24. September 2021 / 23:48 Uhr

Wolfsburger Zeitreise in die Bundesliga (6): Rehhagel schimpft, VfL bleibt oben dran

Wolfsburger Zeitreise in die Bundesliga (6): Rehhagel schimpft, VfL bleibt oben dran

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Zeitreise Rehhagel
Not amused: Kaiserslauterns Trainer Otto Rehhagel war nach dem 0:0 in Wolfsburg 1996 vor allem von der Pressekonferenz im VIP-Zelt genervt. © Imago
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Vor 25 Jahren begann das letzte Zweitliga-Jahr des VfL Wolfsburg. Den Weg zum Aufstieg begleiten wir in einer Serie Spieltag für Spieltag parallel zu denen der 25. Wolfsburger Bundesliga-Spielzeit, die ins Jubiläum mündet. 

Das Jubiläum kommt! Egal, wie der VfL Wolfsburg abschneidet. Am Ende der Saison hat der VfL 25 Jahre Fußball-Bundesliga hinter sich! Am Stück. Das können von den aktuellen Bundesligisten nur wenige von sich behaupten. Nie abgestiegen aus dem Oberhaus sind aber neben Wolfsburg nur Leverkusen und München. 25 Jahre Bundesliga – bevor das Jubiläum kommt, nehmen wir Sie mit auf eine kleine Zeitreise. Spieltag für Spieltag. In die letzte Zweitliga-Saison.

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Alle bisherigen Teile der Zeitreise

Teil 1: Fortuna Köln - Alles wie immer Teil 2: Hertha BSC - Rot für Meißner, immer noch kein Sieg
Teil 3: Spieltag 3 bricht den Bann
Teil 4: Traurige Kulisse, aber der nächste Sieg
Teil 5: Zwei Gegner in Essen, aber locker auf den Aufstiegsplatz

25 Jahre – in vielen Bereichen kein ganz großes Jubiläum. In der Bundesliga eher außergewöhnlich. Außergewöhnlich beständig. Denn nur elf Klubs von insgesamt 56 Bundesligisten seit 1963 haben mehr als 25 Spielzeiten am Stück im Oberhaus gespielt.

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Der kleine VfL Wolfsburg. Lange war er die Nummer 5 im Norden gewesen – hinter Bremen, dem HSV, Braunschweig und Hannover. In der Oberliga gefürchtet, doch in der 2. Bundesliga war das Team vom Elsterweg nur sechs Jahre seiner Geschichte gewesen, in der Bundesliga waren die Wölfe überhaupt kein Begriff. Wolfsburg stand für Volkswagen. Punkt. Bis es mit Trainer Uwe Erkenbrecher, Manager Peter Pander sowie Funktionären wie Wolfgang Heitmann oder Manfred Aschenbrenner Visionen gab und 1992 erneut der Aufstieg in die 2. Liga gelang.

Ein einstelliger Platz war das Ziel des VfL für die Saison 1996/1997 gewesen. Eine vorsichtige und realistische Herangehensweise nach unruhigen 18 Monaten, in denen erst Gerd Roggensack den VfL ins Pokalfinale 1995 als Nachfolger von Eckhard Krautzun geführt hatte, mit dem es bis ins Viertelfinale gegangen war. Das Halbfinal-1:0 beim klassenhöheren 1. FC Köln durch ein Tor von Siggi Reich blieb das Highlight unter Roggensack. Zum Aufstieg führte er das Team, das lange einen Aufstiegsplatz bekleidet hatte, nicht mehr.

Roggensack war bereits im Oktober 1995 nach einem Heim-0:5 gegen Bochum von Ex-HSV-Profi Willi Reimann abgelöst worden. Eine auf dem Papier sehr namhafte Mannschaft konnte der knorrige Hanseate immerhin mit seiner stoischen Art voranbringen, so dass sie dann in der Rückrunde 95/96 bis zum Ende 14 Mal in Folge ungeschlagen blieb. Danach ging es in eine ganz besondere Saison.

Mehr zum VfL Wolfsburg

Der sechste Spieltag der Zweitliga-Saison 1996/97

Was zuvor so war: Der VfL hat einen Verkaufsrekord für seine Zweitliga-Zeit aufgestellt. Waren für das Spiel gegen Gütersloh insgesamt im Vorverkauf nur knapp 300 Karten abgesetzt worden, so waren es für das Top-Spiel gegen Kaiserslautern zwei Tage vor dem Spiele bereits 6000. Die überdachten Tribünen mit rund 3000 Plätzen waren allesamt im Vorverkauf weg. Am Donnerstag vor dem Zweitliga-Spiel in Wolfsburg gewann Bundesliga-Absteiger 1. FC Kaiserslautern im Europa-Pokal der Pokalsieger mit 1:0 gegen Roter Stern Belgrad. Bei den Kommunalwahlen einen Tag vor dem Spiel landet die SPD einen unerwartet deutlichen Sieg, übernimmt erstmals nach 20 Jahren wieder das Stadtparlament, wird Oberbürgermeisterin Ingrid Eckel als Nachfolgerin für CDU-Mann OB Werner Schlimme (damals auch VfL-Aufsichtsratsvorsitzender) küren.

Das Spiel: Hammerspiel, der Erste beim Zweiten. Zweitliga-Rekordkulisse für den VfL. Dennoch: Nicht ausverkauft, mit 10.300 Fans war der Besuch mal wieder eher enttäuschend. Richtig ins Herz geschlossen hat Wolfsburg die VfL-Fußballer noch nicht. VfL-Fußball-Chef Manfred Aschenbrenner: "Jedes andere Zweitliga-Stadion wäre bei dieser Konstellation ausverkauft gewesen." 1,8 Millionen Zuschauer schauten am TV zu. Sie alle erlebten, wie der Tabellenzweite dem großen Aufstiegsfavoriten nicht nur Widerstand leistete. Das Remis war für die Gäste schmeichelhaft. Wolfsburgs überragender Abwehrchef Matthias Maucksch urteilte nach der Partie: "Nicht ganz so verhalten hätten wir gewinnen können." Die mit den späteren Wolfsburgern Frank Greiner, Jürgen Rische und Martin Wagner angetretenen Pfälzer wurden im Wesentlichen durch Standards von Spezialist Wagner gefährlich. Das Stadion am Elsterweg nicht so voll, dafür im VIP-Zelt hinter der neuen Tribüne Riesengedrängel. Pressekonferenz vor hunderten Gästen. Miese Bedingungen für die Journalisten und die Trainer. Lautern-Coach Otto Rehhagel schimpfte nach dem Marsch durch die Massen: "Pressekonferenz? Mit einer Pressekonferenz hat das hier ja wohl überhaupt nichts zu tun. Kindergarten. Zirkuszelt." Den VfL lobte er aber: "Man hat gemerkt, dass Wolfsburg alles daran gesetzt hat, uns zu schlagen - und beinahe wäre es ihnen auch gelungen." Andi Brehme, Weltmeister von 1990, gab zu: "Mehr war nicht drin."

Die Statistik

VfL Wolfsburg - 1. FC Kaiserslautern 0:0
(16.Sept. 1996)

VfL: Zimmermann – Maucksch, Tomcic, Keller – Kapetanovic, Präger (73. Spies), Ballwanz, Deering, Dammeier, – Tyszkiewicz (85. Stammann), Mihtarski (73. Meißner).

Lautern: Reinke - Schjönberg-Christensen, Schäfer, Koch - Greiner (65. Riedl), Ratinho, Brehme, Roos, Wagner - Rische, Wegmann.

Schiedsrichter: Aust (Köln). Zuschauende: 10.300.

Gelbe Karten: Tyszkiewicz, Tomcic, Mihtarski / Roos, Greiner, Riedl.

WAZ-Spieler des Spiels: Maucksch.


Die Tabellen nach dem 6. Spieltag der Zweitliga-Saison 1996/97

1. K'lautern...........6:1 11
2. Mainz 05..........8:4 11
3. Wolfsburg.......7:3 11
4. Fortuna Köln...13:9 10
5. CZ Jena............9:5 10
6. St. Kickers......10:7 10
7. VfB Leipzig.....11:9 10
8. Frankfurt..........9:7 10
9. Uerdingen.......10:8 9
10. U'haching........6:4 9
11. Meppen...........6:6 9
12. Hertha BSC.....10:8 8
13. Gütersloh.........4:6 8
14. Lübeck.............5:10 8
15. Zwickau...........6:8 4
16. Mannheim........7:11 3
17. Oldenburg........5:11 3
18. RW Essen........5:20 0

In einer AZ/WAZ-Serie zeichnen wir den Weg zum Aufstieg nach – gehen ihn Spieltag für Spieltag parallel zur neuen Bundesliga-Saison mit. Was 2021/22 am Ende stehen wird, wissen wir noch nicht, was 1997 am Ende der Saison stand, wissen alle Fans. Manche aber waren damals noch jung, manche noch gar nicht geboren.

Bei dieser Zeitreise können sie mitmachen. Schicken Sie uns gerne Mails, wenn Sie mögen auch Fotos (als Dateien, bitte keine Originale; an sport@waz-online.de), mit Ihren besonderen Erinnerungen an Partien, oder posten Sie sie am entsprechenden Spieltag in den dann erscheinenden Sportbuzzer-Beitrag bei Facebook.