während der aktuellen Formel-1-Saison in diesen Kolumnen stets auf meine Einschätzung hingewiesen, dass wer Mercedes und Hamilton abschreibt, die Rechnung ohne den Wirt macht. Und so sehr ich mich freuen würde, sollte ich nach dem letzten Rennen in Abu Dhabi recht behalten, so wenig kann ich es garantieren. Dramatisch und tragisch würde ich finden, sollten die geschenkten Punkte der Zwei-Runden-Spazierfahrt hinter dem Safety Car in Spa diesen ansonsten so hochwertvollen und hochdramatischen Formel-1-Kampf zweier Weltklasseteams und Weltklassefahrer entscheiden. Hätte es in Spa richtigerweise eine Rennabsage gegeben, würde der Abstand zwischen Verstappen und Hamilton übrigens gerechtere und noch spannendere 3 Punkte betragen."

These 2: Im WM-Endspurt kommt es jetzt auch auf die Teamkollegen von Hamilton und Verstappen an.

Haug: "Zweifellos. Aber sich auf den Teamkollegen zu verlassen, war noch nie eine gute Rezeptur für einen WM-Titelgewinn. Die Teamkollegen können im Idealfall hie und da den Unterschied machen, vor allem natürlich dann, wenn sie in unmittelbarer Nähe ihrer Nummer eins starten und nach dem Start zu deren Absicherung idealerweise direkt hinter ihnen fahren und so ihrem Team Strategievorteile ermöglichen. Zuletzt lief das meist anders und sowohl Sergio Perez bei Red Bull wie auch Valtteri Bottas im Mercedes konnten der Sonderklasse von Hamilton und Verstappen in der Regel nicht den Speed entgegensetzen, um im Rennen konsequent als Abschirmung zu dienen. Allerdings ist es mir eh lieber, wenn es Mann gegen Mann und Team gegen Team geht, und zwar hart, aber sportlich fair."

These 3: Die FIA hat sich mit ihren jüngsten Entscheidungen (keine Strafe für Verstappen-Aktion gegen Hamilton in Brasilien, Geldstrafe fürs Autoanfassen im Parc fermé) keinen Gefallen getan.

Haug: "Ich kenne etliche wenig balancierte und wenig nachvollziehbare FIA-Urteile zur Genüge aus meiner aktiven Zeit. Allerdings bin Ich davon überzeugt, dass die FIA-Formel-1-Verantwortlichen aktuell grundsätzlich gute und ausgesprochen kompetente Arbeit leisten, aber bei den Fällen wie dem Mercedes-Flügelmaß oder dem Verstappen-Abdrängen von Hamilton ist einiges schiefgelaufen. Bei allem, was jetzt WM-entscheidend sein kann, müssen die Verantwortlichen im ureigensten Interesse unbedingt präzise und nachvollziehbar agieren und urteilen, nicht für gleiche Vergehen unterschiedliche Strafen aussprechen."

These 4: Die Saison von Sebastian Vettel muss trotz kleinerer Zwischenhochs bisher als Enttäuschung bewertet werden.

Haug: "Ich finde, Sebastian hat sich ganz ordentlich berappelt, nachdem er von der vorgefundenen Basis im neuen Team verständlicherweise nicht gerade begeistert sein konnte. Sein Chef Lawrence Stroll hat künftig wohl ein 'Sechs-Sterne-Team' versprochen. Mir hat ein Stern immer gereicht."

These 5: Der Einstieg eines weiteren deutschen Herstellers wie Audi würde der F1 guttun.

Haug: "Unbedingt. Ich habe auch gelesen, dass deutsche Premiumhersteller darüber hinaus angeblich auch Interesse am Kauf der McLaren-Sportwagenmanufaktur haben, die vor über 20 Jahren mit dem Mercedes McLaren SLR ihr Dasein startete. Es freut mich sehr, dass der früh gewählte und so kostengünstig wie erfolgreich umgesetzte Mercedes-Weg nun in der Formel 1 wie im Supersportwagen-Segment möglicherweise Nachahmer in der Premium-Automobilbranche finden wird."