30. April 2021 / 12:04 Uhr

Wolfsburg-Kapitänin Popp: "Wachablösung? Das hat mich sauer gemacht!"

Wolfsburg-Kapitänin Popp: "Wachablösung? Das hat mich sauer gemacht!"

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
VfL-Kapitänin: Alexandra Popp.
VfL-Kapitänin: Alexandra Popp. © Boris Baschin
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Alexandra Popp, Kapitänin des VfL Wolfsburg, spricht im SPORTBUZZER-Interview über das Titelrennen, das entscheidende Duell gegen die Bayern und die Qualität ihrer Mannschaft.

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Am Sonntag in einer Woche steigt um 13 Uhr im AOK-Stadion der ultimative Showdown des deutschen Frauenfußballs. Das Liga-Duell zwischen dem VfL Wolfsburg und Spitzenreiter FC Bayern könnte das Rennen um die deutsche Meisterschaft entscheiden. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht VfL-Spielführerin Alexandra Popp über die Bedeutung der Partie, warum eine Wachablösung nicht bevorsteht und erläutert, warum die Saison einem Wechselbad der Gefühle gleicht.

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Frau Popp, am Sonntag in einer Woche geht's gegen die Bayern - wie viel Vorentscheidung in Sachen Meisterschaft steckt in diesem Duell?

Natürlich kommen auch danach noch wichtige Spiele gegen Eintracht Frankfurt und Werder Bremen auf uns zu, aber ich würde schon sagen, dass dieses Spiel die Entscheidung bringen wird, wer deutscher Meister wird.

Wegen Kniebeschwerden trainieren Sie aber derzeit nicht mit der Mannschaft. Wie schlimm ist es?

Mir geht es soweit gut, ich habe nur eine kleine Reizung aus dem Spiel gegen Duisburg mitgenommen. Ich bin mir sicher, dass wir das rechtzeitig geregelt bekommen.

Der VfL jagte monatelang einem Fünf-Punkte-Rückstand hinterher. Hätten Sie gedacht, dass Sie noch mal auf zwei Zähler rankommen?

Ich habe immer darauf gehofft und den Meistertitel nie abgeschrieben. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer sehr optimistisch bin. Abgerechnet wird immer erst am Ende. Dass die Bayern jetzt was liegengelassen haben, ist für uns natürlich optimal und kommt zu einem guten Zeitpunkt. Wir haben es wieder selber in der Hand und können vorgeben, in welche Richtung es geht. So haben wir es natürlich am liebsten.

Möglich ist das, weil die Bayern vor ein paar Wochen eine 2:0-Führung gegen Hoffenheim verspielten und noch verloren haben. Wie viele Dankes-SMS gingen danach nach Sinsheim?

Ich hatte nur mit Tabea Waßmuth Kontakt. Wir waren ja vorher bei der Nationalmannschaft und ich habe ihr gesagt, sie soll auch mal selber schießen. Sie legt immer lieber quer, dabei hat sie eine tolle Schusstechnik, wie man auch sehen konnte, da sie ein tolles Tor gegen Bayern geschossen hat. Und auch danach habe ich ihr noch einmal geschrieben und mich dafür bedankt, dass wir dadurch jetzt wieder im Rennen sind (lacht). Hoffenheim spielt wirklich einen schönen Fußball und ich war vor dem Spiel auch davon überzeugt, dass sie das Zeug dazu haben, die Bayern zu schlagen. Als es 2:0 für Bayern stand, habe ich kurz schwarz gesehen. Sie haben dann aber eine wahnsinnige Moral und Mentalität gezeigt und das Ding noch gedreht.

Seit Sie 2012 nach Wolfsburg gekommen sind, hat die Mannschaft immer mindestens einen Titel gewonnen. Warum ist es dieses Jahr so schwierig?

Die Saison ist schon irgendwie ein Wechselbad der Gefühle. Man kann nach einem Unentschieden und einer Niederlage in der Liga natürlich nicht von einer schlechten Saison sprechen, aber wir haben dieses Mal nicht diese übertriebene Überlegenheit und Konstanz in den Spielen, wie man es in den letzten Jahren von uns gekannt hat.

Woran liegt das?

Dass wir seit fast einem Jahr quasi durchspielen und nicht wirklich viel Zeit hatten, unsere Kräfte aufzutanken. Wir haben letztes Jahr nach einem kurzen Urlaub im August direkt die restlichen Champions-League-Partien ausgespielt und auch danach ging es sofort weiter. Wir hatten vier Tage Zeit, um uns auf den Start der Liga vorzubereiten. Das sind Momente und Situationen, durch die der Körper und auch der Kopf erst einmal durchmüssen.

Wie wichtig war das Ausrufezeichen, das der VfL mit dem 2:0-Erfolg im DFB-Pokal-Halbfinale gegen die Bayern gesetzt hat?

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Dort hat man wieder gesehen, was wir auf den Platz bringen können. Die Bayern haben durch die englischen Wochen recht müde gewirkt und wir sind von der ersten Sekunde an mit so einer breiten Brust aufgetreten, dass wir sie vielleicht etwas eingeschüchtert haben. Damit haben sie wahrscheinlich nicht gerechnet. Dass wir nach unserem unglücklichen Aus in der Champions League mit so einem Selbstbewusstsein auftreten und diese Reaktion zeigen, hat wahrscheinlich keiner so gedacht. Daran müssen wir anknüpfen und genau diese geballte Power mit ins Liga-Spiel nehmen. Wir wissen, dass wir ihnen den Spaß nehmen können und haben durch das spielfreie Wochenende auch einen psychologischen Vorteil.

Denn die Bayern müssen vorher noch um den Einzug ins Champions-League-Finale kämpfen...

Das 2:1 im Halbfinal-Hinspiel gegen Chelsea ist zwar ein gutes Ergebnis, aber sie sind noch nicht durch. Die Ausgangslage ist natürlich nicht schlecht, aber wir wissen alle, dass Chelsea immer in der Lage ist, ein Tor zu schießen. Von daher müssen die Bayern alles reinhauen, was sie haben und das wird mit Sicherheit sehr intensiv. Je nachdem wie es ausgeht, könnte es die Moral beeinflussen.  

Zuvor wurde oft von einer möglichen Wachablösung im deutschen Frauenfußball gesprochen.

Die Menschen, die uns seit Jahren verfolgen, wissen, dass man immer mit uns rechnen muss. Es hat mich wirklich richtig genervt und auch sauer gemacht, dass vorweg vermehrt von einer sogenannten ,Wachablösung' gesprochen wurde. Wir haben in den letzten Jahren so viele Erfolge gesammelt und das so zu drehen, fand ich unserer Mannschaft gegenüber einfach frech. Und zu oft wurden unsere Erfolge nur an einzelnen Spielerinnen festgemacht. Aber der Spirit in unserer Mannschaft ist ein ganz anderer. Wir brechen durch Abgänge nicht zusammen - auch wenn es oft hieß, wir seien qualitativ dadurch schlechter geworden. Das finde ich nämlich absolut gar nicht. Uns darf man einfach nie abschreiben!

Wann könnte man von einer Wachablösung sprechen?

Wenn die Bayern in den nächsten sieben oder acht Jahren genau die Erfolge erzielt haben, die wir vorweisen können. Nach einer guten Saison der Bayern, die sie zweifelsohne spielen, es schon so zu drehen, kommt mir viel zu einfach vor. Auch diese Saison ist noch nicht vorbei - und die Bayern haben noch nichts gewonnen.

Auch nach dieser Saison werden einige Stammspielerinnen den VfL verlassen. Ralf Kellermann nannte als möglichen Grund auch die unzureichende Vermarktung der Liga. Beunruhigt Sie dieser Trend?

Man hätte in den letzten Jahren so viel im deutschen Frauenfußball entwickeln können. Wir verpassen es gefühlt jedes Jahr aufs Neue, während in England, Spanien, Frankreich oder auch Italien das Potenzial erkannt wurde. Dort sind die Ligen einfach sichtbarer. Ich hoffe, dass der DFB nun Taten folgen lässt.

Und trotzdem sind sie der Bundesliga immer treu geblieben…

Nicht nur ich. Auch Lena Goeßling oder Anna Blässe waren beispielsweise nur in der deutschen Liga vertreten. Es ist nicht alles schlecht, aber es muss sich endlich etwas tun. Wir sprechen immer noch nicht von einem reinen Profitum in der Liga, da müssen wir aber endlich hinkommen, sonst wird es im Vergleich zu den anderen Ligen immer schwieriger.