15. Juni 2021 / 16:31 Uhr

Wohin mit Joshua Kimmich? Die Taktik-Analyse zum DFB-Kracher gegen Frankreich

Wohin mit Joshua Kimmich? Die Taktik-Analyse zum DFB-Kracher gegen Frankreich

Tobias Escher
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Joshua Kimmich könnte zur entscheidenden Personalie im EM-Kader der deutschen Mannschaft werden.
Joshua Kimmich könnte zur entscheidenden Personalie im EM-Kader der deutschen Mannschaft werden. © Getty
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Deutschland startet gegen Frankreich in die Europameisterschaft - und eine Frage beschäftigt die Fußball-Nation: Auf welcher Position soll Joshua Kimmich spielen? Taktik-Experte Tobias Escher über die besondere Rolle des vielleicht wichtigsten Akteurs im deutschen Kader.

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Man stelle sich vor, Deutschland tritt bei einer Europameisterschaft an – und geht nicht als Favorit ins Auftaktspiel. Das gab es noch nie in der Ära von Joachim Löw. Ob gegen die Ukraine (2016), Portugal (2012) oder Polen (2008): Vom DFB-Team wurde zum Turnierstart ein Sieg erwartet.

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Nun wartet Weltmeister Frankreich. Und es stellt sich erstmals seit Jahren die Frage, wie man diese Partie taktisch angeht. Denn normalerweise war stets klar: Deutschland dominiert und hat mehr Ballbesitz, während der Gegner auf Konter lauert – diese Rolle würden die Franzosen dankend annehmen. Mit Kylian Mbappé verfügen sie über den wohl schnellsten Konterstürmer der Welt. So einfach will es Löw den Franzosen nicht machen und alles deutet darauf hin, dass er mit einer Fünferkette auflaufen lässt. Eine Variante, die er bei großen Turnieren bisher nur im EM-Viertelfinale 2016 gegen Italien (6:5 n.E.) eingesetzt hat.

Löw mag behaupten, es sei letztlich egal, ob sein Team mit Vierer- oder Fünferkette spiele. Er vollzieht diesen Wechsel jedoch nicht ohne Grund: Drei Innenverteidiger sichern die letzte Linie defensiv besser als eine Viererkette mit nur zwei zentralen Verteidigern. Deutschland dürfte sich weiter zurückziehen, als sie dies in der Vergangenheit taten. Die Fünferkette soll Stabilität verleihen.

Der deutschen Mannschaft fehlte nach Ballverlusten die Stabilität

Gerade nach Ballverlusten fehlte dem DFB-Team zuletzt diese Stabilität. Sowohl beim WM-Aus 2018 als auch beim 0:6 gegen Spanien 2020 hatte Löws Team Kontern wenig entgegenzusetzen. Bei der WM hatte Löw auf eine Doppelsechs mit Toni Kroos und Sami Khedira gesetzt, gegen Spanien agierte neben Kroos dann Ilkay Gündogan. Beide Varianten waren zu offensiv: Kroos bewegt sich gerne nach links, Gündogan rückt häufig nach vorne. Beide benötigen hinter sich einen Spieler, der die entstehenden Lücken schließt.

Angesichts dieser Probleme im Mittelfeld erscheint Joshua Kimmich als Stabilisator im Zentrum unverzichtbar. Zumal Frankreich diesen Raum häufig bespielt. Zuletzt wählte Didier Deschamps meist eine Raute im Mittelfeld. Zehner Antoine Griezmann erhält im Zentrum Unterstützung durch drei Sechser. Auch der nominelle Stürmer, Olivier Giroud oder Karim Benzema, lässt sich häufig fallen. Frankreichs Plan sieht das ausdrücklich vor: Aus dem Raum vor der Abwehr soll Mbappé gefüttert werden. Er startet ständig in die Schnittstelle zwischen gegnerischem Innen- und Außenverteidiger. Kimmich wäre dazu prädestiniert, genau diesen Raum vor der Abwehr zu schließen.

Kimmich soll den Raum hinter Mbappé nutzen

Doch Kimmich wird mangels Alternativen als Rechtsverteidiger benötigt, als zusätzliche Absicherung gegen Mbappé und als Offensivwaffe. Kimmich soll den freien Raum hinter dem offensiven Mbappé nutzen und Chancen kreieren.

Bleibt die Frage, wie Löw ohne Kimmich das Zentrum dominieren will. Der Bundestrainer könnte sich hierfür vom Champions-League-Sieger inspirieren lassen: Chelseas Coach Thomas Tuchel vertraut wie die DFB-Elf auf ein 5-2-3-System. Die Innenverteidiger haben den Auftrag, den Raum vor der Abwehr zu schließen. Antonio Rüdiger kennt es bereits aus dem Klub: Früh rausrücken und Druck auf die zurückfallenden Stürmer ausüben. Nur so kann Deutschland in ungewohnter Außenseiterrolle Frankreichs Offensivpower stoppen.

Tobias Escher ist Mitbegründer des preisgekrönten Fußball-Taktikblogs spielverlagerung.de. Außerdem publizierte er mehrere Sachbücher zum Thema, u.a. "Vom Libero zur Doppelsechs".