31. März 2021 / 15:06 Uhr

Wurzeln im Muldental: Rostocks Trainer Jens Härtel will mit Hansa aufsteigen

Wurzeln im Muldental: Rostocks Trainer Jens Härtel will mit Hansa aufsteigen

Robin Seidler
Leipziger Volkszeitung
Hansa-Rostock-Trainer Jens Härtel gastiert mit seiner Truppe am kommenden Sonntag in Dresden.
Hansa-Rostock-Trainer Jens Härtel gastiert mit seiner Truppe am kommenden Sonntag in Dresden. © imago images/Fotostand
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Es ist das Spitzenspiel der 3. Liga: Am Sonntag geht es zwischen Rostock und Dynamo um die Wurst. Gästetrainer Jens Härtel startete seine fußballerische Laufbahn einst in Großbothen auf dem alten Sportplatz an der Kirche

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Großbothen. Obwohl die Fußballer der 3. Liga am vergangenen Wochenende aufgrund der Länderspiele größtenteils Pause hatten, ist Jens Härtel mit dem FC Hansa Rostock auf dem Rasen gewesen. Eine Woche vor dem Topspiel bei der SG Dynamo Dresden schob der Hansa-Coach, der seine Wurzeln in Großbothen hat, ein Testspiel gegen den VfB Lübeck ein. Die Partie endete 3:0 für Hansa. „Ich wollte vor allem einige Jungs einsetzen, die zuletzt nicht so viel Spielzeit erhalten haben“, sagt der 51-jährige Sachse, der seit Januar 2019 in Rostock auf der Bank sitzt und nun auf dem besten Weg zum Aufstieg in die 2. Bundesliga ist.

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„Wir alle wollen raus aus dieser Zeit“

„Es ist noch ein ganzes Stück Arbeit. Aber wenn wir einmal auf einem der Aufstiegsplätze stehen, wollen wir dort natürlich auch bleiben“, sagt er. „Aber anhand des SV Wehen Wiesbaden sieht man, dass man mit drei Niederlagen am Stück auch schnell raus aus dem Aufstiegsrennen sein kann.“ Mit dem 1:0-Heimsieg gegen den Halleschen FC haben sich die Rostocker zuletzt in eine gute Ausgangsposition gebracht. Die Partie fand bundesweite Beachtung, da sie das erste Pflichtspiel im deutschen Profi-Fußball war, die seit dem Herbst wieder mit Zuschauern ausgetragen wurde. „Die 700 Fans habe ich beim Torjubel natürlich gemerkt, und es hat sich viel besser angefühlt als ohne Publikum“, sagt Jens Härtel. Seine Trainertipps während des Spiels konnten die Akteure seiner Mannschaft noch gut verstehen. „Als wir im Herbst vor 7500 Zuschauern gespielt haben, war das schwieriger.“

Härtel hofft, dass es nicht das einzige Heimspiel seiner Mannschaft in diesem Frühjahr gewesen ist, das vor Publikum stattfindet – wenngleich die Inzidenzzahlen auch in Rostock wieder leicht ansteigen. „Ich habe da sogar große Hoffnung. Wir alle wollen raus aus dieser Zeit, auch die Theater und Kinos“, sagt er. „Wenn wir da als ein Pilotprojekt dienen können, begrüße ich das, zumal ja alle Besucher vorher getestet werden.“ Sein Team muss sich zweimal pro Woche testen lassen. Nach Ostern sollen die Tests noch ausgeweitet werden, wenn die Saison auf die Zielgeraden geht.

„Schön, mal wieder eine Stimme aus der Heimat zu hören“

Dass in Rostock die Inzidenzzahlen vergleichsweise niedrig sind, liegt für Härtel nicht nur am engagierten Oberbürgermeister, Claus Ruhe Madsen, und dem Ostseewind, sondern vor allem an der Mentalität der Menschen im Norden. „Die Leute hier gehen etwas distanzierter miteinander um. Da gibt es zur Begrüßung kaum Umarmungen oder Küsschen.“ Diese für ihn angenehme Zurückhaltung merkt er auch während des sportlichen Höhenflugs in Mecklenburg-Vorpommern. „Wenn ich in Warnemünde am Strand spazieren gehe, kommt von den Passanten mal ein nettes ‚Hallo‘, mehr aber auch nicht.“ Mit seiner Art passe er da sehr gut hin, sagt er.

Jens Härtel, damals Kapitän des FC Sachsen Leipzig, feiert 2011 ein Tor mit Almir Filipovic.
Jens Härtel, damals Kapitän des FC Sachsen Leipzig, feiert ein Tor mit Almir Filipovic. © Klaus-Dieter Gloger

Dass Härtels eindrucksvolle Serie mit der Hansa-Kogge auch in Sachsen registriert wird, freut ihn. „Und es ist schön, mal wieder eine Stimme aus der Heimat zu hören“, scherzte er beim Telefonat mit dem Reporter. Die Kontakte nach Großbothen sind nie abgerissen. „Meine Mutter Ingeborg wohnt noch dort, außerdem meine Schwiegereltern.“ Kurz vor Weihnachten war er zuletzt im Muldental. „Der Spielplan in der 3. Liga ist eng getaktet, da ist es mitten in der Saison meist schwierig.“ Selbst in der Länderspielpause ist Härtel in Rostock geblieben. „In der vergangenen Woche haben wir noch zwei harte Trainingstage gehabt.“

„Geduscht und umgezogen haben wir uns im Schamottewerk“

Geboren ist Jens Härtel 1969 im mittelsächsischen Rochlitz. „Weil meine Mutter dort gearbeitet hat und dort die Ärztin ihres Vertrauens hatte“, sagt er. Bis auf seine Geburt hat er allerdings kaum Berührungspunkte mit der Kleinstadt, die rund 25 Kilometer südlich von Großbothen liegt. „Wir waren höchstens mal zum Einkaufen da, weil es im Bezirk Karl-Marx-Stadt manchmal Sachen gab, die wir im Bezirk Leipzig nicht bekommen haben.“ Oft nutzte die Familie damals die Zugverbindung entlang der Mulde, die inzwischen eingestellt worden ist.

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In Großbothen ist sein Vater Arnold, der 2014 verstarb, sein erster Vereinstrainer gewesen. „Bei mir hat sich das Leben immer draußen abgespielt“, erinnert sich Jens Härtel an seine fußballerischen Wurzeln in Großbothen. „Damals habe ich noch mit meinen Mitschülern auf dem alten Sportplatz neben der Kirche gespielt, manchmal auch heimlich am Rotsteg. Wenn die Glocken um 18 Uhr geschlagen haben, wussten wir, dass wir nach Hause müssen.“

Aus dem Hobby der Schüler entwickelte sich später die erste Kindermannschaft unter dem Dach der BSG Chemie Großbothen. „Geduscht und umgezogen haben wir uns damals immer im Schamottewerk.“ Härtels Talent wurde schnell erkannt, sodass es nach drei Jahren weiter zur BSG Motor Grimma und von da aus in die Fußballwelt der DDR ging. „Mein Vater hatte dann ein Haus gebaut und schnell wieder als Trainer aufgehört“, blickt Jens Härtel zurück und sagt, dass er zu dieser Zeit teilweise sogar für Leichtathletik-Wettkämpfe gesichtet wurde.

„Wollen grundsätzlich immer gewinnen“

Über den Fußball im Muldental ist er immer gut informiert. „Der FC Grimma spielt ja inzwischen in der Oberliga. Die Ergebnisse verfolge ich regelmäßig, wenn gespielt wird“, sagt er. Und auch mit dem FSV Grün-Weiß Großbothen stand er in den vergangenen Jahren ab und an in Kontakt. Im Jahr 2014 testete er als damaliger Trainer der U19 von RB Leipzig gegen die Muldentaler Männer in der Wintervorbereitung – und gewann 20:0. Zwei Jahre später vermittelte Jens Härtel als Trainer beim 1. FC Magdeburg ein Freundschaftsspiel zwischen den Großbothener Kickern und der Traditionsmannschaft des FCM. Thomas Frey, der ehemalige stellvertretende Vereinschef von Grün-Weiß Großbothen, erinnert sich noch genau: „Es war ein sehr schöner Tag. Schade war nur, dass Jens nicht selbst dabei war, da er einen Tag später ein Liga-Spiel mit Magdeburg hatte.“

Der heutige Coach von Hansa Rostock, Jens Härtel (mittlere Reihe Zweiter v.r.), begann in Großbothen mit dem Fußball.
Der heutige Coach von Hansa Rostock, Jens Härtel (mittlere Reihe Zweiter v.r.), begann in Großbothen mit dem Fußball. © privat

Frey hofft, dass der Aufstieg für Hansa Realität wird. „Wir sind stolz auf Jens. Ich schicke ihm ab und an auch Mails, dass sie es nun durchziehen sollen.“Auf die Frage, ob sich Jens Härtel vorstellen kann, nach der Pandemie einmal wieder in der Region zu einem Testspiel vorbeizuschauen – die Rostocker Hansa-Kogge hatte nach der Flut 2002 schon einmal in Grimma gastiert (und zeitgleich die zweite Rostocker Mannschaft in Kössern, wie Thomas Frey hinzufügt) – zeigt sich der Hansa-Coach aufgeschlossen. „Für ein einzelnes Testspiel werden wir die Strecke sicherlich nicht fahren, aber vielleicht kann man es ja beispielsweise mit einem Trainingslager verbinden.“

Nach Sachsen wird er bereits am Wochenende wieder kommen. Diesen Sonntag steht für Hansa das Spitzenspiel bei Dynamo Dresden an. „Das ist immer wieder ein besonderes Spiel. Eine Partie der zwei ostdeutschen Aushängeschilder nach der Wiedervereinigung“, sagt er. „Wir wollen grundsätzlich immer gewinnen, wissen aber, dass Dynamo viel Qualität hat.“

Ziel: Relegation vermeiden

Danach folgt das Heimspiel gegen seinen Ex-Klub 1. FC Magdeburg, den er vor drei Jahren in die 2. Bundesliga geführt hat. „Der FCM hat wieder Fahrt aufgenommen.“ Parallelen zu seiner Zeit an der Elbe möchte er diesbezüglich aber keine ziehen. „Klar, es sind nun sechs Spieler von damals wieder im Kader. Aber dennoch ist die Ausgangslage eine andere, weil sich die Liga noch einmal entwickelt hat und die Konkurrenzsituation eine andere ist.“ Der Coach rechnet dabei nicht nur mit dem FC Ingolstadt, sondern auch mit dem TSV 1860 München. Beide Kontrahenten sind noch in Schlagdistanz.

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Die Relegation möchte Härtel am liebsten vermeiden, denn damit hat er schlechte Erfahrungen gemacht: In seiner aktiven Karriere unterlag er im Jahr 2000 mit Union Berlin in der Aufstiegsrelegation zur 2. Bundesliga dem LR Ahlen. Im Mai geht es am letzten Spieltag zuhause wieder gegen den VfB Lübeck, dann um die letzten Punkte der Saison. Vielleicht gibt es für ihn und den FC Hansa Rostock dann einen Grund zum Feiern. Die Mama in Großbothen würde es mit Sicherheit freuen.