04. Juni 2021 / 21:36 Uhr

Wolfsburg-Abschied für Lena Goeßling: "Entscheidung war ein Schock"

Wolfsburg-Abschied für Lena Goeßling: "Entscheidung war ein Schock"

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Abschied vom VfL Wolfsburg: Lena Goeßling.
Abschied vom VfL Wolfsburg: Lena Goeßling. © Imago Images / Frick
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Lena Goeßling, langjährige Akteurin des Frauenfußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, spricht im SPORTBUZZER-Interview über ihren anstehenden Abschied, die Entscheidung, ihr keinen neuen Vertrag als Spielerin zu geben - und ihre Lieblingsmomente im VfL-Trikot.

Am Sonntag verabschiedet Frauenfußball-Bundesligist sechs Spielerinnen - darunter auch Lena Goeßling, die nach zehn Jahren in der Autostadt keinen neuen Vertrag als Spielerin angeboten bekommen hat. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht die 35-Jährige über die Entscheidung und den damit verbundenen Schock, einen möglichen Wechsel zu einen anderem Klub und ihre Lieblingsmomente im VfL-Trikot.

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Frau Goeßling, am Sonntag endet mit dem Spiel gegen Werder Bremen nach zehn Jahren Ihre Zeit beim VfL Wolfsburg. Wie bereiten Sie sich auf diesen Tag vor?
Nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Mir fällt der Abschied aus Wolfsburg wirklich total schwer, ich bin sehr verbunden mit der Stadt und dem Verein. Andererseits freue ich mich auch, dass es dann irgendwie vorbei ist. Es wird emotional, aber ich gehe ganz ohne Erwartungen da ran und lasse es auf mich zukommen. Es wäre schön, wenn ich noch ein paar Minuten Spielzeit bekomme - aber ich weiß, dass sportlich mit dem Kampf um die Meisterschaft noch viel auf dem Spiel steht.

Inwiefern sind Sie froh, dass es dann auch vorbei ist?
Seit bekannt wurde, dass ich den Verein verlasse, ist es wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle für mich, die irgendwie kein Ende nimmt. Für mich war die Entscheidung natürlich ein Schock und ich werde jeden Tag damit konfrontiert. Menschen sehen mich beispielsweise auf der Straße und fragen mich, warum ich gehen muss, wie es mit mir weitergeht. Das macht schon was mit einem.

Konnten Sie den anfänglichen Schock denn mittlerweile einigermaßen verarbeiten?
Ich habe dem VfL viel zu verdanken. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese professionellen Möglichkeiten über Jahre hier hatte. Ich bin sportlich sowie persönlich sehr gewachsen und möchte dem VfL absolut nichts Böses, geschweige denn schlecht über den Verein reden. Aber man muss sich auch immer mal ein bisschen in die Spielerin hineinversetzen. Für mich ist es alles andere als einfach. Es ist okay, dass der Verein die Entscheidung so getroffen hat, ich akzeptiere das und für mich ist das auch in Ordnung. Aber gerade im Frauenfußball ist es eigentlich ein bisschen differenzierter als im Herrenfußball. Wenn die Männer mit dem Profisport aufhören, haben sie keine Sorgen und können ihr Leben so weiterführen, wie es ist. Ich habe aber keine Million auf meinem Konto und kann nicht die Füße hochlegen.

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Bleibt es denn dabei, dass Sie weiterspielen möchten?
Im ersten Moment habe ich gesagt, dass ich auf jeden Fall noch weiterspiele, denn ich bin noch fit - und das stimmt auch immer noch. Aber ich kann im Moment noch keine Entscheidung treffen. Es gab auch Tage, an denen ich gesagt habe, dass ich jetzt keine Lust mehr auf Fußball habe. Die Zeit hat viel Kraft gekostet und jeder, der mich als Mensch kennt, weiß, dass mir das sehr nahe geht. Ich muss jetzt einfach erst mal weg und den Kopf frei kriegen. Ich habe verschiedene Möglichkeiten, bin aber emotional noch so mit anderen Dingen beschäftigt, dass ich zu kurzfristig vielleicht eine falsche Entscheidung treffen würde.

Können Sie denn Angebote anderer Vereine bestätigen?
Ja, es kommen immer Anfragen rein und ich muss mich ja auch mit dem Thema beschäftigen. Ich habe angefangen, Gespräche zu führen und mir einen Überblick zu verschaffen. Nach der Saison geht es aber erst einmal in den Urlaub und da wird das Handy auch ausgemacht.


Kehren Sie danach nach Wolfsburg zurück?
Ich glaube nicht, dass ich hier bleiben werde.

Wäre denn auch ein Wechsel ins Ausland ein Thema?
Da müsste dann schon alles passen. Ich muss an meine Zukunft denken. Es bringt mir ja nichts, wenn ich da nur ein Jahr bin und letztendlich wieder vor der Frage stehe: Was mache ich jetzt? Eine gesicherte Zukunft hat absolute Priorität für mich.

Und ein Job neben dem Platz?
Ich habe gelesen, dass Almuth Schult schon DFB-Präsidentin werden will. Der Job wäre also schon weg. (lacht)

Was werden Sie an Wolfsburg am meisten vermissen?
Vor allem die Menschen. Ich bedauere es sehr, dass ich mich nicht persönlich von den Fans verabschieden kann. Ich habe gesehen, dass sie sogar eine Petition für meinen Verbleib gestartet haben, für diese Wertschätzung möchte ich mich bedanken, das hat mir viel bedeutet. Aber auch der sportliche Wettkampf mit dem Verein wird mir fehlen, denn wir haben jedes Jahr um Titel mitgespielt.

Sportlich haben Sie hier alles erreicht. Zwei Triumphe in der Champions League, sechs Meisterschaften, acht Erfolge im DFB-Pokal. Gibt es Momente, an die Sie sich besonders gerne zurück erinnern?
Das Jahr 2013 bleibt mir immer in Erinnerung. Das war wie ein Märchen, denn im Endeffekt hatte keiner mit uns gerechnet. Dass wir da das Triple holen, war absoluter Wahnsinn. Die Champions League wird immer etwas Besonderes für mich bleiben. Ein Spiel, das ich unter anderem nie vergessen werde, ist das Finale 2014 gegen Tyresö.

Da haben Sie eine große Platzwunde erlitten und weitergespielt...
...und wir sind nach Rückstand sensationell zurückgekommen. Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mit Anna Blässe und Zsanett Jakabfi Fotos davon angeschaut. Und dann gab es noch das Saisonfinale 2014 gegen den 1. FFC Frankfurt am Elsterweg vor über 12.000 Zuschauern mit dem späten Tor, das uns zum Meister machte. Daran denke ich gerne zurück.

Mit Zsanett Jakabfi und Lara Dickenmann verlassen zwei weitere "Urgesteine" den Verein...
Ich rede viel mit Zsanett, Lara und auch mit Anna Blässe. Sie haben mir viel Kraft gegeben. Alle hatten Höhen und Tiefen, aber wir waren immer füreinander da und das schätze ich sehr.

Sportlich mussten Sie zuletzt vermehrt von der Bank aus zuschauen...
Ich habe zu Beginn der Saison viel gespielt und Almuth Schult sowie Alexandra Popp als Kapitänin vertreten. Jetzt war ich die letzten Spiele eher raus. Ich habe mir viele Fragen gestellt, warum das so ist, aber ich drehe mich dann irgendwann auch nur im Kreis. Ich habe immer mein Bestes gegeben und mich in jedem Training angeboten. Der Trainer hat sich im Sinne des mannschaftlichen Erfolgs aber für andere entschieden - und das respektiere ich.

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Wie sehen Sie die Liga denn zukünftig aufgestellt?
Bayern München braucht in der Breite wahrscheinlich noch ein paar Spielerinnen, da erwarte ich noch einige Neuverpflichtungen. In Wolfsburg wird sich wahnsinnig viel ändern, da muss man schauen, wie sie das hinbekommen. Ich glaube aber schon, dass es weiter ein Zweikampf an der Spitze bleibt. Frankfurt traue ich zu, zukünftig oben mitzumischen und man hat im Pokal-Finale gegen uns auch gesehen, dass sie wollen und können. Sie haben eine junge Mannschaft, der noch ein bisschen Erfahrung guttun würde. Dahinter wird alles weiter unter sich sein. Hoffenheim verliert Schlüsselspielerinnen und Potsdam kann ich nicht genau einschätzen. Grundsätzlich freut es mich aber, dass wir einen Schritt nach vorne machen, auch was die Präsenz national sowie international angeht, da war diese Saison mehr Sichtbarkeit. Ausruhen darf man sich aber nicht, wir müssen immer weitermachen.