07. Juni 2021 / 18:15 Uhr

Wolfsburgs Bittner: Warum ihm ein WM-Puck die Welt bedeutet

Wolfsburgs Bittner: Warum ihm ein WM-Puck die Welt bedeutet

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
06.06.2021, Lettland, Riga: Eishockey: Weltmeisterschaft, Spiel um Platz 3, USA - Deutschland: WM-Debütant Dominik Bittner klatscht nach seinem Tor seine Mannschaftskollegen ab. Foto: Roman Koksarov/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein ganz besonderes Tor: Dominik Bittner wird im Spiel um Bronze gegen die USA von den Teamkameraden abgeklatscht. © dpa
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Gold war in Reichweite, am Ende bekam Deutschland bei der Eishockey-WM nichts, verlor am Sonntag auch das Spiel um Bronze. Dominik Bittner von den Grizzlys Wolfsburg brachte dennoch am Montag etwas Besonderes mit heim aus Riga und berichtet gerührt vom ungeheuren Teamspirit der DEB-Auswahl.

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Die Emotions-Achterbahn endete ohne Medaille, dennoch verabschiedete sich die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft erhobenen Hauptes als Vierter von der WM in Riga. Verteidiger Dominik Bittner von Vizemeister Grizzlys Wolfsburg war am Montag wieder daheim. Als letzter deutscher Torschütze des Turniers. Es war zwar nur der Ehrentreffer beim 1:6 gegen die USA. Aber: "Ein Tor, das mir die Welt bedeutet", sagte er. Dieser Treffer zum 1:5 hat eine besondere Geschichte. Die mit dem Team zusammenhängt und ihm dadurch statt einer Medaille ein besonderes Erinnerungsstück beschert.

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Bittner: "Es war super anstrengend, mit zehn Spielen in 17 Tagen mit viel höherem Tempo als in der DEL, mit ständig wechselnden unterschiedlichen Spielstilen der Gegner. Nach dem 1:2 gegen Finnland im Halbfinale, wo wir eigentlich hätten gewinnen können, flossen bei dem einen oder anderen Tränen, auch nach dem 1:6 gegen die USA. Aber diese WM hat trotzdem unglaublich viel Spaß gemacht." Und nach dem letzten Frust nach dem Spiel gegen die USA sang das Team dann schon gemeinsam in Bus. Bittner: "Es war sagenhaft, wir hatten einen unglaublichen Teamgeist."

Teamgeist statt Lagerkoller. Denn das, was Eishockey-WMs ausmacht, sich am freien Tag mal unter die Fans zu mischen oder die Stadt anschauen - das gab es diesmal nicht. Bittner: "Wir hatten eine Hoteletage, Einzelzimmer, und einen Aufenthaltsraum, den wir viel genutzt haben - um andere Spiele zu schauen, für Tischtennis und Kickern." Die Mannschaft hing eng aufeinander, aber ging sich nicht auf den Keks. Im Gegenteil.



Die Geschichte seines ersten Länderspieltores, in seinem zweiten WM-Spiel überhaupt, unterstreicht das. "Morgens um 11 Uhr hatte ich erfahren, das ich ein paar Stunden später mein zweites Spiel machen werde", so Bittner. "Und das in der Starting Six." Für die gab es vor dem Spiel ein Ritual: Routinier Korbinian Holzer rief sie laut auf, sagte dazu über jeden Starter etwas. Bittner: "Er sagte, dass ich es absolut verdient hätte, dass ich noch zu einem zweiten Einsatz komme, und ich hatte das Gefühl, dass sich die ganze Mannschaft für mich freut, das war riesig." Und es kam noch besser. Bittner traf. „Zwar ein statistisch bedeutungsloses Tor, aber es war der Lohn für vier Wochen Arbeit im Rahmen der WM, hat mir noch einmal gezeigt, dass ich auf dem Niveau defensiv und auch offensiv spielen kann."

Mitspieler Nowak baut die kleine Vitrine

Wie die Mitspieler sich für ihn freuten, „viele auch noch später auf mich zugekommen sind, das werde ich nie vergessen", berichtet Bittner. Und dann ist er spürbar gerührt, als er vom Puck erzählt. Denn besondere Pucks erhalten bei Spielern stets einen besonderen Platz, doch als er getroffen hatte, rückten die Schiedsrichter das Spielgerät nicht raus. Praktisch vom Bully weg trafen die USA mit demselben Puck, Nico Krämmer klaubte ihn aus dem Tor und beförderte ihn zur deutschen Spielerbank. Die finnischen Schiedsrichter hinterher. Sie diskutierten mit Landsmann und Bundestrainer Toni Söderholm, dann mit dessen finnischem Co-Trainer Ville Peltonen. Bittner: "Sie sagten, Pucks der Finalspiele gehören dem Weltverband und wandern in die Hall of Fame. Deutschland könne eine Strafe bekommen, wenn die Scheibe nicht ausgehändigt werde. Peltonen hat ihnen erklärt, dass sich der Verband gerne melden könne, der Puck bleibe beim DEB." Bittner hat ihn. Marco Nowak (Düsseldorfer EG) ist Hobby-Handwerker in Holzarbeiten, fertigt Schaukästchen für solche Objekte an. Der Abwehrkollege kam auf Bittner zu, "sagte mir, er baue mir etwas für den Puck. Das ist einfach riesig. Dieser Zusammenhalt hat unsere Leistungen mit möglich gemacht."

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Bundestrainer megastolz auf das Team

Die Eindrücke von Grizzly Bittner - der Bundestrainer unterstrich sie. Toni Söderholm gab seinen WM-Spielern im Hinblick auf die Kader-Nominierung für die Olympischen Winterspiele 2022 einen Bonus. „Ich glaube, die Spieler, die jetzt hier waren, haben sich auf alle Fälle sehr positiv empfohlen für alles, was kommt. Es war wirklich eine absolute Ehre mit diesen Spielern zu arbeiten. Die Truppe ist einfach unglaublich. Wir brauchen Spieler, die zu 1000 Prozent mannschaftsdienlich sind. Wir brauchen Spieler, die die Mannschaft stärker machen, nicht nur spielerisch“, sagte der Bundestrainer gegenüber dpa. „Die Spieler, die wir hatten, waren in dem Bereich alle überragend.“

Bereits in einer Woche startet Trainingsphase eins für die in Deutschland ansässigen Profis. Da ist Bittner nicht dabei. "Ich hoffe, dass ich ein bisschen Urlaub machen kann, muss das jetzt mal mit Coach Mike Stewart besprechen." Die vier Wochen Pause, die die anderen hatten, könnte er auch gut gebrauchen, ahnt aber: "Dann bin ich zur Saison nicht fit."

Grizzlys-Manager sieht im Sturm noch Luft nach oben

Platz vier im WM-Turnier, dadurch in der Weltrangliste von Platz sieben auf Platz fünf geklettert - was fehlt Deutschlands Eishockey, um regelmäßig an die Tür zum Halbfinale anzuklopfen? "Vielleicht noch ein bisschen was im Sturm", meint Grizzlys-Manager Charly Fliegauf, der seit über 20 Jahren Klubgeschicke (Augsburg, Frankfurt, Wolfsburg) als Sportdirektor leitet und zwischenzeitlich auch mal General Manager des Nationalteams war. "In der Defensive könnte man vielleicht auch noch etwas Spielstärke brauchen, aber insgesamt hat die Defensive auch in ihrer Struktur gestimmt. Das Abwehrverhalten war gut." Vorne aber müsse mehr kommen. In der Tat schoss Deutschland nach den 14 Treffern in den Auftaktpartien gegen Italien (9) und Norwegen (5) nur noch maximal zwei Tore, wenn man eines ins leere Tor und eines im Penaltyschießen ausklammert.

Das DEB-Team tat sich insbesondere gegen die USA (0:2) und zweimal gegen Finnland (je 1:2) schwer. Vor allem das Halbfinale schmerzte, weil der Auftritt gegen den da noch amtierenden Weltmeister Finnland überragend und dominant war. Allein - es fehlten Treffer. Ein Leon Draisaitl und ein Tim Stützle, die nach ihrer NHL-Saison nicht zur WM kamen, könnten da helfen. Zum anderen, so Fliegauf insgesamt zuversichtlich,"darf man ja auch nicht vergessen, dass Spieler wie Lukas Reichel und JJ Peterka noch nicht einmal 20 sind". Das Fundament stehe, meinte auch Bundestrainer.