02. Dezember 2020 / 14:30 Uhr

Wolfsburgs Phil Hungerecker: Er spielt NHL mit möglichem neuen NHL-Star 

Wolfsburgs Phil Hungerecker: Er spielt NHL mit möglichem neuen NHL-Star 

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Phil Hungerecker von den Grizzlys Wolfsburg - Tim Stützle
Zwei Kumpels auf getrennten Wegen: Wolfsburgs Zugang Phil Hungerecker (r.) und der von Ottawa gedraftete, als zukünftiger NHL-Superstar gehandelte Tim Stützle (l.). © City-Press GmbH/Grizzlys Wolfsburg, Penny DEL/City-Press GmbH
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Potenzial, aber nicht in der besten Phase: Er war eine typische Verpflichtung des Eishockey-Erstligisten Grizzlys Wolfsburg. Er ist ein guter Typ, soll wieder ein Top-Stürmer werden. Und: Sturmzugang Phil Hungerecker eine besondere Beziehung zu einem möglichen zukünftigen NHL-Star - dem als neuen Draisaitl gehandelten Tim Stützle.  

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Mal wieder Mit Phil Hungerecker, der aus Adendorf stammt, verpflichteten die Grizzlys erstmals seit Keeper Jan Münster wieder einen Niedersachsen von einem anderen Klub. Steven Raabe hatte ja schon für den eigenen Nachwuchs gespielt. Hungerecker - ein Profi, über den man viel erzählen kann. Im Nachwuchs bei vielen Klubs, Durchbruch in Kassel, Rookie des Jahres in der DEL 2018. Ein Jahr später deutscher Meister mit den Adlern Mannheim, Nationalspieler geworden. Doch das Bemerkenswerteste ist vielleicht: die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Letzteres führte zur Freundschaft mit Tim Stützle. Mannheims Jungstar (aktuell verletzt) wurde im Sommer von den Ottawa Senators an Position 3 für die NHL gedraftet, die höchste Position, die je ein deutscher Spieler dort hatte, die gleiche wie vor ihm Leon Draisaitl, inzwischen Superstar. Stützle wird in der NHL spielen, mit Hungerecker spielt er NHL. Auf der Konsole versteht sich. Im Koop-Modus.

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Die Neuen der Grizzlys Wolfsburg

Phillip Bruggisser. Abwehrspieler. Scharfschütze. Zuvor in Krefeld. Zur Galerie
Phillip Bruggisser. Abwehrspieler. Scharfschütze. Zuvor in Krefeld. © Grizzlys Wolfsburg / City-Press GmbH

Hungerecker und Stützle sind dicke Freunde. Und das kam so: "Als ich nach Mannheim kam, kannte ich da keinen Spieler. Routinier Marcus Kink hat mich unterstützt, hat auf mich aufgepasst, viel mit mir unternommen. Ich fand, das war nicht selbstverständlich. Das hat mir beim Start natürlich sehr geholfen." Und auch andere Akteure kümmerten sich um den Youngster. "Bei David Wolf habe ich zweimal Weihnachten verbracht, als ich nicht heim konnte." 2017 stieß der Rheinländer Stützle zu den Adlern, rückte schnell immer näher an den Profi-Kader heran. "Er wohnte im Haus unter mir. Ich wusste ja noch, wie es für mich als Neuzugang gelaufen ist, ich habe mich um ihn gekümmert, wir sind essen gegangen, ich habe versucht, ihm die Eingewöhnung zu erleichtern, später waren wir fast 24/7 zusammen." Inzwischen sind beide Familien miteinander befreundet. Das wird bleiben - auch wenn sich die Wege der Profis nun getrennt haben.

"Kein Jahr, an dem ich mich messen würde"

Womit wir bei beim Punkt Selbstkritik wären. Nach seinem Superjahr lief es auch im zweiten Jahr noch ordentlich. Im dritten nicht. In Mannheims Superkader vielleicht nicht ungewöhnlich. Für Hungerecker aber weder ein Grund, sich damit zufrieden zu geben, noch Ausreden zu suchen. Er sagt: "Letztes Jahr war persönlich eines meiner schlechtesten Jahre. Klar, da spielen NHL-Akteure, Olympia-Silbergewinner. Trotzdem, das war nicht ein Jahr an dem ich mich messen würde. Ich möchte mir und den Leuten zeigen, dass ich besser sein kann, weiß, dass ich wieder an mein erstes Jahr anknüpfen kann. Ich möchte zum Teamerfolg meinen Teil beitragen, der größer ist als meiner im letzten Jahr in Mannheim."

Hungerecker ließ sich von Wolfsburg überzeugen. Die familiäre Nähe gab nicht den Ausschlag, aber er genoss sie natürlich. Sein Bruder Leon spielt in Kassel, war in der Sommervorbereitung in Wolfsburg dabei. In die Heimat Adendorf ist es nicht weit. Im Sommer war er endlich mal wieder länger als eine Woche daheim - „das war einerseits komisch, weil ungewohnt, aber auch schön, mal die ganzen Freunde ohne Terminkalender treffen zu können Draußen, mit Abstand, Lagerfeuer, das haben wir oft gemacht, da habe ich meinen Akku wieder aufgeladen.“

Bei den Hungereckers steht die ganze Familie hinter Eishockey. "Aber es gibt schon auch andere Themen", so der Neu-Wolfsburger mit einem Schmunzeln. Man sollte es kaum glauben, angesichts insgesamt drei Sprösslingen, die dem Puck hinterherjagen. Die ältere Schwester Pia spielt für den Adendorfer EC. Phil spielte in Adendorf, dann im Schüleralter auch für die Hannover Indians, war als Nachwuchsspieler für Iserlohn und in Dortmund im Einsatz, für die Herren in Adendorf, dann in der 3. Liga für die Hannover Scorpions.

Immer wieder Hannover, das passte, denn ein Großeltern-Paar - bei solchen Enkeln längst Fans - wohnt in Isernhagen bei Hannover. Und bei den Scorpions stand seine Karriere vor gut vier Jahren am Scheideweg. Sie wollten ihn länger binden, "mir nach dem Fachabi das Studium finanzieren. Meinen Elten war es wichtig, dass ich zwei Standbeine habe, mir eigentlich auch." Aber da war auch ein Angebot von Zweitligist Kassel. "Ich habe es probiert, denke es war die richtige Entscheidung. Hätte es nicht geklappt, wäre ich zurückgekehrt." Aber er fühlte sich wohl, hatte Blut geleckt und stellte fest: "Wie cool ist denn das? Ich kann noch zehn, 15 Jahre lang dieses geile Hobby als Beruf ausüben." Nach einem starken Jahr in Kassel griff Mannheim zu.

Diesmal ist er nicht fremd

Wolfsburg "ist ein Restart", sagt er. Fremd ist er diesmal nicht, er kennt etliche Akteure, hat mit Garrett Festerling und Chet Pickard in Mannheim gespielt, der ebenfalls zu dieser Saison nach Wolfsburg gewechselte Janik Möser war in Mannheim auswärts sein Zimmergenosse. Hungereckers Einschätzung: "Wir haben einen starken, tiefen Kader. Die Grizzlys waren für mich aus der Ferne gesehen immer eine Mannschaft, die für einen Platz unter den Top Sechs gut ist. Und da wollen wir wieder hin."

Phil Hungerecker in Kürze

  • Position: Stürmer
  • Rückennummer: 94
  • Nationalität: D
  • Schusshand: links
  • Geburtsdatum: 3. August 94
  • Geburtsort: Lüneburg
  • Größe: 1,84 m
  • Gewicht: 88 kg
  • Familie: Sein jüngerer Bruder Leon ist Torwart bei Zweitligist Kassel Huskies, seine älter Schwester Pia spielt für den Adendorfer EC.
  • DEL-Spiele: 157
  • DEL-Tore: 35
  • DEL-Vorlagen: 26
  • A-Länderspiele: 5
  • Stationen: Hannover Indians, Iserlohner EC, EHC Dortmund, Adendorfer EC Hannover Scorpions, Kassel Huskies, Adler Mannheim.