12. März 2021 / 15:20 Uhr

Wolfsburgs Aufsichtsrats-Chef: Champions League? "Ein Traum!"

Wolfsburgs Aufsichtsrats-Chef: Champions League? "Ein Traum!"

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Macht beim VfL Wolfsburg als Aufsichtsratsvorsitzender über den Sommer hinaus weiter: VW-Finanzvorstand Frank Witter.
Macht beim VfL Wolfsburg als Aufsichtsratsvorsitzender über den Sommer hinaus weiter: VW-Finanzvorstand Frank Witter. © Ole Spata/dpa
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Schafft es der VfL Wolfsburg in die Champions League? Wie wichtig wäre auch aus finanzieller Hinsicht die Königsklasse für den Fußball-Bundesligisten? Frank Witter, VfL-Aufsichtsratsvorsitzender und VW-Finanzvorstand, sagt im SPORTBUZZER-Interview, wie er die Dinge sieht.

Seit dem Amtsantritt von Frank Witter als Aufsichtsrats-Chef des VfL im April 2018 ging’s beim Wolfsburger Fußball-Bundesligisten nach zwei Fast-Abstiegen bergauf – in diesem Jahr könnte es der VfL in die Champions League schaffen. Schafft er es auch? Wie ist der Stand bei Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer, deren Verträge 2022 auslaufen? Das und mehr beantwortet VfL-Aufsichtsrats-Chef und VW-Finanzvorstand Frank Witter im SPORTBUZZER-Interview. Zudem spricht der 62-Jährige auch über seine eigene Zukunft.

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Herr Witter, Sie hören im Sommer als Finanzvorstand des Volkswagen-Konzerns auf: Bleiben Sie über den Sommer hinaus dem VfL als Aufsichtsrats-Chef erhalten?
Ja, es gab den Wunsch, dass ich weitermachen soll. Für mich ist das eine Herzensangelegenheit geworden. Ich mache das gern, zumal wir im Aufsichtsrat super zusammenarbeiten. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit der VfL-Geschäftsführung. Und zudem ist auch sportlicher Erfolg da, das war ja nicht immer so. Als ich im Frühjahr 2018 übernommen habe, war die Situation hier eine ganz andere.

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Dem VfL stand das Wasser bis zum Hals…
Das war nicht vergnügungssteuerpflichtig, ja. Die Führung war fragil, sportlich lief es nicht. Jetzt haben wir eine Geschäftsführung, die die Dinge sehr gut im Griff hat.

Haben Sie ab Sommer noch mehr Zeit für den VfL?
Ja, aber mich will ja keiner auf dem Platz sehen (lacht) und die Geschäftsführung braucht mich auch nicht jeden Tag. Ich werde vielleicht mal bei einem Auswärtsspiel mehr dabei sein oder mir mal ein Training anschauen.

In den nächsten Monaten stehen nicht ganz unwichtige Entscheidungen an, der Vertrag von Manager Jörg Schmadtke läuft 2022 aus. Wie groß ist Ihr Wunsch, dass er über 2022 hinaus weitermacht?
Wir haben ja schon einmal verlängert, das ging schnell, weil die Zusammenarbeit zwischen dem Aufsichtsrat und ihm gut und vertrauensvoll ist. Wir werden zu gegebener Zeit reden. Wir wissen alle, was wir aneinander haben, es läuft alles in die richtige Richtung, wir sind sehr zufrieden.

Wird in den Gesprächen mit Schmadtke auch über Marcel Schäfer gesprochen, dessen Vertrag als Sportdirektor ja ebenfalls 2022 endet? Können Sie sich womöglich Schäfer für eine begrenzte Zeit auch neben Schmadtke als Geschäftsführer vorstellen?
Stand heute haben wir intern solche Gespräche noch nicht geführt. Alle haben ihre konkreten Aufgaben und die machen sie gut, wie man an unserem sportlichen Erfolg sieht. Es geht immer um die Gesamt-Konstellation. Es ist ja kein Geheimnis, dass beide vertrauensvoll zusammenarbeiten. Marcel fühlt sich extrem wohl beim VfL, er hat eine ganz wichtige Rolle im Klub und hat einen engen Draht zur Mannschaft und dem Trainerteam. Ich sage immer etwas spaßig: Er hat noch ein bisschen Rasen an seinen Schuhen, weil es ja noch nicht so lange her ist, dass er seine aktive Karriere beendet hat. Ich finde, wir haben da eine gute und starke Konstellation.


Der VfL ist Dritter, wo hat er im Vergleich zur vergangenen Saison noch zulegen können?
Hinten sind wir stabil, vorn erarbeiten wir uns Torchancen – ich sehe viele Bausteine, die uns zu einem unangenehmen Gegner machen. Wir haben jetzt zwar zwei Spiele in Folge verloren, aber nicht, weil wir schlecht gespielt haben. Da ging es um Nuancen. Andererseits, wenn man an die Spiele gegen die Bayern oder Dortmund denkt, sieht man, es fehlt noch ein bisschen was. Gleichwohl hat man auch gesehen: Der Abstand ist kleiner geworden. Ich finde, es macht Spaß, dem VfL zuzuschauen. Das ist starker Fußball.

Ist es vor allem die Stabilität des Teams, die sie optimistisch auf den Rest der Saison blicken lässt?
Ein Stück weit schon. Jetzt kommt die entscheidende Phase. Die Mannschaft hat das Ziel, im nächsten Jahr international vertreten zu sein, vor Augen. Wenn es ganz toll läuft, wird‘s die Champions League, aber dafür braucht es noch viele gute Leistungen. In der Tabelle ist es eng: Die Dortmunder haben wieder einen Lauf, die Leverkusener ihre Negativ-Serie beendet oder auch Frankfurt spielt konstant stark auf – wir haben noch schwere Spiele wie das gegen die Bayern, Dortmund und auch gegen Leipzig. Aber: Wir haben alles selbst in der Hand – und das ist fantastisch.

Oberbürgermeister Klaus Mohrs hat gerade gesagt, dass sich der VfL jetzt ruhig die Champions League als Ziel setzen darf…
Aktuell ist es zumindest im Bereich des Möglichen. Und es wäre ein Traum, klar. Aber wir sind kein Verein, der mit diesem Ziel in eine Saison reingehen kann. Das können Bayern, Dortmund und vielleicht Leipzig. Aber wir gehören da noch nicht dazu.

Wo müsste der VfL am Ende der Saison stehen, damit Sie zufrieden sind?
Wenn die Mannschaft weiterhin so kämpft und spielt, bin ich sehr zufrieden. Welcher Platz das dann genau ist, da will ich mich jetzt nicht festlegen. Wenn es die Champions League sein sollte, dann freue ich mich für die Jungs und den Verein.

Welcher Spieler hat bei Ihnen für besondere Begeisterung gesorgt?
Wir können über jeden Einzelnen reden – über Wout, der vorn trifft, über Koen, der auch die unmöglichen Bälle hält, über die Abwehr oder unser Mittelfeld. Ein Yannick Gerhardt hat lange Zeit nicht in der ersten Elf gestanden, auf einmal ist er quasi unverzichtbar. Ein Ridle Baku hat nach seiner Verpflichtung so eingeschlagen, als ob er nie woanders gespielt hätte. Wir haben nicht den Superstar, von dem alles abhängt – wir haben eine Mannschaft, die extrem gut miteinander funktioniert. Das ist unser Geheimnis.

"Müssen erst noch Vertrauen wieder zurückgewinnen"

Und trotzdem sticht einer heraus – Wout Weghorst, der jetzt 15 Tore in der Bundesliga gemacht hat. Das Erreichen der Champions League könnte die Chancen erhöhen, dass er bleibt…
Wout ist im positiven Sinne vom Erfolg besessen, er hat bei uns einen Vertrag über den Sommer hinaus. Ich glaube, er fühlt sich wohl, denn sonst schießt du nicht so viele Tore. Und wenn wir am Ende des Tages auch international spielen, ist das doch eine tolle Perspektive. Ich gehe momentan davon aus, dass er bei uns bleibt. Die Champions League wäre natürlich ein zusätzliches Argument. Für solche Wettbewerbe quälen sich die Jungs doch das ganze Jahr.

In der Königsklasse können die Klubs viele Millionen verdienen. Wäre das Erreichen dieses Wettbewerbs in Zeiten von Corona besonders wertvoll?
Ja, klar. Es wäre definitiv ein wichtiger Beitrag zur Budget-Finanzierung der Spielzeit 2021/22, weil die Corona-Pandemie bei jedem Verein erhebliche Spuren hinterlassen hat. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass der finanzielle Unterschied zwischen der Champions League und der Europa League ganz erheblich ist.

Die Klubs durchleben wegen der Pandemie schwere Zeiten, teilweise geht es um die Existenz – hat der VfL dank VW im Rücken einen Vorteil und kann mit der Situation entspannter umgehen?
Dass der VfL eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG ist, sorgt für eine gewisse Stabilität. Aber wir haben hier kein Schlaraffenland. Ich glaube, es ist zuletzt deutlich geworden, dass wir unseren Gehaltsetat in der Ära Schmadtke/Schäfer verringert haben. Trotzdem sind wir wettbewerbsfähig geblieben, wie der eine oder andere Transfer gezeigt hat. Klar ist: Wir greifen nicht mehr in die Regale mit den Spielern für 30, 40 oder 50 Millionen, sondern wir wollen Spieler holen, die sich entwickeln können.

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Ist es vielleicht aber auch eine Lehre aus der Vergangenheit, als der VfL noch teure Spieler holte, die aber sportlich nicht wirklich weiterhelfen konnten und zudem nicht zum Verein und seiner Identität passten?
Ich möchte nicht behaupten, dass hier früher unvernünftig gearbeitet worden ist. Und ich darf daran erinnern, welch großer Transfer uns etwa mit Kevin De Bruyne gelungen ist. Ich sage immer: Alles hat seine Zeit. Wir gehen jetzt einen anderen Weg, wir haben gewisse Rahmenbedingungen, damit können wir Spielern eine attraktive Basis bieten. Wir wollen vernünftig wirtschaften und gleichzeitig sportlich ambitioniert sein – das ist unser Weg. Auf dem haben wir die ersten Schritte gut gemacht.

Dieser neue Weg, mit finanziellem Augenmaß an die Dinge heranzugehen – macht er es leichter, den Fußball im Konzern zu verankern und dort für den nötigen Rückhalt zu sorgen?
Der VfL gehört zum VW-Konzern – und das ist auch gut so. Und je sympathischer das Bild des VfL ist, was natürlich mit sportlichem Erfolg zusammenhängt, umso positiver ist das für den Konzern. Auch das Frauen-Team ist ein tolles Aushängeschild für uns. Die Männer sind es auch wieder, aber wir wissen auch: Unser Stadion war, als die Fans noch rein durften, nicht an jedem Spieltag ausverkauft. Wir müssen erst noch Vertrauen wieder zurückgewinnen, weil in der Vergangenheit ein bisschen was kaputtgegangen ist.

Wird Ihr Ausscheiden aus dem VW-Vorstand dafür sorgen, dass dort dann eine VfL-Stimme fehlt?
Nein, da würde ich mir keine Sorgen machen. Wir haben im VfL-Aufsichtsrat eine hohe Stabilität. Hans Dieter Pötsch, Bernd Osterloh und ich bilden das Präsidium, auch Herbert Diess sitzt bei den VfL-Spielen öfter auf der Tribüne – ein Großteil des Konzernvorstandes schaut immer wieder bei Spielen vorbei. Es hängt ganz sicher nicht alles an einer Person und deren Funktion. Die enge Verbindung zwischen dem VfL und VW basiert auf einem breiten Fundament. Und würde ich die Gefahr sehen, dass die Verbindung in der Konstellation nicht mehr so eng ist, dann würde ich sofort den Weg frei machen. Hier geht es um den VfL – und nicht um mich.