21. Juni 2020 / 09:25 Uhr

WM-Finale vor 50 Jahren: Rudi Glöckner und das Spiel Nummer 32

WM-Finale vor 50 Jahren: Rudi Glöckner und das Spiel Nummer 32

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
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Handschlag vor dem großen Finale in Mexiko-City: Rudi Glöckner mit den Kapitänen Giacinto Facchetti (l.) und Carlos Alberto. © dpa
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Brasilien gegen Italien. Superstar Pelé gegen die "Jahrhundertspiel"-Sieger. Vor 50 Jahren pfiff der Markranstädter Rudi Glöckner in Mexiko als bisher einziger Deutscher ein Finale der Fußball-WM.

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Markranstädt/Leipzig. Auch im Sport geht es eigentlich so: Lehrling – Geselle – Meister. Doch an diesem Sonntag vor 50 Jahren, am 21. Juni 1970, übersprang Rudi Glöckner diese Hürden innerhalb weniger Tage bei der Fußball-WM in Mexiko. „Ich hatte erst acht Länderspiele gepfiffen“, erinnerte er sich noch lange danach an die aufregenden Stunden, als er zum Final-Schiedsrichter bestimmt wurde.

„Ich ging gerade zum Frühstück, da lag ein Brief im Postfach mit dem Aufschrift Spiel Nummer 32. Gleichzeitig lag da ein Telegramm von meiner Frau Suse und Tochter Marita. Durch den Zeitunterschied in der Heimat hatten die schon vor mir aus der Presse erfahren, dass ich das Endspiel Brasilien gegen Italien leiten sollte.“ Natürlich gab es viel Aufregung um den DDR-Schiedsrichter. Die wurde beim abendlichen Skat mit Trainer Georg Buschner und Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel abgeschwächt.

Doch da war nicht nur die nervliche Anspannung. Die Höhenlage von 2200 Metern in Mexiko-City verlangte auch von den Referees ein Höchstmaß an körperlicher Fitness. Der 41-jährige Glöckner war jedoch bestens darauf vorbereitet, hatte immerhin acht Wochen lang vier mal pro Woche in Leipzig trainiert. „Ich war topfit, was ich von einigen der anderen 33 Schiedsrichter nicht behaupten konnte.“

Temperaturen um 50 Grad

Als die Teams zu den Hymnen aufliefen, verlor er die Pfeife. „Ich war so aufgeregt, dass ich es gar nicht bemerkte. Instinktiv hob ich sie wieder auf.“ Mit dem Anpfiff war es jedoch vorbei mit der Nervosität, Glöckner leitete das Duell vor 107 000 Fans im Aztekenstadion souverän wie die Experten bescheinigten. Die Brasilianer um Superstar Pele besiegten die Italiener 4:1. Denen steckte offensichtlich noch das schwere Halbfinale mit Deutschland in den Knochen. Im „Jahrhundertspiel“ bezwangen sie die Elf von Trainer Helmut Schön nach Verlängerung mit 4:3.

Das Finale war um 12 Uhr Ortszeit angesetzt, damit die europäischen Fernsehstationen um 19 Uhr übertragen konnten. „So herrschten auf dem Platz Temperaturen von über 50 Grad, das hatte mit Fußball wenig zu tun. Es ging ums Geld.“ Schwere Bedingungen für Glöckner und seine beiden Linienrichter aus der Schweiz und Argentinien.

Die Hitze sorgte dafür, dass er während der gut vier WM-Wochen acht Kilogramm abnahm. An seiner Finalleitung gab es kaum Kritik, obwohl er einen Freistoß der Brasilianer, der ins Tor rollte, unglücklich mit dem Halbzeitpfiff stoppte. Spektakulär auch jene Szene, als er Brasiliens Kult-Masseur Americo des Feldes verwies. Der wollte seine Spieler bei Unterbrechungen ständig mit Wasser und Eis versorgen.

Länderspiel-Organisator

Bei der Rückkehr gab es in Berlin einen Empfang beim DDR-Verband, auch in der Heimatstadt Markranstädt südwestlich von Leipzig fanden sich Sportfreunde und Bekannte ein, um den nun Berühmten zu begrüßen. „Rudi blieb immer bodenständig, der hob nicht ab“, bekennt Markranstädts Fußball-Urgestein Reinhard Reuter. „Er kam oft zu den Schiedsrichtern im Verein zu deren Feierlichkeiten. Und selten fehlte er beim Kegeln oder beim Skat, seinen beiden Leidenschaften neben dem Fußball.“

Beruflich war der gelernte Verwaltungsangestellte in Leipzig beschäftigt, doch zeitlebens wohnte Rudi Glöckner in Markranstädt. Als Geschäftsführer des Bezirksfachausschusses im Sportforum lenkte er von 1965 bis 1991 nicht nur die Geschicke des Leipziger Fußballs.

Viele Länderspiele im Zentralstadion – eines der damals größten in Europa – organisierte das Team um Glöckner im kleinen Büro im Sportforum. Ich als LVZ-Journalist war erstaunt, von welcher Enge aus diese großen Veranstaltungen organisiert wurden. Als ich zur Vorbereitung eines Länderspiels bei Glöckner auftauchte, entschuldigt er sich, weil er mir keinen Platz anbieten konnte. Vorn saß er an einer Art Camping-Tisch, dahinter die Sekretärin am einzigen Telefon.

Früher Tod mit 69 Jahren

Rudi Glöckner blieb bescheiden, hatte sein Vorbild in Vater Georg. „Schorsch war hier in Markranstädt einer, der den Sportplatz zu einer schmucken Sportstätte werden ließ. Ohne ihn, den Arbeitersportler, lief lange eigentlich nichts“, weiß Reuter. Das wandelnde Fußballlexikon der Stadt kann es sich durchaus vorstellen, den Namen Glöckner in der Stadt auf einem Platz oder Straßenschild zu lesen.

Rudi Glöckner war viel auf Achse, national wie international ertönte seine Pfeife. 24 A-Länderspiele, 47 EC-Partien, mehr als 230 Euro Oberliga- und Pokalttreffen. Als er 1999 mit 69 Jahren verstarb, hatte sich ein Leben für seinen geliebten Fußball-Sport erfüllt. Vielleicht findet sich am Sonntag ein Offizieller, der Frau Glöckner mit einem Blumenstrauß an jenen denkwürdigem WM-Tag erinnert.

Es wäre eine kleine Geste zur Ehrung eines Ehrenbürgers der Stadt (seit 1971). Frau Glöckner lebt inzwischen 90-jährig im Betreuten Wohnen in der Bahnhofstraße. Ab und an trifft man die betagte Dame, wenn sie gerade mit dem Rollator in der Stadt unterwegs ist.

Eberhard Schmiedel