10. September 2021 / 22:19 Uhr

Wolfsburger Zeitreise in die Bundesliga (4): Traurige Kulisse im Spitzenspiel 

Wolfsburger Zeitreise in die Bundesliga (4): Traurige Kulisse im Spitzenspiel 

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Etwas abseits der VfL-Bank: Wolfsburgs damaliger Trainer Willi Reimann auf einem Holzstuhl.
VfL-Aufstiegstrainer: Willi Reimann. © Imago
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Vor 25 Jahren begann das letzte Zweitliga-Jahr des VfL Wolfsburg. Den Weg zum Aufstieg begleiten wir in einer Serie Spieltag für Spieltag parallel zu denen der 25. Wolfsburger Bundesliga-Spielzeit, die ins Jubiläum mündet. 

Das Jubiläum kommt! Egal, wie der VfL Wolfsburg abschneidet. Am Ende der Saison hat der VfL 25 Jahre Fußball-Bundesliga hinter sich! Am Stück. Das können von den aktuellen Bundesligisten nur wenige von sich behaupten. Nie abgestiegen aus dem Oberhaus sind aber neben Wolfsburg nur Leverkusen und München. 25 Jahre Bundesliga – bevor das Jubiläum kommt, nehmen wir Sie mit auf eine kleine Zeitreise. Spieltag für Spieltag. In die letzte Zweitliga-Saison.

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Die vorhergehenden Teile der Zeitreise

Teil 1: Fortuna Köln - Alles wie immer
Teil 2: Hertha BSC - Rot für Meißner, immer noch kein Sieg

Teil 3: Spieltag 3 bricht den Bann

25 Jahre – in vielen Bereichen kein ganz großes Jubiläum. In der Bundesliga eher außergewöhnlich. Außergewöhnlich beständig. Denn nur elf Klubs von insgesamt 56 Bundesligisten seit 1963 haben mehr als 25 Spielzeiten am Stück im Oberhaus gespielt.

Der kleine VfL Wolfsburg. Lange war er die Nummer 5 im Norden gewesen – hinter Bremen, dem HSV, Braunschweig und Hannover. In der Oberliga gefürchtet, doch in der 2. Bundesliga war das Team vom Elsterweg nur sechs Jahre seiner Geschichte gewesen, in der Bundesliga waren die Wölfe überhaupt kein Begriff. Wolfsburg stand für Volkswagen. Punkt. Bis es mit Trainer Uwe Erkenbrecher, Manager Peter Pander sowie Funktionären wie Wolfgang Heitmann oder Manfred Aschenbrenner Visionen gab und 1992 erneut der Aufstieg in die 2. Liga gelang.

Ein einstelliger Platz war das Ziel des VfL für die Saison 1996/1997 gewesen. Eine betont vorsichtige und vielleicht auch realistische Sichtweise nach unruhigen 18 Monaten, in denen erst Gerd Roggensack den VfL ins Pokalfinale 1995 als Nachfolger von Eckhard Krautzun geführt hatte, mit dem es bis ins Viertelfinale gegangen war. Das Halbfinal-1:0 beim klassenhöheren 1. FC Köln durch ein Tor von Siggi Reich blieb das Highlight unter Roggensack. Zum Aufstieg führte er das Team, das lange einen Aufstiegsplatz bekleidet hatte, nicht mehr.

Roggensack war bereits im Oktober 1995 nach einem Heim-0:5 gegen Bochum von Ex-HSV-Profi Willi Reimann abgelöst worden. Eine auf dem Papier sehr namhafte Mannschaft konnte der knorrige Hanseate immerhin mit seiner stoischen Art voranbringen, dass sie dann in der Rückrunde 95/96 bis zum Ende 14 Mal in Folge ungeschlagen blieb. Danach ging es in eine ganz besondere Saison.


Mehr zum VfL Wolfsburg

Der vierte Spieltag der Zweitliga-Saison 1996/97

Was zuvor so war: Eintracht Frankfurt hatte unter der Woche sein Nachholspiel gegen Mannheim gewonnen, mischte nun auch in der Spitzengruppe mit. Matthias Stammann war nach seiner Kniearthroskopie fit geworden, bekam einen Joker-Einsatz gegen Gütersloh. Und die Transferhängepartie um den bulgarischen Nationalstürmer Peter Mihtarski ging weiter. Er hatte in einem Testspiel überzeugt, Coach Willi Reimann sah in ihm einen "Erstliga-Spieler", aber auch zum vierten Spiel fehlte noch die ersehnte Sturmergänzung.

Das Spiel: Wolfsburgs Coach Willi Reimann experimentierte in Sachen Aufstellung nicht. Statt des defensivstärkeren Ulf-Volker Probst durfte im rechten Mittelfeld wieder Sead Kapetanovic starten. Reimann: "Wir sind gut besetzt, die Mannschaft funktioniert. Nur der kurzfristige Krankheitsausfall von Jens Keller führte dazu, dass Stefan Meißner reinrückte, Roy Präger, zuvor vorn eingesetzt, Kellers Platz im Mittelfeld übernahm.

Auf dem Papier war es ein Knüllerspiel. Aufsteiger Gütersloh (im Jahr 2000 pleite, unter dem gleichen Namen neu gegründet und heute Fünftligist), kam mit Trainer Hannes Linßen ohne Niederlage und ohne Gegentor als Überraschungsteam, dem VfL winkte der Sprung ins Vorderfeld der Tabelle. Und im VfL-Stadion verloren sich nicht einmal 4000 Fans. Zum Vergleich: Am gleichen Spieltag sahen 7500 Fans Mainz 05 gegen das punktlose Schlusslicht Rot-Weiss Essen.

Ungewohnt war so ein Anblick für die Wolfsburger Profis nicht, sie gaben trotzdem Gas. Nachdem er nach einer ersten Ecke noch Güterslohs Jens Tschiedel angeköpft hatte, stand Defensiv-Turm Holger Ballwanz bei der gleich folgenden Ecke nichts mehr im Wege beim Kopfball - 1:0. Der heutige Fanbeauftragte spielte wie aufgedreht, räumte ab, lenkte sogar das Spiel mit und war torgefährlich.

Auch Präger drehte gegen seinen Ex-Coach zu Fortuna-Köln-Zeiten ordentlich auf. Der Höhenflug des Blondschopfs, manchmal als Chancentod verschrien, begann in jenen Tagen. Linssen hatte mal über ihn gesagt: "Ein sehr guter Spieler, aber im Mittelfeld zu deckungsschwach und im Sturm zu ungefährlich." Letzteres sollte sich in den Folgemonaten gewaltig ändern...

Zurück ins Spiel: Prägers Flanke nach der Pause nahm Chad Deering direkt - Tschiedel fälschte ab, ins eigene Netz. Vorentscheidung. Piotr Tyszkiewicz machte vier Minuten später alles klar. Er hatte seine Spielweise verändert, war mannschaftsdienlicher, fleißiger geworden. Der Pole: "Das musste ich lernen, musste mich von der reinen Exekutor-Rolle trennen." Das Ergebnis: "Ich habe eine ganz andere Akzeptanz, fühle mich wie das Team auf einem guten Weg. Wir haben Herz." Coach Reimann konnte die Partie gelassen in seinem roten Trainingsanzug von seinem Stammplatz auf einem Holzstuhl etwas abseits der Trainerbank verfolgen.

Die Statistik

VfL Wolfsburg - FC Gütersloh 3:0

(24. August 1996)

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VfL: Zimmermann – Maucksch, Tomcic, Jensen – Kapetanovic (46. Probst), Ballwanz, Deering, Dammeier, Präger – Tyszkiewicz (83. Butrej), Meißner (73. Stammann).

Gütersloh: Teuber – Tschiedel, Böger, Konerding – Landgraf, Lewe (74. Flock), Meyer (74. Ellguth), Choroba, Bonan - van der Ven, Papic (56. Ekmescic).

Schiedsrichter: Dr. Dörr (Griesheim). Zuschauende: 3900.

Tore: 1:0 (15.) Ballwanz, 2:0 (53.) Tschiedel (Eigentor), 3:0 (57) Tyszkiewicz.

Gelbe Karten: Ballwanz, Tomcic / Konerding, van der Ven, Bonan, Ellguth.

WAZ-Spieler des Spiels: Ballwanz.

Die Tabelle der 2. Liga 96/97 nach Spieltag 4
1. Eintr. Frankfurt 8: 4 10
2. 1. FC K’lautern 5: 0 9
3. Carl Zeiss Jena 7: 3 7
4. VfL Wolfsburg 6: 3 7
5. Fortuna Köln 8: 6 7
6. FSV Mainz 05 4: 3 7
7. SV Meppen 5: 3 5
8. Unterhaching 3: 2 5
9. Lübeck 4: 5 5
10. FC Gütersloh 2: 3 5
11. Stuttgarter Ki. 7: 6 4
12. FSV Zwickau 5: 5 4
13. Hertha BSC 2: 3 4
14. VfB Leipzig 4: 5 3
15. VfB Oldenburg 4: 6 3
16. KFC Uerdingen 3: 7 3
17. Waldh. Mannh. 5: 8 2
18. Rot-Weiss Essen 2:12 0

In einer AZ/WAZ-Serie zeichnen wir den Weg zum Aufstieg nach – gehen ihn Spieltag für Spieltag parallel zur neuen Bundesliga-Saison mit. Was 2021/22 am Ende stehen wird, wissen wir noch nicht, was 1997 am Ende der Saison stand, wissen alle Fans. Manche aber waren damals noch jung, manche noch gar nicht geboren.

Bei dieser Zeitreise können sie mitmachen. Schicken Sie uns gerne Mails, wenn Sie mögen auch Fotos (als Dateien, bitte keine Originale; an sport@waz-online.de), mit Ihren besonderen Erinnerungen an Partien, oder posten Sie sie am entsprechenden Spieltag in den dann erscheinenden Sportbuzzer-Beitrag bei Facebook.