30. Dezember 2020 / 06:17 Uhr

Wolfsburg-Trainer Glasner im Interview: "Wir werden noch viele Punkte holen, wenn..."

Wolfsburg-Trainer Glasner im Interview: "Wir werden noch viele Punkte holen, wenn..."

Andreas Pahlmann und Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Im Interview: VfL-Trainer Oliver Glasner.
Im Interview: VfL-Trainer Oliver Glasner. © DPA
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Der VfL Wolfsburg hat bisher eine starke Bundesliga-Saison gespielt. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht Trainer Oliver Glasner über die Corona-Krise, die kurze Winterpause und den Transfer-Zoff vor dem Hoffenheim-Spiel.

Platz vier nach 13 Spieltagen, 24 Punkte auf dem Konto und im Pokal immer noch dabei: Trotz schwieriger Umstände läuft es für den Wolfsburger Fußball-Bundesligisten bisher in dieser Spielzeit richtig gut. Einzig das Aus in der Europa-League-Quali schmerzt. Im großen AZ/WAZ-Interview spricht Trainer Oliver Glasner über den bisherigen Saisonverlauf, die Corona-Krise, die sehr kurze Winterpause und sein Verhältnis zu Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer.

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Herr Glasner, die Saison begann mit dem enttäuschenden Europa-League-Aus, jetzt sind Sie mit Ihrem Team Vierter der Bundesliga. Gibt‘s da einen Zusammenhang? Oder anders gefragt: Wäre der VfL auch Vierter, wenn er in die Gruppenphase gekommen wäre?
Das ist eine hypothetische Frage, das weiß ich nicht. Was ich weiß, ist: Für uns war es gut und wichtig, Trainingszeiten zu haben. Die hatten wir davor ein Jahr lang kaum. Wichtig war auch, dass die Mannschaft vor der Saison nahezu komplett zusammengeblieben ist. Dadurch wissen die Jungs, was sie auf dem Platz zu tun haben. Das trägt alles dazu bei, dass wir da stehen, wo wir stehen.

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Als Beobachter hat man den Eindruck, dass die Trainingsarbeit vor allem dem Offensivspiel gutgetan hat.
Ja, das denke ich auch, wir haben uns vor allem im letzten Drittel sehr verbessert. Vor die Abwehr des Gegners zu kommen, das war uns schon vorher gut gelungen. Jetzt finden wir immer mehr Wege, auch dahinter zu kommen - da haben wir einen großen Schritt nach vorn gemacht.

In einer normalen Winterpause mit Urlaub und Trainingslager hätten Sie mit dem Team daran weiterarbeiten können. Wie schwierig ist das jetzt, wenn die Trainingssteuerung wegen der kurzen Pause ganz anders sein muss?
Es gibt ja nicht viel zu steuern, es war wie eine Länderspielpause für uns. Wir haben einen Plan, einen Rhythmus, den wir während der Saison immer haben – und mit dem machen wir jetzt einfach weiter. Weil es keinen Urlaub gab, haben die Spieler ja auch nichts verloren. In der vergangenen Saison hatten wir zehn bis zwölf Tage frei und dann zwei Wochen Vorbereitung. Da verliert man ein bisschen Fitness, daher braucht es Zeit, die wieder aufzubauen. Jetzt verliert man quasi gar nichts. Es ist eher die Frage, wie lange die Spieler das Level halten können. Das Ziel ist: bis zum 22. Mai. Es sind jetzt 14 statt sonst 17 Spiele gespielt. Wir schauen täglich auf die körperlichen Parameter der Spieler und beobachten auch ihre mentale Situation. Wenn wir den Eindruck haben, einer braucht mal eine Pause, versuchen wir, ihm eine zu geben.

Betraf das auch die individuellen Trainingspläne fürs Weihnachtswochenende?
Ja, das haben wir individuell gehandhabt. Wir hatten Spieler, die an Corona erkrankt waren, wir hatten mit Maximilian Philipp, Xaver Schlager und Tim Siersleben Spieler, die als Kontaktpersonen in Quarantäne waren. Xaver hatte beispielsweise vorher viel gespielt und sollte sich eher ausruhen, Tim hatte dagegen weniger gespielt, ihn haben wir etwas mehr belastet. Spieler, die mehr gespielt haben, haben jetzt eher weniger oder gar nichts gemacht.

Und wie war Ihr Weihnachten?
Ich konnte ein paar Tage mit der Familie verbringen. Es war sehr ruhig und kurz, aber es waren schöne Tage. Es tat gut, mal ein paar Tage rauszukommen.


In den letzten Spielen vorm Fest mussten Sie das Team wegen Corona immer wieder umbauen. Wie schwierig war das?
Ich würde es nicht als schwierig, sondern als spannend bezeichnen. Das ist das, was den Job ausmacht. Als Trainer wird einem nie langweilig, wir sind mit so vielen Situationen konfrontiert. Wichtig ist, dann Lösungen zu finden. Das haben wir von Saisonbeginn an gut hinbekommen.

Ist es aufgrund der hohen Corona-Fallzahlen noch sinnvoll, gerade Fußball zu spielen?
Ich denke schon. Wenn wir einen Fall haben, können wir ihn schnell herausfiltern, um Infektionsketten so gut wie möglich zu unterbinden. Der Fußball lebt quasi mit den Testungen in kleinem Rahmen sehr gut vor, was möglich wäre, wenn man flächendeckend so testen könnte. Und man muss ja sagen: Die Betroffenen, die wir haben und hatten, haben sich zum großen Teil vermutlich nicht beim Fußball infiziert, sondern wie viele andere auch im täglichen Leben. Wir können bei uns aber zumindest dafür sorgen, dass sie schnell erfahren, dass sie infiziert sind, damit sie dann das Virus nicht weiterverbreiten.

Beim Stuttgart-Spiel hatten Sie kurzfristig fünf Corona-bedingte Ausfälle. Haben Sie da nicht mal gedacht, dass eine Absage vielleicht besser wäre?
Nein. Es gibt klare Regularien, wie viele Spieler eine Mannschaft noch zur Verfügung haben muss. Das war bei uns erfüllt. Daher war eine Spielverlegung nie Thema.

Es gibt Kritiker, die sagen: Alles muss zumachen, aber der Fußball darf weiterspielen – das passt nicht zusammen. Haben Sie für diese Sicht der Dinge Verständnis?
Mein Gefühl ist, dass diese Diskussion im April, Mai viel größer war als jetzt. Die Akzeptanz für professionelle Sportarten ist mittlerweile größer geworden. Die Unternehmen werden ja nicht zugesperrt, Volkswagen beispielsweise produziert weiter. Und wir haben im Profifußball eine andere Ausgangslage als sie etwa Gastronomen haben. Würde man dem Gastwirt erlauben, seine Gaststätte zu öffnen, ohne dass er Gäste reinlassen darf, ergäbe das keinen Sinn. Aber Fußball kann aufgrund der Fernsehübertragung eben auch ohne Zuschauer funktionieren, auch wenn wir alle uns die Fans in den Stadien sehnlich zurückwünschen.

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Vieles, was die Pandemie mitbringt, ist Alltag geworden – Masken, Abstände, leere Ränge. Empfinden Sie das auch schon als eine Art neue Normalität?
Ja, so ticken wir Menschen: An vieles will man sich nicht gewöhnen, aber man tut es trotzdem. Nehmen Sie doch nur mal dieses Interview: Wir führen es wie selbstverständlich am Telefon, vor einem Jahr hätten wir uns noch gemütlich hier beim VfL auf einen Kaffee getroffen. Meine Hoffnung ist, dass wir die Pandemie 2021 mit den Impfungen in den Griff bekommen.

Am Wochenende geht nicht nur die Liga wieder los, auch das Transferfenster öffnet. Es sieht nicht so aus, als bräuchte der VfL Neuzugänge. Oder sehen Sie das anders?
Unsere Kaderpolitik behandeln wir intern. Grundsätzlich sage ich aber immer: Solange das Transferfenster offen ist, würde ich in beide Richtungen nichts ausschließen.

Dass Sie nach dem Transfer-Ärger im November öffentlich nichts mehr zur Kaderplanung sagen wollen, ist nachvollziehbar – hat Sie damals die Wucht überrascht, die das Thema plötzlich bekam?
Nein. Ich konnte das schon einschätzen. Überrascht hat mich, dass Unwahrheiten geschrieben wurden, wie zum Beispiel, dass ich wegen Heimweh meinen Rauswurf provozieren wollte...

Daraus könnte man schließen, dass Sie den „Sturm“ bewusst angezettelt haben.
Nein, darum ging es überhaupt nicht. Im November ging es ja um die Offensive insgesamt und darum, dass wir zu wenig Tore erzielt hatten – nicht nur um mögliche Neuzugänge. Ich habe meine Meinung dazu gesagt. Und es ist auch wichtig, die als Trainer zu äußern. Damit ist das Thema aber auch erledigt.

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Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Manager Jörg Schmadtke beschreiben?
Als professionell...

...und erfolgreich, könnte man ergänzen. Macht es etwas mit einer Mannschaft, wenn sie in der ganzen Saison nur zwei Niederlagen kassiert hat?
Ich denke schon, das Vertrauen in das eigene Spiel wächst – und in die eigene Gruppe. Als Trainer predigt man immer, dass alle Spieler wichtig sind. Aber Spieler fragen sich schnell, ob sie wirklich wichtig sind, wenn sie drei Spiele nicht gespielt haben. Vor Weihnachten hatten wir die Nagelprobe, ich nenne da Jeffrey Bruma als Beispiel. Er kam gegen Sandhausen ohne Spielpraxis in die Mannschaft, und es hat so funktioniert wie sonst. Das sorgt alles für ein gutes Gefühl im Team. Aber das Wichtigste ist, dass es nicht von allein geht. Nur wenn wir so weitermachen wie bisher, weiterhin so viel investieren, können wir erfolgreich sein.

Jetzt gibt‘s nacheinander gleich drei Gegner aus den Top Sechs – eine besondere Herausforderung?
Das ist eine schöne Aufgabe, aber so weit denke ich noch gar nicht. Erst mal ist Dortmund wichtig. Da wollen wir weitermachen, wo wir im Herbst aufgehört haben. Wir haben in der Bundesliga nur bei Bayern München verloren, das deutet auf Konstanz hin. Wir haben immer unser Spiel durchgezogen und auch im Pokal gegen Sandhausen nie nachgelassen.

Solange Sie Vierter sind, werden Sie auch Fragen zur Champions League beantworten müssen…
Die geht im Februar weiter, es sind vier deutsche Mannschaften dabei und wir sind keine davon, deshalb ist die Champions League jetzt nicht unser Thema.

Noch nicht?
Wenn wir so weitermachen, werden wir bestimmt noch viele Punkte holen. Aber es gibt auch genug warnende Beispiele. Schalke hatte vor einem Jahr zur Winterpause 30 Punkte – und jetzt ganz andere Themen.