29. April 2021 / 14:26 Uhr

Wolfsburgs Nachwuchs-Chef Thiam: Durch Corona gehen uns keine Talente flöten

Wolfsburgs Nachwuchs-Chef Thiam: Durch Corona gehen uns keine Talente flöten

Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Sprach unter anderem über die Zukunft der U23: Pablo Thiam, Sportlicher Leiter des Nachwuchses des VfL Wolfsburg.
Sprach unter anderem über die Zukunft der U23: Pablo Thiam, Sportlicher Leiter des Nachwuchses des VfL Wolfsburg. © Imago Images
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Die Regionalliga-Saison wurde Corona-bedingt abgebrochen, Wolfsburgs U23 wäre als Tabellenneunter eigentlich in die Abstiegsrunde gekommen. Doch Absteiger gibt's erneut nicht. Pablo Thiam, Sportlicher Leiter des VfL-Nachwuchses, blickt im Interview zurück, aber vor allem nach vorn.

Aufregende Monate voller Ungewissheit liegen hinter Pablo Thiam, dem Sportlichen Leiter des VfL-Nachwuchses. Doch nun herrscht Klarheit: Die Saison in der Fußball-Regionalliga wurde ebenso abgebrochen wie die Bundesliga-Spielzeit bei den A- und B-Junioren - Absteiger gibt es keine. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 47-Jährige über die Entscheidungen der Verbände, die Zukunft der U23 und darüber, ob die Corona-Krise dafür sorgt, dass den Wolfsburgern große Talente durch die Lappen gehen.

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Herr Thiam, wie froh sind Sie, dass endlich Klarheit über die Regionalliga Nord herrscht?
Ich bin froh, dass es jetzt eine Entscheidung und damit auch Planungssicherheit für die Vereine gibt. Umso mehr können wir uns bis zum Abschluss der Saison um die Spieler kümmern und weiter mit ihnen trainieren.

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Diese Ungewissheit hat bestimmt für die eine oder andere schlaflose Nacht gesorgt…
Nein, gar nicht. Es hat mir eher leidgetan für die Jungs, die immer in Lauerstellung waren, ob gespielt wird oder nicht. Das war eine Frage der inneren Anspannung. Es gibt Spieler, die sich jeden Tag super motivieren können, aber es gibt auch Jungs – und das ist ganz normal – die ein Ziel vor Augen brauchen. Es war ärgerlich, dass ich ihnen keine Rückmeldung geben konnte.

Eine Rückmeldung, ob und wie es weitergeht, meinen Sie?
Ja. Man darf nicht vergessen, die Spieler haben ein Jahr verloren. Sie konnten nicht vernünftig trainieren, hatten immer wieder Unterbrechungen, aber auch Verletzungen. Dafür konnte niemand was. Wir mussten einen Weg finden, wie wir damit umgehen. Die Priorität liegt bei allen Nachwuchstrainern darauf, so viele Trainingseinheiten wie möglich zu haben, um jeden Einzelnen nach vorn zu bringen. Das haben die Trainer geschafft, damit bin ich zufrieden.

Wie groß ist der Einfluss von Corona denn genau auf die Entwicklung der Talente?
Man muss da unterscheiden. Je weiter man in den Altersstufen runtergeht, desto eher kann man das kompensieren. Bei Spielern im Alter von 14 oder 15 Jahren ist es nicht ganz so gravierend, wenn sie mal ein halbes Jahr pausieren. Aber in der U17, besonders in der U19, wo die Spieler auf dem Weg in den Herrenbereich sind, wird es lange dauern, das verlorene Jahr wieder aufzuholen. Selbst unter normalen Umständen brauchen Spieler nach dem Sprung in die U23 ein halbes bis ganzes Jahr, um anzukommen. Jetzt kommen diese Jungs ohne Spielpraxis hoch – das ist nicht so leicht zu kompensieren. Daher werden wir so lange wie möglich in den Sommer rein trainieren, um so viel wie möglich aufzuholen.

Da gehen dem VfL doch sicherlich auch einige Talente durch die Lappen...
Das muss nicht sein. Was ich weiß, ist, dass vielen jungen Menschen die Lust am Fußball vergangen sein könnte. Vor allem im Breitensport wird sich der eine oder andere Jugendliche wahrscheinlich anderen Dingen widmen. Für den VfL kann ich das nicht sagen. Die Spieler im Leistungszentrum haben seit sie 13 oder 14 Jahre alt sind ein Ziel. Wir haben sie bei Laune gehalten, uns intensiv um sie gekümmert. Es gab Online-Zusammenkünfte, Challenges, Läufe gegeneinander auf Zeit. Stand heute, ist beim VfL keiner dabei, der gesagt hat, er hat keine Lust mehr auf Fußball.


Langfristig gesehen kann der Mitgliederschwund im Fußball aber auch große Folgen für die Sportart und dann auch für den VfL haben, oder?
Ich denke, es wird fünf bis zehn Prozent an Fußballern geben, die sich abwenden. Für den VfL, glaube ich, wird das keine großen Auswirkungen haben, da wir im Spitzensport eine so genannte Elite bilden. Vielleicht wird man weniger von außen rekrutieren. Die Mannschaftsstärken aber werden sich kaum verändern.

Also würden Sie nicht sagen, dass der Fußball an Attraktivität verloren hat?
Für unsere Jungs nicht – im Gegenteil. Diejenigen, die drei, vier Monate kein Fußball spielen konnten, waren froh, wieder hier zu sein. Die Trainer haben berichtet, dass die Spieler permanent angerufen und gefragt haben, wann es wieder losgeht.

Die U19 war in ihrer Staffel Letzter, die U17 und die U23 jeweils Neunter (in der Regionalliga hätte das die Abstiegsrunde bedeutet). Aber es gibt keine Absteiger. Ist das aus VfL-Sicht die beste Nachricht?
Nein, gar nicht. Ich habe die Spiele gesehen, die wir gemacht haben – und die waren gut. Wir hätten weitergespielt, wenn es möglich gewesen wäre. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unsere Punkte geholt hätten. Wir sind mit vier, fünf U19-Spielern angetreten. Wir wollen die Spieler entwickeln, daher hätten die Spiele den Jungs einiges gebracht. Wenn wir das weiter forcieren, bin ich mir sicher, dass wir den einen oder anderen Spieler zu den Profis bekommen.

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Die Trikot-Galerie in der VfL-Akademie Zur Galerie
Die Trikot-Galerie in der VfL-Akademie ©

Was denken Sie, wird die neue Saison pünktlich starten?
Das wissen wir nicht, es fehlen noch Informationen. Seitens des DFB gibt‘s für die U17 und U19 einen angedachten Start-Termin am 7./8. August. Wenn das bestätigt wird, werden wir unsere Vorbereitung planen. Was die U23 angeht, gibt‘s noch kein Feedback vom Verband.

Es soll sogar die Überlegungen gegeben haben, die U23 komplett vom Spielbetrieb abzumelden...
Davon weiß ich nichts. Bisher sind wir in Wolfsburg einen sehr guten Weg mit einer U23-Mannschaft gegangen.

Wären die Überlegungen konkreter geworden, wenn die zweite Mannschaft in die Oberliga abgestiegen wäre?
Darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Natürlich kann es immer mal passieren, dass eine Mannschaft absteigt. So war es beim VfB Stuttgart II jüngst auch, dann sind sie wieder aufgestiegen. Bisher mussten wir uns darüber nie Gedanken machen.

Also gehen Sie davon aus, dass die U23 auch in der neuen Saison in der Regionalliga startet?
Nach den Entscheidungen, die uns vom Verband mitgeteilt wurden, also dass es keine Absteiger geben wird, sind wir ja weiterhin Bestandteil der Regionalliga Nord. Wir planen demnach fest für die nächste Saison.

Wie sieht der Kader denn für die neue Saison aus?
Da kann ich noch gar nichts zu sagen. Wir warten auf die Terminierungen. Die Jungs trainieren und bestreiten Testspiele. Wir wollen ihnen noch Zeit geben, sich zu präsentieren. Daher zieht sich alles etwas nach hinten. Wir haben da auch keinen Druck. Und alle Spieler, die uns verlassen, werden wir weiter unterstützen, damit sie unterkommen. Natürlich ist es erfreulich, dass wir mit Julian Justvan, Anton Stach und Omar Marmoush einige Jungs in die 2. Liga abgegeben haben. Diese Überflieger, die wir alle gern hätten, die am besten von der U17 zu den Profis durchstarten, haben wir noch nicht. Die gibt es aber auch nur sehr selten.

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Zuletzt haben es nur sehr wenige eigene Talente beim VfL in den Profi-Bereich geschafft…
Es gibt mehrere Wege. Wenn ich sehe, wie viel Einsatzzeit Justvan, Stach und Marmoush in der 2. Liga bekommen, zeigt es, dass sie beim VfL viel mitgenommen haben. Das kann nur ein Zwischenschritt sein. Ich habe so einen Zwischenschritt selbst gemacht. Natürlich ist das primäre Ziel für uns, die Spieler beim VfL in den Profibereich zu bekommen.

Einer, der ab Sommer nicht mehr dabei ist, weil er seine Karriere beendet, ist Julian Klamt. War für den Verein schnell klar, dass es für ihn keine weitere aktive Saison gibt?
Mit Julian ist seit Jahren besprochen, dass wir ihn im Verein einbinden, wenn er seine aktive Karriere beendet. Wir haben besprochen, wie er das Ganze angeht. Er wird sich einiges anschauen, in verschiedene Bereiche reinschnuppern. Jetzt muss er erst mal den Übergang vom Spieler-Leben ins „normale“ Leben schaffen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nicht von heute auf morgen geht. Die Zeit müssen wir ihm geben. Er wird Fortbildungen und den Trainerschein machen. Was ich sagen kann, ist, er war von Anfang Wortführer und ein Vorbild für die Jungs. Er ist charakterlich einwandfrei und hat sich immer bewusst dafür entschieden, beim VfL zu bleiben, selbst wenn damals die 3. oder auch mal die 2. Liga angeklopft hat. Ich hätte ihm natürlich einen anderen Abschied gewünscht, aber er wird seinen Weg gehen.