18. Mai 2020 / 20:12 Uhr

Wolff Fuss: So erlebte ich das Geisterspiel von Union gegen den FC Bayern in der Alten Försterei

Wolff Fuss: So erlebte ich das Geisterspiel von Union gegen den FC Bayern in der Alten Försterei

Wolff-Christoph Fuss
RedaktionsNetzwerk Deutschland
<i>Sky</i>-Kommentator Wolff Fuss, der das Geisterspiel zwischen Union und Bayern am Sonntag mit Maske kommentiert hat, schildert in der Viererkette sein Erlebnis.
Sky-Kommentator Wolff Fuss, der das Geisterspiel zwischen Union und Bayern am Sonntag mit Maske kommentiert hat, schildert in der Viererkette sein Erlebnis. © Getty Images/privat (Montage)
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Kommentator Wolff Fuss begleitete das Spiel von Union Berlin gegen den FC Bayern in der Alten Försterei vor leeren Rängen am Sky-Mikrofon. In der Viererkette schildert er seinen Auftritt – und zieht ein Geisterspiel-Fazit.

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Die skurrilste Situation des Wochenendes habe ich gleich beim Einlass zur Alten Försterei erlebt, als mich zwei Ordner freundlich begrüßten. Offenbar hatten sie unseren Podcast gehört, in dem ich erzählt hatte, dass ich zum ersten Mal bei einem Heimspiel Unions vor Ort sein würde. "Und jetzt dürfen wir nicht mal ein Selfie mit Ihnen machen", klagte der eine. Ich bot an, ein Handyfoto unter Einhaltung der Abstandsregeln zu schießen, doch die Ordner klärten mich auf, dass sie ihr Mobiltelefon gar nicht benutzen dürfen – und baten mich tatsächlich um eine altertümliche Autogrammkarte. Selbstverständlich.

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Überhaupt stand Spiel eins nach der Corona-Pause natürlich für alle Beteiligten unter besonderen Bedingungen – auf Notbetrieb, wie es Gladbachs Sportdirektor Max Eberl treffend formuliert hatte. Ich gehörte bei der Anreise von München nach Berlin zu den ganz frühen Vögeln – weil es keinen späteren Vogel gab.

Wie in einem Ennio-Morricone-Film

Nie zuvor hatte ich den Münchner Flughafen so erlebt. Es war wie in einem Ennio-Morricone-Film, und es hätte mich wirklich nicht gewundert, wenn plötzlich ein Gebüsch vorbeigeweht wäre, während jemand aus der Ferne auf seiner Mundharmonika bläst. Alle Geschäfte waren zu, alle Lounges geschlossen, kaum ein Mensch zu sehen. Im Flieger verirrten sich insgesamt vielleicht zehn, zwölf Leute. Ich saß mit meinem Assistenten auf Sicherheitsabstand – ein Zustand, an den ich mich übrigens durchaus gewöhnen könnte.

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Die Rückkehr der Bundesliga aus der Corona-Zwangspause wurde auch im Ausland aufmerksam verfolgt. Der SPORTBUZZER hat die Reaktionen der internationalen Presse zusammengefasst. ©

Aber Spaß beiseite: Als wir gegen 15.30 Uhr am Stadion in Köpenick ankamen, tummelten sich neben den Journalisten dort tatsächlich auch rund 50 Fans, die von den Ordnungskräften freundlich, aber bestimmt gebeten wurden, die Szenerie zu verlassen.

Ab Betreten des Geländes war das Tragen der Schutzmaske Pflicht, zuvor musste ich einen sogenannten Symptombogen ausfüllen und mir per Distanzthermometer die Temperatur messen lassen: 36,5 Grad, ich durfte rein. Einige Kollegen hatten dagegen wohl zu lange in der Sonne gestanden und mussten tatsächlich noch ein zweites Mal ran, nachdem sie sich im Schatten etwas abgekühlt hatten.

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Auch im Stadion war alles anders als sonst – es gab keinerlei Kontakt zu den Protagonisten, wie ich ihn sonst gern vor dem Anpfiff noch mal pflege, um ein paar letzte Infos zu bekommen. Unser obligatorischer Toncheck weit vor der Sendung wurde verschoben, da mein Headset zunächst desinfiziert und dann mit einer Art luftdichtem Beutel verschlossen wurde. Die kompletten 90 Minuten habe ich dann mit Mundschutz kommentiert – dank unserer Techniker war aber wohl kein Unterschied zu hören. Dafür habe ich mich – zumindest gefühlt – deutlich mehr zurückgehalten, habe automatisch etwas leiser gesprochen, weil ich natürlich nicht gegen 20 000 eskalierende Fans reden musste.

Internationales Kauderwelsch auf dem Platz

Stattdessen versuchte ich, aus dem Stimmenwirrwarr der Spieler brauchbare Erkenntnisse herauszufiltern – was sich allerdings als äußerst schwierig darstellte, da die Protagonisten ein internationales Kauderwelsch benutzten, welches so mit Sicherheit in keinem Duden zu finden ist.

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Das größte Problem war aber ein anderes: Man denkt die ganze Zeit daran, was los sein könnte, wäre dieses Stadion voll. Wie die Fans anfeuern und pushen würden. Dieser Gedanke lässt einen einfach nicht los. Insgesamt wirkte das Spiel auf mich fairer, es gab weniger Theatralik, der Fußball war puristischer. Überrascht war ich darüber, dass es nach der „Eisern-Union“-Hymne von Nina Hagen keinerlei Durchsagen mehr gab. Weder wurde die Aufstellung verlesen, noch wurden Auswechslungen oder Tore angesagt. Merkwürdig.

Mein Fazit: Geisterspiele sind definitiv keine Alternative zu Partien mit Fans, sie wirken eher wie ein Feierabendkick auf der Betriebssportanlage – allerdings nicht ohne Charme. Ich bin jedenfalls froh, dass in Deutschland endlich wieder der Ball rollt.