03. April 2020 / 19:44 Uhr

"Wolle" Fett - der schwarz-weiße Überzeugungstäter

"Wolle" Fett - der schwarz-weiße Überzeugungstäter

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Platzwart Wolfgang Fett genießt beim TuS SW Enzen besondere Wertschätzung.
Wolfgang Fett ist Platzwart beim TuS SW Enzen und für den Verein nicht nur deshalb schwer zu ersetzen. © Jörg Bressem
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Als Urgestein des TuS SW Enzen erfreut sich Wolfgang Fett in seinem "Wohlfühlverein" großer Wertschätzung und hat eigentlich nur zwei offene Baustellen.

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Es gibt verschiedene Methoden, mit der aktuellen Krise umzugehen. Die von Wolfgang Fett hört sich so an: „Ich bin überzeugt, dass die Menschen soziale Kontakte wie Freundschaft, Gemeinschaft oder Vertrauen wieder mehr zu schätzen wissen. “ Typisch positive Gedanken des allseits beliebten „Wolle“, dem das Miteinander so wichtig ist.

Der Platzwart des TuS Schwarz-Weiß Enzen steht auf der menschlichen Seite des Lebens, ist ein restlos sympathischer, liebenswerter und offener Mann, der bereit ist, uns im Gespräch auch sehr persönliche Aspekte zu verraten. Dazu gehört ganz sicher auch seine Erkrankung. 2018 wurde bei ihm Krebs in der Brustgegend diagnostiziert – ein Schock, auch für seine Familie. Er wurde behandelt, musste Chemotherapien ertragen, ging aber selbst in dieser Zeit seinen Aufgaben im Verein nach. „Ich hatte echte Freunde, die mir halfen“, sagt er voller Stolz. „Das ist nicht selbstverständlich.“

Wolfgang Fett gilt heute als vollständig geheilt, weil aber sein Immunsystem noch nicht vollständig wiederhergestellt ist, setzt er sich vorsichtshalber erhöhter Ansteckungsgefahr bei der Arbeit noch nicht aus. Der 60-Jährige überprüft in Seelze bei der Bahn Waggons auf Sicherheit, bevor sie auf die Schiene kommen. „Dass ich mich auf meinen Ruhestand in einigen Jahren freue, liegt wohl auch an meiner überstandenen Krankheit“, sagt er. „Es fällt mir seitdem leichter, wichtig und unwichtig zu unterscheiden.“

In der Schule nahm alles seinen Lauf, "es gefiel mir dort sehr gut"

Unwichtig ist ihm zum Beispiel, dass er gar nicht in Enzen lebt, obwohl er im Verein vielleicht so tief verwurzelt ist wie kein ein anderer. Wolfgang Fett wohnt in Stadthagen und kam durch puren Zufall zum TuS. Eigentlich stammt er nämlich aus Brunsbüttel. Als sein Vater, der ebenfalls Bahner war, nach Stadthagen versetzt wurde und er sich in der unbekannten Schule neben Bernd Dollweber setzte, nahm das Schicksal seinen Lauf. „Ich spiele Fußball in Enzen, gleich nebenan“, erzählte ihm sein neuer Freund. „Komm doch mal mit.“ „Wolle“ kam mit, und blieb für immer. „Es gefiel mir sofort sehr gut“, erinnert er sich. Mittlerweile ist er seit 45 Jahren im Verein, spielte zuerst in der B- und A-Jugend, später in der zweiten und dritten Herrenmannschaft, ehe ihn ein Meniskus-Schaden sportlich ausbremste.

Fortan war er der zuverlässige Betreuer, zuerst bei der Dritten, später bei den Altherrenmannschaften. Zum Platzwart wurde er erst 2016, als es der TuS SW Enzen mit Bildern einer merkwürdigen Linienführung um die Pfosten herum bundesweit zu einer gewissen Berühmtheit brachte. Der gradlinige Fett übernahm, seitdem läuft es.

Doch was treibt ihn an, was motiviert ihn zu einem derart langen freiwilligen Engagement? „Meine Ämter waren mir im wahrsten Wortsinn immer eine Ehre“, erklärt er. Freundschaften, Gemeinschaft und auch Geselligkeit seien ihm halt sehr wichtig. Die ehemalige dritte Mannschaft fahre mit dem 71-jährigen Theo de Graaf als ältestem Mitreisenden zum Beispiel schon seit 13 Jahren in den Süden, und das jährliche Grünkohlessen steht zum 26. Mal an. Oft war Wolfgang Fett der Initiator. Beide Termine fallen aktuell erstmals aus. „Ich freue mich, wenn alle beisammen sind“, sagt er.

Solche Leute wünscht sich mancher Verein, von ihnen lebt er. Wie sehr seine Tatkraft in Enzen wertgeschätzt wird, zeigte sich im letzten Jahr, als er im Sportheim seinen 60. Geburtstag feierte. Man habe eine klitzekleine Überraschung für ihn, hieß es. Ein Gratulant nach dem anderem tauchte auf, das Sportheim füllte sich zusehends. „Wolle“ fürchtete einen Biernotstand, ehe es erst richtig losging: Plötzlich stand Matze Knoop, der TV-Spaßvogel und Imitator mit erstzunehmendem Fußball-Sachverstand, in der Tür. „Ich dachte zuerst, der sieht ja aus wie Matze Knoop, ehe ich begriff, dass er es tatsächlich ist“, erinnert sich Wolle. Natürlich verstanden sich die beiden sonnigen Gemüter auf Anhieb perfekt.

„Mir wurden schon Häuser im Ort angeboten“

„Der TuS SW Enzen ist halt ein Wohlfühlverein“, schwärmt Fett. Wenn er über all das berichtet, gerät seine Familie fast in Vergessenheit, obwohl sie ihm doch so wichtig ist. Ehefrau Birgit zeigte immer Verständnis für seine Vereinsleidenschaft. „Die ist genauso verrückt wie ich“, behauptet er. Mit Sarah (30) und Julia (23) gibt es zwei Töchter, und mit dem kleinen Marcel mittlerweile sogar ein erstes Enkelkind. „Wenn er bei uns ist, bin ich abgemeldet“, erzählt Wolfgang Fett. Samt der beiden Schwiegersöhne fuhr die Familie sogar mal gemeinsam in den Urlaub. Krankheit erfolgreich überstanden, Familie intakt, perfekt in der Enzer Gemeinschaft eingebettet – eigentlich scheint im Leben von Wolfgang Fett alles in Ordnung zu sein.

Zwei Angelegenheiten bleiben außerhalb der Corona-Krise aber ungelöst: Der ewige Unruheherd und Problemfall Hamburger SV, für den sein Herz seit Jugendzeiten schlägt, und die Tatsache, dass er, der schwarz-weiße Überzeugungstäter, nicht in Enzen wohnt. „Mir wurden schon Häuser im Ort angeboten“, berichtet er. „Aber es bleibt dabei: Ich komme aus Stadthagen herüber. Solange es geht.“