01. April 2021 / 15:09 Uhr

Wut, Enttäuschung, Unverständnis: So reagieren Leipziger Vereine auf erneuten Trainingsstopp

Wut, Enttäuschung, Unverständnis: So reagieren Leipziger Vereine auf erneuten Trainingsstopp

Tilman Kortenhaus / Antje Henselin-Rudolph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Freude war nur von kurzer Dauer. Leipzigs Sportanlagen bleiben wieder ungenutzt.
Die Freude war nur von kurzer Dauer. Leipzigs Sportanlagen bleiben wieder ungenutzt. © Christian Modla
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Seit Donnerstag ist für Leipzigs Nachwuchssportlerinnen und -sportler wieder alles beim unschönen Alten: Die Sportanlagen sind geschlossen und bleiben es auch bis mindestens zum 18. April. Die Reaktionen der Vereine schwanken zwischen Wut, Enttäuschung und Unverständnis. Das Trainingsglück der Talente hielt nur etwas mehr als zwei Wochen. Wir haben uns umgehört.

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Leipzig. Für Stephan Schmidt war es ein schwerer Gang: Am Donnerstagvormittag schloss der Vorsitzende der SG Rotation 1950 das Vereinsgelände in Gohlis erst einmal wieder ab. Tags zuvor hatte die Stadt Leipzig eine Sperrung sämtlicher Außensportanlagen verfügt, vorerst bis zum 18. April. Das vom Freistaat Sachsen angekündigte, inzidenzunabhängige Training für Nachwuchssportler bis 18 Jahre im Freien, will die Kommune zunächst nicht gestatten. Grund ist die zu erwartende Überschreitung der festgelegten Grenze von 1300 Covid-19-Patienten auf Normalstationen in den Krankenhäusern des Landes.

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"Sportliche Aktivitäten werden in Illegalität abgedrängt"

„Ich bin bitter enttäuscht und muss das selbst auch immer noch verdauen“, so Schmidt. Nur rund zwei Wochen konnten sich die Mädchen und Jungen im Verein über ihre Rückkehr auf den Platz freuen. „Das Lachen wieder zu sehen und zu hören. Das war schön.“ Umso mehr schmerzt ihn nun der erneute Stopp. Wut macht sich breit. „Wir als Verein und auch ich persönlich nehmen die Pandemie ernst. Wir haben ein tolles Hygienekonzept. Wir wissen die Zahlen steigen. Trotzdem ist das Verhalten der Stadt für mich völlig unklar, wenn ich zeitgleich lese, dass Nordsachsen ab Dienstag das Training gestattet, schwillt mir der Hals dann doch ein bisschen.“ Im dortigen Landkreis lag die Sieben-Tages-Inzidenz laut Robert-Koch-Institut am Donnerstag bei 229, in Leipzig bei 111.

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Die Nachwuchsspieler von Lok Engelsdorf genießen es, nach der langen Wartezeit endlich wieder gegen den Ball zu Kicken. Zur Galerie
Die Nachwuchsspieler von Lok Engelsdorf genießen es, nach der langen Wartezeit endlich wieder gegen den Ball zu Kicken. ©

Was Schmidt vor allem ärgert: „Mit der Entscheidung werden sportliche Aktivitäten wieder in die Illegalität abgedrängt. Denn natürlich treffen sich viele dann auf irgendwelchen Plätzen, trainieren und spielen gemeinsam. Da gibt es dann keine Abstände, kein Konzept, keine sanitären Anlagen, niemanden der ein Auge drauf hat. Das kontrolliert im Verein zu machen, wäre da wohl doch deutlich besser.“

Reichlich Wut im Bauch hat auch Oliver Gebhardt. Der Vize-Präsident des Fußball-Verbandes der Stadt Leipzig war als Stadtrat (Die Linke) am Donnerstag einer der Ersten, der die Hiobsbotschaft entgegennahm, die Oberbürgermeister Burkhardt Jung zunächst in der Ratsversammlung verkündete. Gebhardt wurde im Anschluss deutlich: "Ich bin zutiefst enttäuscht und wütend, dass wir Kinder und Jugendliche wieder verstärkt isolieren und der Sport erneut zum Stillstand kommt. Während Urlaub auf Mallorca erlaubt ist, müssen wieder die Jüngsten die zahllosen Fehler der Landes- und Bundespolitik ausbaden. Eine schreiende Ungerechtigkeit!"

Ständiges Hin und Her

Die kurzfristige Entscheidung aus dem Stadtrat trifft nur auf wenig Verständnis in den Vereinen. Vom einen auf den anderen Tag mussten alle Trainingseinheiten abgesagt werden, eine Nachricht die vielen Kindern die Tränen in die Augen trieb. „Ich habe am Mittwoch noch ein Ostertraining mit den Kids gemacht und musste ihnen im Anschluss leider sagen, dass wir uns jetzt wieder mehrere Wochen nicht sehen können. Die Enttäuschung war riesig“, so Lars Henkel. Der Kleinfeldkoordinator des Leipziger SC hatte in den vergangenen zwei Wochen mit seiner U9 vor allem auf Teambuilding gesetzt. „Das Miteinander innerhalb der Mannschaften leidet sehr darunter. In den letzten zwei Wochen haben sich die Jungs endlich wieder treffen können, die Freundschaften verfestigt – jetzt werden sie wieder auseinandergerissen“ , kritisiert der Coach und ergänzt mit Blick auf seine 15 Nachwuchsspieler: „Wir können jetzt nur hoffen, dass die Kinder trotzdem bei der Stange bleiben.“

Die Nachricht traf auch die Leichtathleten von der SG Motor Gohlis-Nord Leipzig (MoGoNo) völlig unvorbereitet. „Wenn wir das unter der Überschrift ,April, April‘ abtun, ist das akzeptabel. Ansonsten ist das in keinster Weise sinnvoll oder verständlich“, sagt Tasso Hanke. Für den Abteilungsleiter der Leichtathleten ist der erneute Lockdown für die Sportanlagen ein Schock. „Frau Köpping hatte sich doch noch in der letzten Woche dazu geäußert, dass die kontaktarmen Sportarten unabhängig von der Inzidenz weitergeführt werden können“, so Hanke, den das ständige Hin und Her der Politik stört. In den vergangenen drei Wochen habe es bei MoGoNo keinen einzigen positiven Fall gegeben.

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Es geht wieder los: Die Mädchen und Jungen der SG Motor Gohlis-Nord haben im Stadion des Friedens ihr Training aufgenommen. Zur Galerie
Es geht wieder los: Die Mädchen und Jungen der SG Motor Gohlis-Nord haben im Stadion des Friedens ihr Training aufgenommen. © Christian Modla

"Den Sport hinten anzustellen, ist der falsche Weg"

Abstände, Kontaktverfolgung, Fragebögen und Selbsttests wurden organisiert und eingehalten – dennoch ist nun wieder Schluss mit dem Training. „Dass in einzelnen Kreisen unterschiedlich gehandelt wird und in Nordsachsen Lockerungen kommen sollen, das versteht doch wirklich keiner mehr“, so Hanke, der in den vergangenen Wochen alle Hände voll zu tun hatte, um den Nachwuchs wieder auf den Platz zu holen. Die traurige Erkenntnis beim ersten Training: „Wir mussten bei vielen, die wir vor ein oder zwei Jahren als Talente zu uns geholt haben, wieder bei Null anfangen.“

„Das gesündeste, was es für Kinder derzeit gibt, ist es doch, an der freien Luft Sport zu treiben“, gibt Lutz Lehmann zu bedenken, dem es bei der schlechten Nachricht etwas die Sprache verschlagen hatte. „Dass die Schulen nach den Ferien wieder öffnen, aber die Kinder keinen Sport im Freien treiben dürfen – da muss ich eigentlich gar nichts zu sagen“, so der Präsident von Lok Engelsdorf. Auf den Sportplätzen sei viel Platz um Abstand zu halten und die strengen Hygienekonzepte durchzusetzen. Klassenzimmer hingegen hält Lehmann für eine deutlich größere Gefahr. „Die Politik muss jetzt endlich konsequent werden. Wenn sie etwas erreichen wollen, dann müssen sie auch die Schulen und Kindergärten dichtmachen. Aber nur den Sport hinten anzustellen, ist der falsche Weg.“