19. Juli 2021 / 18:33 Uhr

Wolfsburg-Ösis Schlager und Pervan im Interview: "Der österreichische Fußball wird respektlos betrachtet"

Wolfsburg-Ösis Schlager und Pervan im Interview: "Der österreichische Fußball wird respektlos betrachtet"

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Sprachen über die EM und die anstehende Saison mit dem VfL Wolfsburg: Xaver Schlager (l.) und Pavao Pervan.
Sprachen über die EM und die anstehende Saison mit dem VfL Wolfsburg: Xaver Schlager (l.) und Pavao Pervan. © Engelbert Hensel
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Nach ihrer EM-Teilnahme mit Österreich hatten Xaver Schlager und Pavao Pervan noch etwas länger Urlaub als ihre VfL-Kollegen. Doch nun sind sie ins Trainingslager nach Bad Waltersdorf nachgereist. Und standen direkt im Interview Rede und Antwort.

Der VfL gastiert fürs Trainingslager in Bad Waltersdorf - für Xaver Schlager und Pavao Pervan ist das ein Heimspiel. Die beiden Österreicher des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten hatten nach der Europameisterschaft länger Urlaub, mischen jetzt aber wieder voll mit. Nach der Vormittags-Einheit am Montag sprachen der Mittelfeldmann und der Torhüter im Interview über das Erreichen des Achtelfinals bei der EM, über fehlende Wertschätzung der österreichischen Nationalelf und die neue VfL-Saison mit Trainer Mark van Bommel.

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Waren Sie schon mal in Bad Waltersdorf, Herr Schlager?
Schlager: Ja, ich war hier schon im Trainingslager. Das ist oft nicht so geil, weil Trainingslager anstrengend sind. Aber ja, ich kenne die Plätze und das Hotel.

Sind Sie nach der tollen EM in Österreich jetzt ein Held?
Schlager: Nein, warum? Ich bin ein ganz normaler Bürger, wir haben nichts Großes erreicht. Wir haben eine gute EM gespielt, aber ein Held ist niemand auf der Welt - außer, wenn man Leben rettet. Aber nicht, wenn man Fußball spielt.

Überwiegt Stolz und Freude, bei diesem Turnier ein bisschen weitergekommen oder die Enttäuschung, gegen den späteren Titelgewinner Italien im Achtelfinale unglücklich ausgeschieden zu sein?
Schlager: Die Formulierung „ein bisschen weitergekommen zu sein“ zeigt, wie die Einstellung vieler Menschen uns gegenüber ist. Uns wird nichts zugetraut. Für unsere Nationalmannschaft muss es normal werden, dass wir bei einem Turnier weiterkommen und Gruppenphasen überstehen. Das muss zur Normalität werden und darf nicht als ein Weltwunder betrachtet werden. Denn wir haben eine sehr gute Mannschaft. Und wenn man das Spiel gegen Italien gesehen hat, weiß man, welches Potenzial in uns steckt. Wenn wir im Achtelfinale vielleicht einen anderen Gegner bekommen hätten, wäre es für uns weitergegangen. So hatten wir die beste Mannschaft des Turniers als Gegner, aber die hatte richtig Probleme gegen uns.

Wird der österreichische Fußball außerhalb Ihrer Heimat etwas zu respektlos betrachtet?
Schlager: Er wird auch in Österreich respektlos betrachtet. Bei uns sind einige davon ausgegangen, dass wir in der Vorrunde ausscheiden. Nach unseren letzten Nations-League-Spielen war die Stimmung hier katastrophal. Die Spiele bei der EM gegen die Ukraine und gegen Italien waren für viele dann überraschend. Wir haben danach viele positive Rückmeldungen bekommen.

Herr Pervan, finden Sie auch, dass der österreichische Fußball sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes viel schlechter gesehen wird als er es ist?
Pervan: Ja, vor allem, wenn ich mir unsere aktuelle Generation an Spielern anschaue. Mich hat es nicht überrascht, dass wir bei der Euro so gut performen konnten. Ich habe uns zugetraut, dass wir gegen Italien die Überraschung schaffen können. Ich habe gewusst, wir sind nicht der Favorit, aber wir können es trotzdem schaffen.


Herr Schlager, was war Ihr Ziel bei dieser EM?
Schlager: Mein Ziel war das Viertelfinale, ab da ist alles möglich, da kannst du große Gegner kriegen. Für uns war es ein bisschen blöd, weil wir Italien bekommen haben. Wenn man die Ukraine anschaut, die haben Schweden bekommen. Ich glaube, sie hätten uns vom Spielstil besser gelegen als die beste Mannschaft Turniers. Ich sage nicht, dass wir gegen sie gewonnen hätten, aber vielleicht wären sie nicht so eiskalt gewesen wie die Italiener, die von der Bank nachlegen konnten. Sie haben Top-Spieler gebracht, die gegen uns das Spiel entschieden haben.

Pervan: Bei solchen Turnieren kommt es schon ein bisschen auch aufs Losglück an. Der neutrale Fan war im Duell mit Italien auf unserer Seite, weil er gesehen hat, mit wie viel Herz wir an die Sache herangegangen sind und was für eine Qualität wir abrufen konnten. Das war in meinen Augen auch keine Überraschung. Aber die Wahrnehmung der Nationalmannschaft in Österreich ist aufgrund der Enttäuschung der letzten Jahre halt nicht gut. Aber ich glaube, dass diese Generation von Spielern jetzt definitiv dazu beiträgt, dass sich die Wahrnehmung ändert.

Es war ja ein paneuropäisches Turnier, bei dem einige Teams viel reisen mussten...
Pervan: Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn wir weniger hätten reisen müssen, aber ich glaube, wir sind top damit umgegangen. Nach dem Italien-Spiel bei der Verabschiedung hat man jedem angesehen, wie traurig wir waren, weil wir nach Hause mussten. Wir wären gern noch länger im Turnier geblieben. Meine Hoffnung war bis zur Abfahrt des Busses: Bitte lass irgendwas passieren. Lass irgendjemanden eine Regel finden, damit wir noch bleiben können. Das Aus hat sehr wehgetan.

Bei der EM waren trotz der Pandemie Zuschauer zugelassen…
Pervan: …ich bin froh, dass die Fans in die Stadien durften. Mir war es egal, ob da 30 oder 50 Prozent der Stadionkapazität zugelassen waren. Meine Familie war bei unserem Spiel in Amsterdam dabei, so habe ich mitbekommen, welche Vorkehrungen getroffen wurden, damit die Fans rein durften. Ich glaube, das Konzept war schon gut durchdacht. Irgendwann müssen wir zurück in die Normalität. Meine Hoffnung ist, dass es mit den Impfungen zügig vorangeht.

Schlager: Wie für Pavo war es auch für mich das erste große Turnier. Als das Turnier in dieser Form beschlossen wurde, gab es noch kein Corona. Dass das Virus dann beim ersten Turnier, bei dem man viel reist, da ist, ist unglücklich. Sicher kann man diskutieren, was man hätte besser machen können. Aber ich denke, im Großen und Ganzen wurde alles ganz gut abgewickelt. Wir kleinen Nationen sind froh, dass wir dabei sein durften. Andererseits ist es sicher nicht schön, wenn beim Achtelfinale gegen Italien 90 Prozent der Fans Italiener sind, weil einfach in London mehr Italiener als Österreicher leben. Trotzdem war die Stimmung cool.

Mit welchen Zielen gehen Sie jetzt mit dem VfL in die neue Saison?
Schlager: Naja, ich bin jetzt den ersten Tag wieder da. Ich habe Urlaub gemacht und drei Wochen lang gar nicht über den Fußball nachgedacht. Für mich geht es darum, fit zu werden und in den Rhythmus zu kommen.

Der VfL steht vor einer Spielzeit mit Pokal, Liga und Champions League – ist das eine besondere Saison?
Pervan: Ja, ganz klar. Die Champions League ist ein ganz neuer Reiz. Diese Umstellung von - ich sag es mal so - Barcelona zu Union Berlin oder auf einen anderen Gegner aus der Liga hinzubekommen, ist für den Kopf schon was anderes. Zudem haben wir einen neuen Trainer, der seine Ideen umgesetzt bekommen möchte. Das wird schon eine Herausforderung. Ich bewerte die Vorbereitungsspiele jetzt nicht über. Bei Oliver Glasner haben wir in der Vorbereitung auch nicht in jedem Test ein Feuerwerk abgeliefert, später aber sind wir als Mannschaft immer besser geworden.

Oliver Glasner ist jetzt Trainer bei Eintracht Frankfurt. Wussten Sie als Landsleute von Glasner, dass er geht?
Pervan: Es war nicht so, dass er zu mir gesagt hat: Ich werde jetzt das und das machen. Andererseits habe ich natürlich gelesen, was so alles geschrieben wurde, insofern war ich nicht total überrascht, als dann feststand, dass er geht. Das muss man so akzeptieren. Später habe ich mich verabschiedet und mich dabei bedankt. Ich finde, das gehört sich so und das würde ich bei jedem Trainer so machen.

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Und wie haben Sie die letzten Tage von Oliver Glasner beim VfL erlebt?
Schlager: Bei seiner Rede nach dem letzten Spiel war mir ziemlich klar, dass es da zu einer Trennung kommen könnte. Dass man sich im Fußballgeschäft trennt, ist ja nichts Außergewöhnliches.

Hatten Sie noch mal Kontakt zu Glasner?
Schlager: Ja, wir haben während der Euro miteinander geschrieben.

Mark van Bommel ist sein Nachfolger - wie ist der erste Eindruck?
Schlager: Sehr gut. Das Training ist intensiv. Es wird auch auf die Details geachtet. Ich war jetzt erst mal froh, dass ich wieder reinkomme, mich an den Ball gewöhne und die Koordination stimmt – und dann taste ich mich Schritt für Schritt ran.

Pervan: Wir hatten schon während der Euro Kontakt gehabt. Das fand ich schon sehr wertschätzend, zumal ich nicht gespielt habe, und er sich trotzdem erkundigt hat, wie es mir geht. Er hat einen ganz klaren Plan, wie er Fußball spielen will. Wir müssen uns noch daran gewöhnen. Es ist zwar sehr, sehr anstrengend, aber es macht Spaß.

Pohlmann vor Wechsel

Am Montag fehlte Ole Pohlmann beim VfL-Training in Bad Waltersdorf, aber nicht, weil der Rechtsaußen verletzt ist. Das VfL-Talent steht vor einem Wechsel. Der 20-Jährige hatte zuletzt zum Team der U23 gehört, die der Bundesligist im Zuge der Neuausrichtung beim Thema Nachwuchsförderung abgemeldet hatte. Der Wolfsburger Fußball-Bundesligist hatte eine Kooperation mit dem österreichischen Zweitligisten SKN St. Pölten abgeschlossen. Der Offensivmann war im Sommer 2015 von Hannover 96 in die Jugend des VfL gewechselt und hat 105 Pflichtspiele für die Wolfsburger absolviert.