09. November 2020 / 10:21 Uhr

Wolfgang Juhrsch im Interview: "Wohne noch in meiner Unionwohnung"

Wolfgang Juhrsch im Interview: "Wohne noch in meiner Unionwohnung"

Lars Sittig
Märkische Allgemeine Zeitung
Wolfgang Juhrsch coacht seit 2018 den FSV Eintracht Königs Wusterhausen.
Wolfgang Juhrsch coacht seit 2018 den FSV Eintracht Königs Wusterhausen. © Oliver Schwandt
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Landesklasse Ost: Der Trainer des FSV Eintracht Königs Wusterhausen über seine Zeit bei den "Eisernen" und ein besonderes Hochhaus.

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Wolfgang Juhrsch trainiert seit 2018 den FSV Eintracht Königs Wusterhausen, im vergangenen Sommer schaffte er mit seinem Team den Aufstieg in die Landesklasse. Als Spieler kickte er sechs Jahre für den 1. FC Union Berlin und viele Jahre für eine Reihe von DDR-Ligisten in der zweithöchsten Spielklasse der DDR. Im Interview spricht der 72 Jahre alte Coach über seinen schönsten Moment als Spieler und einen nicht ganz unkomplizierten Wechsel zu den Eisernen nach Köpenick 1969.

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Herr Juhrsch, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie nicht wissen, warum wir Sie jetzt anrufen.
Wolfgang Juhrsch: Das stimmt. Warum denn?

Sie haben mehrere Junioren-Länderspiele im Herbst 1965 bestritten. Wissen Sie noch, gegen wen Sie gespielt haben?
Es waren vier Partien: Gegen Ungarn, Polen, Schweden und Rumänien. Ich war sehr stolz auf meine Berufung, ich war der einzige Spieler aus dem Bezirk Dresden, trotz starker Konkurrenz von Dynamo – das war für mich eine große Ehre. Ich habe damals bei der TSG Meißen gespielt. In einer Zeitung ist nach dem Spiel gegen Rumänien, das wir 0:1 verloren haben, ein großer Artikel erschienen, in dem ich als einer von vier Spieler für meine starke Leistung gelobt wurde – das war schon was.

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Wie war das damals 1965? Entschuldigen Sie die Frage, aber hatten Sie eigentlich richtige Fußballschuhe mit Stollen?
Was haben Sie denn gedacht … aber das ist tatsächlich schon lange her: Die hatten wir, sogar richtige Töppen mit Schraubstollen. Wir waren gut versorgt.

Sie haben dann von 1969 bis 1975 bei Union Berlin gespielt. Wie sah das Leben als Fußballstar damals aus? Das muss doch ein tolles Lebensgefühl gewesen sein?
Ja natürlich, zumal Union damals schon ein ganz besonderer Club war. Und dann Berlin, eine große Stadt, das war natürlich sehr aufregend für jemanden, der ursprünglich aus einer Kleinstadt kommt. In meiner Union-Wohnung im 22. Stockwerk im Hochhaus am Alexanderplatz – damals das erste dort – wohne ich heute noch. Sie war eigentlich für unseren Präsidenten gedacht, dann aber habe ich sie bekommen. Der Wechsel von Vorwärts Meiningen, einem DDR-Ligisten in Südthüringen, bei dem ich während meiner Armeezeit gespielt habe, lief allerdings nicht ganz reibungslos ab.

Inwiefern?
Ich hatte eigentlich schon dem Oberligisten Rot-Weiß Erfurt meine Zusage gegeben, dann hat mich Union aber bei einem Spiel gesehen und ein Angebot unterbreitet, das ich gerne annehmen wollte. So einfach war das aber nicht. Es gab eine Menge Trubel und ich wurde vom zuständigen Sportgericht für ein dreiviertel Jahr gesperrt.

Dann sind Sie aber gut bei Union angekommen. Wie sah der Alltag als Berufsfußballspieler aus?
Ich bin morgens 7.30 Uhr am Alex abgeholt worden und vor 17 Uhr war ich auch nicht zurück vom Trainingsgelände. Wir haben dreimal trainiert – und das jeden Tag. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Wir sind nach dem Abstieg 1969 mit Union direkt wieder aufgestiegen. In der Saison 1970/71 haben wir Rang fünf belegt und nur knapp die Teilnahme am UEFA-Cup verpasst.

Trainerjubiläum im kommenden Jahr

Nach ihrer Zeit bei Union haben Sie von 1975 bis 1981 bei Zweit- und Drittligisten gespielt, danach wurden Sie Trainer. Haben Sie die Mannschaften hauptberuflich gecoacht?
Ja. Ich war zwar proforma beispielsweise als Schlosser angestellt oder im Sportbüro, aber meine Aufgabe war Trainer

Vor 30 Jahren begann dann auch für den Fußball ein brachialer Umbruch. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich war natürlich auch innerhalb kürzester Zeit ohne Job, die Betriebssportgemeinschaften gab es ja in dieser Form nicht mehr. Ich habe dann eine Glas- und Gebäudereinigungsfirma gegründet, die ich bis vor drei Jahren betrieben habe. Die Selbstständigkeit hat es mir gut ermöglicht, Job und Traineramt zu koordinieren. Die Vereine konnten meiner Firma auch Aufträge geben, so konnte man sich finanziell gut arrangieren. Im kommenden Jahr feiere ich mein 40. Jahr als Trainer – ununterbrochen. Darauf bin ich wirklich stolz. Ich wünsche mir, dass wir mit dem FSV Eintracht den Klassenerhalt schaffen.

In Bildern: 50 ehemalige Spieler von Union Berlin – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Union Berlin. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Union Berlin. ©

Aufstieg mit Union Berlin in die DDR-Oberliga

Als es abschließend um die Absprache zur Autorisierung des Interviews geht, kommt für das Durchgeben der E-Mail-Adresse Frau Juhrsch an den Apparat.

Frau Juhrsch, Sie waren in all den Jahren mit dabei?
Ja, natürlich. Ich komme ja aus einer Fußballfamilie. Mein Bruder Werner Friese, der inzwischen leider schon verstorben ist, war der dritte Torhüter der DDR-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1974.

Dann sind Sie ja vom Fach. Haben Sie ihren Mann mal kritisiert?
Na klar, wenn es notwendig war, habe ich auch kritische Worte gefunden. Das mache ich auch heute noch. Nach 53 Ehejahren ist vieles glattgebügelt, aber nicht alles.

Gerade wenn es um Fußball geht, gibt es ja immer etwas zu korrigieren.
Sie sagen es. Es waren aber sehr schöne Momente, die wir gemeinsam auf dem Fußballplatz erlebt haben, aber irgendetwas gibt es ja immer im täglichen Miteinander. Der Wolfgang hat das aber immer sehr gut gemacht. Ich gebe ihnen mal wieder meinen Mann.

Wolfgang Juhrsch ist jetzt wieder am Apparat.

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Eine letzte Frage: Was war für Sie als Fußballspieler der schönste Moment?
Das war der Aufstieg in die DDR-Oberliga 1970, als wir in Stendal das entscheidende Spiel mit 3:0 gewonnen haben. Ich habe sogar ein Tor geschossen und wir sind nach einem Jahr in der zweitklassigen DDR-Liga zurückgekehrt in die höchste Spielklasse – ein Riesengefühl.