13. September 2021 / 20:27 Uhr

Wolfsburg-Torjäger Nmecha heiß auf Champions-League-Start: "Ich kann es kaum erwarten"

Wolfsburg-Torjäger Nmecha heiß auf Champions-League-Start: "Ich kann es kaum erwarten"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Heiß auf den Champions-League-Start: Lukas Nmecha vom VfL Wolfsburg.
Heiß auf den Champions-League-Start: Lukas Nmecha vom VfL Wolfsburg. © Boris Baschin
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Der VfL Wolfsburg startet am Dienstagabend (21 Uhr) mit der Partie in Lille in die Champions League. VfL-Stürmer Lukas Nmecha spricht vorm Auftakt über die Königsklasse, seine Karriere und Tattoos.

Lukas Nmecha – der hoch talentierte VfL-Stürmer will sich im zweiten Versuch beim Wolfsburger Fußball-Bundesligisten durchsetzen. Vorm Start in die Champions League beim OSC Lille (Dienstag, 21 Uhr, live bei DAZN) spricht er im SPORTBUZZER-Interview über seine Karriere, seine Ziele und seine Tattoos.

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Mit Wolfsburg in der Champions League – was bedeutet Ihnen das?

Das war einer der Gründe, wieder nach Wolfsburg zu kommen. Wenn man zu den wenigen Mannschaften gehört, die da mitspielen dürfen, dann zeigt das, wie stark man ist. Und für so ein Team wollte ich spielen. Als Jugendspieler war ich in Manchester eigentlich immer bei den Champions-League-Spielen im Stadion, da bekommt man schon auf der Tribüne Gänsehaut, wenn die Hymne erklingt. Ich kann es kaum erwarten, das auf dem Platz zu erleben.

Irgendeine besondere Erinnerung an die Champions-League-Spiele dort?

Ja, gegen Real vor ein paar Jahren. Ein richtiges Battle zwischen Vincent Kompany in der City-Abwehr und Cristiano Ronaldo. Ein geiles Spiel.

Vincent Kompany, der ehemalige HSV-Verteidiger, spielt sowieso eine besondere Rolle für Ihre Karriere...


Wir haben uns kennengelernt, als ich in Manchester bei den Profis mittrainieren durfte. Er als Abwehrspieler, ich als Stürmer, da spielt man eben gegeneinander. Und seitdem hatte er immer ein Auge auf mich, seitdem haben wir Kontakt. Er ist hart und ehrlich mit mir, das brauche ich und das hilft mir.

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Und als er dann Trainer wurde, hat er sie 2020 nach Anderlecht geholt…

...wo ich ohne ihn wohl nicht hingegangen wäre. Er wollte mich schon 2019, aber da habe ich mich für Wolfsburg entschieden, weil mich die Bundesliga gereizt hat. Ein Jahr später war dann klar, dass Anderlecht genau der richtige Schritt war. Kompany war der erste Trainer, bei dem ich jedes Spiel gemacht habe. Er hat mir nach guten Spielen immer gesagt, was noch besser geht. Bei ihm habe ich viel gelernt.

Obwohl er ja eine ganz andere Position gespielt hat als Sie.

Als Innenverteidiger weiß er halt, was Innenverteidiger nicht mögen. Und er ist ein toller Mensch, war schon als Spieler der ideale Kapitän. Er hätte mich jetzt gern in Anderlecht behalten, aber am Ende hat er gesagt: Wolfsburg ist der richtige Schritt für dich, mach’ es. Er hatte mein Wohl im Auge.

Sie sprechen akzentfrei Deutsch - und Englisch mit so einem leichten Manchester-Einschlag. In welcher Sprache fühlen Sie sich mehr zu Hause?

Schon noch im Englischen. Aber meine Mutter hat immer Deutsch mit mir gesprochen, und wenn ich bei der U21-Nationalmannschaft war, hatte ich ja auch immer viel Übung. Von daher war das nie weg.

Und Ihr Bruder?

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Bei dem ist das ein bisschen anders. Ich war 9, als wir nach England sind, er war 7. In dem Alter ist das schon ein Unterschied, er hat’s schneller verlernt. Aber es wird gerade wieder von Tag zu Tag besser.

Warum ist Ihre Familien eigentlich damals von Hamburg nach England gezogen?

Mein Papa hatte keine Arbeit gefunden, also ist er nach England gegangen. Er hat bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet und ist erst alleine nach Manchester, um alles vorzubereiten. Ein Jahr später ist dann meine Mutter mit uns Kindern nachgekommen.

Haben Sie an die Zeit in Hamburg noch Erinnerungen?

Nicht viele. Aber ich war vor ein paar Wochen mal wieder da. In Altona, wo wir gelebt haben. Einiges habe ich dann noch wiedererkannt, ein paar Nachbarn von damals waren auch noch da.

Sie haben dann in Wythenshawe gelebt, am südlichen Stadtrand von Manchester. War es leicht, sich da zu integrieren?

Wenn man ein bisschen kicken kann, wird man schnell akzeptiert. Ich sprach natürlich mit 9 noch kein Wort Englisch, aber in dem Alter lernt man schnell. Und durch den Fußball hatte ich schnell Freunde.

Aber Sie waren nicht gleich in einem Verein?

Nein, wir hatten aber eine Schulmannschaft. Und die Schule hat mit dem Verein im Ort kooperiert. Zum Glück gab’s in dem Verein eine Frau, die den Academy-Leiter von Manchester City kannte. Und so bin ich dann ziemlich schnell bei City gelandet.

Ein Verein, der seit Jahren viele Top-Stars holt - und es dadurch den eigenen Talenten nicht leicht macht. Haben Sie das auch gemerkt?

Wenn man von der Academy kommt, ist man immer der Academy-Spieler, der Junge aus dem eigenen Nachwuchs. Das macht es noch schwieriger. Ich habe dann sechs Monate mit den Profis trainiert, meine ersten Einsätze gehabt. Aber es war immer das Gefühl da, dass ich so gut trainieren kann, wie ich will, ich werde nicht spielen. Bei einem so großen Verein passiert das jedem jungen Spieler.

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Und darum ging es per Leihe nach Preston in die 2. Liga…

Wenn man sich bei City jeden Tag gegen Top-Spieler im Training behauptet, hat man irgendwann das Gefühl, man kann alles. Aber ich ahnte, dass das nicht so ist - und wollte rausfinden, auf welchem Level ich wirklich bin. Darum der Wechsel nach Preston.

Kurzpass-Spiel und Ballbesitz in Manchester, ehe Kick’n’Rush in der zweiten englischen Liga gefragt war.

Ja, das war am Anfang eine riesige Umstellung für mich, weil die Qualität der Mannschaft und meiner Mitspieler plötzlich eine ganze andere war. Und gerade als Stürmer brauchst du deine Mitspieler viel mehr als auf anderen Positionen - weil sie ja deine Torchancen kreieren müssen. Erst im Nachhinein habe ich die Zeit dort positiv gesehen, weil ich viel gelernt habe - Zweikämpfe, Durchsetzungswille. Aber als ich da war, habe ich es als extrem schwierig empfunden, mich an anderen Fußball zu gewöhnen. Später bei der Leihe nach Middlesbrough kam noch etwas anderes dazu. Trainer Jonathan Woodgate, der früher auch bei Real und in Tottenham gespielt hat, wollte mich unbedingt haben. Aber nach fünf Spielen war er weg. Sein Nachfolger Neil Warnock war ein Trainer klassischer englischer Prägung, eher ein bisschen altmodisch. Er hat mir nach dem zweiten Training gesagt: „Du bist gut, aber wir spielen mit langen Bällen - und dafür bist du nicht der optimale Spieler.“

Zwischendurch Wolfsburg, aus dem halben Jahr 2019 ist vor allem eine Szene hängengeblieben: Spiel in Dortmund, es steht noch 0:0, Sie treffen nach toller Einzelaktion die Latte. Haben Sie das Gefühl, dass vieles hätte anders laufen können, wenn der Ball reingegangen wäre?

Ja, das sage ich auch immer. Das wäre ein gutes Tor gewesen. Aber so ist Fußball. Ich hatte Phasen, in denen ich vielleicht etwas weniger Glück hatte und in denen ich auch nicht so gut gespielt habe. Heute hilft mir das, weil ich weniger empfindlich bin, mich Negativerlebnisse nicht lange belasten.

Wie leicht fiel Ihnen die Entscheidung, es jetzt noch einmal in Wolfsburg zu versuchen?

Als mein Berater mich anrief und mir sagte „Wolfsburg will dich noch mal“, habe ich tatsächlich in den ersten zehn Minuten nur gedacht „Was soll das?“ (lacht). Aber dann habe ich darüber nachgedacht. Meine Beziehung zu Marcel Schäfer war immer top, der Kontakt ist nie abgerissen. Also habe ich mir Spiele von PSV Eindhoven angeguckt, habe mit Leuten geredet, die Mark van Bommel kennen. Außerdem habe ich noch mehrfach mit dem Trainer gesprochen, ehe ich die Entscheidung getroffen habe. Klar, ein Trainer, der dich haben will, spricht immer positiv über dich. Aber ich hatte das Gefühl, dass er ehrlich zu mir ist. Jetzt möchte ich das Vertrauen zurückzahlen.

Haben Sie eine spezielle Einstellung zu Ihrem Beruf?

Es ist ein Traum, Fußballer zu sein. Ich bin sehr glücklich, damit mein Geld verdienen zu können. Ich habe großes Vertrauen in meine Qualität als Fußballer. Wenn ich die Spiele so angehe, mit dieser Einstellung, dann habe ich eine gewisse Ruhe auf dem Platz - und bringe so meine beste Leistung.

Dazu passen die großen Tattoos auf ihrem Oberkörper, auf der einen Seite eine Stelle aus dem Römerbrief im Neuen Testament, auf der anderen Seite eine aus dem Buch Josua im Alten Testament. Jeweils geht es kurz gesagt darum, dass Gott denen hilft, die an sich selbst glauben. Warum gerade diese Sätze?

Das ist das, woran ich glaube. Diese Sätze haben mich beim Lesen quasi direkt angesprungen.

Wie bauen Sie Ihren Glauben in Ihr Leben ein?

Ich versuche, ein guter Mensch zu sein (lacht). Und ich bete. Mein Bruder ist da manchmal noch mehr bei der Sache als ich, bringt mir auch ein paar Sachen bei. Wir sind zwar auch christlich erzogen worden, aber irgendwann musst du den Glauben für dich selbst finden. Das habe ich gemacht und das hilft mir. Ich bin bei „Ballers in God“, einer Gemeinschaft christlicher Fußballprofis. Es gibt jeden Mittwoch und Donnerstag Online-Gottesdienst über Zoom. Und es gibt immer noch den Pastor in Wythenshawe, mit dem ich jede Woche rede.

Die Tattoos sehen sehr aufwendig aus – das müssen lange Sitzungen beim Tätowierer gewesen sein…

Die kamen nach und nach, das erste mit 19 auf dem Unterarm. Ich hatte einen guten Tätowierer in England, jetzt habe ich auch einen in Deutschland gefunden, Oscar in Düsseldorf. Es ist auch alles noch nicht ganz fertig, in der Länderspielpause war ich gerade wieder bei ein, zwei Sitzungen von jeweils fünf Stunden…

Sie gelten als Kandidat für die A-Nationalmannschaft, es könnte also sein, dass Sie in der nächsten Länderspielpause keine Zeit dafür haben werden.

Ja (lacht). Das wäre aus meiner Sicht okay.