19. September 2020 / 11:28 Uhr

Wolfsburg-Sportdirektor Schäfer will Konstanz: "Nicht auf einer Achterbahn unterwegs sein"

Wolfsburg-Sportdirektor Schäfer will Konstanz: "Nicht auf einer Achterbahn unterwegs sein"

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Marcel Schäfer
Marcel Schäfer
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Der VfL Wolfsburg startet am Sonntagabend (18 Uhr) mit dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen in die neue Fußball-Bundesliga-Saison - zuvor sagt VfL-Sportdirekor Marcel Schäfer, wie gut er die Wolfsburger dafür aufgestellt sieht...

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Seit zwei Jahren ist VfL-Rekordfeldspieler Marcel Schäfer nun schon Sportdirektor beim Wolfsburger Fußball-Bundesligisten. Im großen SPORTBUZZER-Interview zum Ligastart spricht der 36-Jährige über VfL-Ziele, das Transfergeschäft in Zeiten von Corona und die EM-Chancen von Eigengewächs Maximilian Arnold.

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Es ist Transferzeit, wie oft haben Sie in den vergangenen Tagen und Wochen zur Ihrer Frau sagen müssen: Es wird heute später?
Das war sehr oft. Aber dadurch, dass man in Zeiten von Corona weniger reist und mehr am Laptop und mit dem Telefon erledigt, habe ich meine Arbeit teilweise zu Hause gemacht, so konnte ich mit der Familie zu Abend essen. Weitere Gespräche habe ich dann am späten Abend geführt.

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Ist das die spannendste Zeit für einen Sportdirektor?
Es ist auf jeden Fall eine intensive und interessante Zeit. Aber spannend wird es aus meiner Sicht eher währtend der Saison, weil man dann sieht, wie gut der neue Kader funktioniert oder wie wir als Klub reagieren, wenn es Negativerlebnisse gibt.



Sie sind jetzt seit zwei Jahren VfL-Sportdirektor, gerade das vergangene halbe Jahr war wegen der Pandemie sehr intensiv. Haben Sie schon alle Facetten, die Ihr Job mit sich bringt, bereits nach zwei Jahren erlebt?
Dass es schon alle waren, glaube ich nicht, aber es waren zumindest sehr viele. Und es werden im Laufe der Zeit sicherlich noch viele Aufgabenstellungen auf mich warten. Darauf freue ich mich.

Herausfordernd sind auch diese Tage, in denen es auch darum geht, am Kader noch etwas zu machen. Am Dienstag haben mit Marcel Tisserand (Fenerbahce Istanbul), John Yeboah (Willem II), Ulysses Llanez (Heerenveen) und Julian Justvan (Paderborn) an einem Tag gleich vier Spieler den VfL verlassen. Wird es bis zum Transferende am 5. Oktober dann einen Tag geben, an dem vier Neue kommen?
Nein, diesen Tag wird es nicht geben. Wir haben uns entschieden, junge Spieler wie Llanez, Yeboah und Justvan abzugeben, weil sie sportlich so die beste Entwicklung nehmen können. Bei ihren neuen Klubs ist die Möglichkeit, dass sie viel spielen werden, deutlich höher als bei uns. Wir glauben, dass das für die Entwicklung der drei der richtige Schritt ist. Ein paar junge Spieler sind ja auch immer noch bei uns im Kader – wie Omar Marmoush. Er hat in der Rückrunde schon gezeigt, dass er Akzente setzen kann. Und wir glauben, dass er das – so wie auch die anderen jungen Spieler - auch in der neuen Spielzeit machen wird.

Marmoush ist einer für die Offensive – wo sehen Sie noch den größten Bedarf im Kader? Im Sturm, weil eben Spieler wie Daniel Ginczek oder Admir Mehmedi in der Vergangenheit mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatten?
Aufgrund der Ausfälle ist es ein Gedankengang, in der Defensive noch jemand dazuzunehmen. Aber auch in der Offensive könnte sich noch etwas tun. Wir schauen uns um und sind bestrebt, die Mannschaft zu verbessern. Aber nur, wenn alles passt und es sportlich und wirtschaftlich Sinn macht. Wir haben vollstes Vertrauen in diesen Kader. Es war wichtig, dass der Kern zusammengeblieben ist.

Welchen Eindruck macht die Mannschaft so kurz vor dem Ligastart auf Sie?
Der Vorbereitungsstart war etwas holprig, aber jetzt sind wir, was die Fitness betrifft, auf einem sehr guten Level. Die Mannschaft hat einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht. Im Pokal haben wir uns viele Torchancen herausgespielt, diese jedoch nicht genutzt. Ich erwarte noch mehr diesen unbedingten Willen, ein Tor zu machen. Und in der Defensive hatten wir die eine oder andere Situation, in der wir nicht ganz so konzentriert waren. Das müssen wir zum Liga-Auftakt gegen Leverkusen besser machen, weil wir genau wissen, welche Qualität der Gegner hat.

Marcel Schäfer: 10 Stationen auf dem Weg zum Titel mit dem VfL Wolfsburg 2009

1 - Nach einem 1:2 bei Werder Bremen beendet der VfL die Hinrunde als Neunter. Schäfer: „Im Wintertrainingslager in Jerez de la Frontera setzte sich Felix Magath wie so oft mit dem Mannschaftsrat in einer Ecke des Hotel-Foyers zusammen. Er fragte uns: Was wollt ihr in dieser Saison erreichen? Als wir etwas zaghaft wurden und vom Blick Richtung Europa sprachen, wurde er deutlich: Er sei nicht nach Wolfsburg gekommen, um mit dem zufrieden zu sein, was da ist – sondern um Champions League zu spielen und Titel zu gewinnen! Er möchte Meister werden! Es war das erste Mal, dass er von der Meisterschaft sprach. Und wir haben uns angeschaut und fanden das ehrlich gesagt ziemlich ambitioniert, denn wir waren ja nur Neunter und alles sah nach einem Zweikampf zwischen Bayern und Hoffenheim aus. Aber dann gewannen wir in der Rückrunde Spiel um Spiel – und Magath hat uns grinsend regelmäßig an seine Worte aus dem Winter erinnert. Irgendwann haben wir dann geglaubt: Wir können es echt schaffen.“ Zur Galerie
1 - Nach einem 1:2 bei Werder Bremen beendet der VfL die Hinrunde als Neunter. Schäfer: „Im Wintertrainingslager in Jerez de la Frontera setzte sich Felix Magath wie so oft mit dem Mannschaftsrat in einer Ecke des Hotel-Foyers zusammen. Er fragte uns: Was wollt ihr in dieser Saison erreichen? Als wir etwas zaghaft wurden und vom Blick Richtung Europa sprachen, wurde er deutlich: Er sei nicht nach Wolfsburg gekommen, um mit dem zufrieden zu sein, was da ist – sondern um Champions League zu spielen und Titel zu gewinnen! Er möchte Meister werden! Es war das erste Mal, dass er von der Meisterschaft sprach. Und wir haben uns angeschaut und fanden das ehrlich gesagt ziemlich ambitioniert, denn wir waren ja nur Neunter und alles sah nach einem Zweikampf zwischen Bayern und Hoffenheim aus. Aber dann gewannen wir in der Rückrunde Spiel um Spiel – und Magath hat uns grinsend regelmäßig an seine Worte aus dem Winter erinnert. Irgendwann haben wir dann geglaubt: Wir können es echt schaffen.“ ©

Im ersten Jahr mit Jörg Schmadtke als Manager und Ihnen als Sportdirektor ist der VfL Sechster geworden, in der vergangenen Saison war es Platz sieben – mit welchen Zielen gehen Sie in die neue Runde?
Wir wollen wieder in den europäischen Wettbewerb. Das ist das Ziel und das ist auch unser Anspruch. Zudem wollen wir uns stetig weiterentwickeln. Das heißt, über Jahre hinweg konstant und nicht auf einer Achterbahn unterwegs zu sein.

Ist es vermessen, über die Champions League zu reden?
Im Moment schon, glaube ich.

Und mittelfristig?
Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn man hohe Ziele hat und wir werden auch keinem Spieler verbieten, darüber zu sprechen. Ganz im Gegenteil: Es ist wichtig, sich hohe Ziele zu setzen. Wir in Wolfsburg wissen aber besser als jeder andere: Fast immer, wenn hier in der Vergangenheit extrem ambitionierte Ziele ausgegeben wurden, haben wir Schiffbruch erlitten. Ich glaube nicht, dass die Champions League für uns schon jetzt realistisch ist – wenn man sieht, welche Mannschaften sich in der vergangenen Saison für diesen Wettbewerb qualifiziert haben und welche Spieler diese Vereine nun noch dazugeholt haben. Wir wollen beim VfL unseren Weg Schritt für Schritt so weitergehen wie in den vergangenen beiden Jahren.

Was macht den Wolfsburger Weg aus?
Die höchste Wahrscheinlichkeit erfolgreich zu sein, haben wir, wenn wir authentisch sind. Und Authentizität in dieser Stadt heißt: Arbeit und Entwicklung. Es gibt wenige Unternehmen, die ihre Mitarbeiter so fördern wie Volkswagen. Wir beim VfL wollen Spieler entwickeln. Wir wollen sie noch besser machen und wir wollen den Kern der Mannschaft weitgehend halten können. Aber es kann auch sein, dass ein Spieler, der bei uns das nächste Level in seiner Laufbahn erreicht hat, nach einer Saison zu einem Top-Klub wechselt. Bei der Entwicklung eines Spielers muss man aber auch Geduld haben. Kevin Mbabu ist da ein gutes Beispiel.

Wie meinen Sie das?
Es ist Teil der Entwicklung eines jungen Spielers, dass er auch mal schwierige Phasen durchlebt. Kevin hatte nach seinem Wechsel aus Bern zu uns Anpassungsschwierigkeiten, aber nach dem Re-Start in der Rückrunde hat er richtig gut gespielt. Da war er defensiv stabil und hat nach vorn Dampf gemacht. Diese Entwicklung haben viele nach seinen ersten Monaten bei uns so vielleicht nicht erwartet. Er war eine Säule im Team, daher ist es schade, dass er uns jetzt erst einmal fehlt.

Kontinuierlich entwickelt hat sich beim VfL Maximilian Arnold. Oder aber auch Wout Weghorst. Beide sind in Wolfsburg zu Top-Spielern gereift. Können sie noch besser werden?
Ja, das glaube ich ganz fest. Sie können etwa noch einen Schritt machen, was Führung betrifft. Das gilt aber auch für Koen Casteels, der seit Jahren schon auf Top-Niveau spielt. Auch er kann sich noch verbessern. Wir sind glücklich, dass wir solche Säulen haben, da könnte man noch zwei, drei weitere Spieler aufzählen. Sie alle sind wichtige Botschafter für unseren Weg.

Weghorst und Casteels sind Nationalspieler, Arnold ist es nicht – schafft er es noch ins DFB-Team?
Er hat eine sehr gute Saison gespielt, von den Zahlen mit die beste in Wolfsburg. Aber ich erwarte von ihm im Mittelfeld noch ein bisschen mehr Präsenz, er muss da noch ein bisschen öfter das Wort ergreifen. Er kann das.

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Kann die EM noch ein Thema für ihn werden?
Ich glaube, dass er sich darüber keine großen Gedanken macht. Und damit ist er gut beraten. Für ihn muss es nur darum gehen, mit dem VfL erfolgreich zu sein. Denn wenn wir als Klub erfolgreich sind, stehen unsere Spieler automatisch im Fokus. Wenn er dann die vergangene Saison bestätigt oder gar noch einen draufsetzt, ergibt sich alles andere von selbst.

Die DFL hat gerade eine „Taskforce Zukunft Profifußball“ ins Leben gerufen, im Millionengeschäft Fußball wird über Gehaltsobergrenzen gesprochen, ganz große und total verrückte Transfers sind bislang ausgeblieben – man hat das Gefühl, der Fußball wird etwas vernünftiger…
...bei uns war das vorher schon so. Durch Corona hat sich das Ganze noch ein bisschen verstärkt. Ich glaube, dass sich die Liga und auch jeder Verein Gedanken macht, wie man sich für solche wirtschaftlich schwere Zeiten wie jetzt besser aufstellt. Und das ist gut so.

Wenn Sie in diesen Tagen VfL-Fans treffen, die Ihnen sagen, dass sie gern mal wieder ins Stadion möchten: Was sagen Sie denen dann?
Dass ich dafür totales Verständnis habe. Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünsche als ein volles Stadion mit einer tollen Atmosphäre. Das macht den Fußball doch aus, deshalb freuen wir uns, wenn hoffentlich schon bald wieder ein paar tausend Zuschauer in die VW-Arena dürfen. Gleichwohl darf man nicht vergessen, dass wir aufgrund der Corona-Pandemie eine Situation haben, die es so noch nicht gab – da muss jeder Schritt genau überlegt sein.

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