22. November 2018 / 17:31 Uhr

Wolfsburgs Mehmedi im Interview: „Als ich 15 war, merkte mein Vater: Aus dem Admir könnte was werden"

Wolfsburgs Mehmedi im Interview: „Als ich 15 war, merkte mein Vater: Aus dem Admir könnte was werden"

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Admir Mehmedi vom VfL Wolfsburg im SPORTBUZZER-Interview.
Admir Mehmedi vom VfL Wolfsburg im SPORTBUZZER-Interview. © imago/regios24
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Gegen RB Leipzig könnte Admir Mehmedi nach überwundenen Wadenproblemen wieder für den VfL Wolfsburg auf dem Platz stehen. Vor der Partie am Samstag spricht er im SPORTBUZZER-Interview über den Stellenwert einer guten Ausbildung fernab des Fußballs, er erzählt von ausbleibenden Stromrechnungen in Kiew und erklärt sein fehlendes Balkan-Temperament.

Admir Mehmedi kommt gestärkt zum Gespräch mit dem SPORTBUZZER. Nicht nur wegen des Mittagessens beim VfL Wolfsburg kurz zuvor, sondern weil er in der ersten Trainingseinheit des Tages wieder voll dabei war, später folgt noch eine zweite. Die Wadenprobleme, die ihm in den vergangenen Wochen immer mal wieder Probleme bereiteten, sind ausgestanden. „Ich bin gut dabei – wenn es so bleibt, sieht es gegen Leipzig gut aus“, meldet sich der Offensivspieler vor dem Spiel gegen RB am Samstag (15.30 Uhr) fit. „Und wenn ich fit bin, würde ich auch gern spielen...“

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Herr Mehmedi, Sie sind im heutigen Mazedonien geboren, Ihre Herkunft ist albanisch, Sie spielen aber für die Schweizer Nationalmannschaft. Klingt kompliziert.

Für die, die sich nicht auskennen, kann das kompliziert erscheinen. Es gibt in Mazedonien albanisch-stämmige Menschen, es gibt die Mazedonier und ein paar wenige Türken. Ich fühle mich als Albaner aus Mazedonien. Und dann gibt es noch die Albaner aus dem Kosovo und die Albaner aus Albanien.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit in Mazedonien?

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Nein. Meine Erinnerungen beginnen erst mit der Zeit im Tessin, der italienischsprachigen Schweiz, in die wir ausgewandert sind, als ich zwei war.

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17. Spieltag: FC Augsburg (23.12., 15.30 Uhr, (A)) ©

Sie sprechen also Albanisch, Italienisch, Deutsch…

...Englisch und Französisch, weil es dem Italienischen sehr ähnelt – und ich es dann in der Schule gelernt habe, als wir in den deutschsprachigen Teil der Schweiz nach Winterthur gezogen sind. Mein Vater hatte dort ein Restaurant. Da war ich zehn.

Sie mussten sich immer wieder integrieren. Wie groß war die Hilfestellung durch den Fußball?

Ich hatte fast ausschließlich Freunde aus dem Fußball. Anfangs konnte ich in Winterthur ja auch die Sprache nicht – und Fußball verbindet, das ist einfach so. Meinem Vater hat das damals aber gar nicht so gut gefallen, dass ich so viel Fußball gespielt habe.

Wieso nicht?

Ihn hat Fußball weniger interessiert, er wollte immer, dass ich eine gute Ausbildung genieße. Aber als ich 15 war, hat er schon gemerkt: Aus dem Admir könnte was werden. Von dem Moment an hat er mich voll unterstützt, aber vorher hieß es immer nur: Schule, Schule, Schule.

Sie landeten dann auf dem Sportinternat des FC Zürich, absolvierten im Klub später auch eine kaufmännische Ausbildung.

Man weiß nie, wie es im Fußball läuft. Wenn man zum Beispiel im Alter von 15, 16, 17 Jahren eine schwere Verletzung erleidet, kann es schnell vorbei sein. Manchmal sind es ja auch nur Nuancen, von denen es abhängt, ob man es im Profifußball wirklich schafft oder nicht. Und ich wollte ein zweites Standbein haben, damit ich im schlechtesten Fall nicht auf der Straße stehe. Das ist auch heute immer noch mein Ratschlag an die Jugendlichen.


Wird der Weg in den Nachwuchsleistungszentren zu starr, zu alternativlos vorgegeben?

Man muss realistisch sein, in jedem Jahrgang schafft es vielleicht einer, maximal zwei. Ich denke, das ist der Durchschnitt. Aber sehr viele junge Spieler setzen nur auf die Karte Profifußball. Und da gilt es, vorsichtiger zu sein und dafür zu sorgen, dass man etwas anderes sicher hat – aber das muss auch von den Eltern kommen, finde ich. Ich bin so erzogen worden, dass ich nebenbei eine Alternative sicher haben wollte.

Admir Mehmedi (rechts) im Gespräch mit SPORTBUZZER-Redakteur Tim Lüddecke.
Admir Mehmedi (rechts) im Gespräch mit SPORTBUZZER-Redakteur Tim Lüddecke. ©

Wo sehen Sie die Gefahr?

Es so weit zu bringen, dass man nach der Karriere nicht mehr arbeiten muss, dafür muss man schon ein sehr, sehr guter Fußballer sein. Wenn man heute zum Beispiel 15 Jahre in der 2. Liga spielt, muss man – da lehne ich mich mal aus dem Fenster – nach der Karriere auch noch etwas machen. Ich glaube nicht, dass man sich dann auf die faule Haut legen kann.

Apropos verdienen: Mit 20 folgte Ihr nächster Umzug; in die Ukraine zu Dynamo Kiew.

Ich hatte damals bereits dreieinhalb Jahre Profifußball gespielt in Zürich, bin Meister und Vize-Meister geworden. Da war die tolle U21-EM 2011 in Dänemark, wo ich zum zweitbesten Spieler hinter Juan Mata gewählt wurde. Es gab auch Interessenten aus der Bundesliga, aber ich habe mich damals für diesen schwierigen Weg entschieden. Natürlich habe ich bei Dynamo Kiew auch einen guten Vertrag bekommen, da muss man ehrlich sein. Ich habe den Klub als Topadresse gesehen, der Champions-League-Ambitionen hatte. Ich würde es wieder so tun.

Was das damals eine andere Welt?

Das kann man gar nicht vergleichen. Die Sprache und die Schrift haben mir zu schaffen gemacht. Die wenigsten Leute können Englisch. Es war eine brutale Umstellung für mich, aber auch eine super Lebenserfahrung.

Was war noch anders als hier?

Man musste wirklich nur Fußball spielen, alles andere wurde dir abgenommen. Ich hatte einen Privatchauffeur, musste nicht mal die Stromrechnung bezahlen, man hat sowieso fast keine Briefe nach Hause bekommen und auch die Wohnung hat der Verein übernommen. Es war teilweise wie im Film.

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Wolfsburgs Legende Roy Präger liegt mit 24 VfL-Bundesliga-Toren auf Platz 11. ©

Aber…?

...als Schweizer Nationalspieler in der Ukraine war ich vom Radar verschwunden. Ich habe schnell gemerkt: Ich bin in einem Alter, in dem ich im Schaufenster stehen muss. Man sollte sehen, wie ich mich entwickle. Deswegen bin ich dann nach Freiburg. Im Nachhinein war das mit Abstand der wichtigste Schritt in meiner Karriere.

Warum?

Weil ich dort zu einem super Spieler gereift bin. Ich habe mich damals in der Schweiz mit Christian Streich getroffen und dachte: Er und ich, wir passen einfach zusammen. Er hat mich so genommen, wie ich bin, hat akzeptiert, dass er den Admir nicht formen muss, sondern dass ich eine gewisse Spielweise habe – und die hat er in die Mannschaft reingebracht. Fachlich wie auch menschlich war Streich einer der besten Trainer, denen ich begegnet bin.

Über Leverkusen sind Sie beim VfL gelandet. Sie sind nun 27 Jahre alt, im besten Fußballalter – ist es die richtige Station zum richtigen Zeitpunkt?

Definitiv. Mittelfristig wollen wir uns stabilisieren und langfristig wollen wir wieder angreifen. Wir haben hier eine sehr talentierte junge Mannschaft. Ich helfe den Jungs gern, sie können jederzeit auf mich zukommen. Ich gebe das rein, was ich erlebt habe. Ich bin sehr umgänglich mit Menschen. Und es macht Spaß, zu beobachten, wie sich Spieler wie etwa Elvis Rexhbecaj entwickeln.

Woher kommt diese Umgänglichkeit?

Ich bin eben nicht der Lautsprecher oder packe im Spiel zehn Grätschen aus. So bin ich einfach von Natur aus nicht. Dieses Balkan-Temperament habe ich nicht in mir. Ich bin eher der ruhige Schweizer.

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Wann werden Sie denn mal böse?

(überlegt) Da müssten Sie lange recherchieren. (lacht) Ich kann gar nicht böse sein, ich kann mich nicht mal an einen Streit mit meiner Ehefrau erinnern, obwohl wir schon sehr lange zusammen sind.

Wie oft fliegen noch in Ihre mazedonische Heimat?

Einmal im Jahr versuche ich es.

Sie haben dort einer Familie in einem Dorf ein Haus bauen lassen – um etwas zurückzugeben?

Die Geschichte sollte eigentlich nicht an die Öffentlichkeit. Leider hat ein Reporterteam aus Mazedonien in dem armen Viertel recherchiert – und dann sind sie auf dieses Haus gestoßen, das anders aussah als alle anderen. Als Elfjähriger habe ich damals einer Bekannten meines Vaters, die sehr arm war, gesagt, dass ich, wenn ich Profifußballer bin und gut verdiene, ihrer Familie ein Haus bauen will. Nach 15 Jahren habe ich dieses Versprechen dann eingelöst.

Was werden Sie, der immer einen Blick darauf hatte, nach der Karriere machen?

Im Moment kann ich mir alles vorstellen, sei es Sportdirektor, sei es Jugendtrainer, sei es Cheftrainer. Vielleicht habe ich in 15 Jahren mit meiner Frau aber auch ein schönes Haus in der Schweiz, am besten mit drei, vier Kindern – und gar nichts mit Fußball zu tun.

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