27. April 2021 / 17:34 Uhr

Wut und Enttäuschung bei RB Leipzigs Fans: "Man fühlt sich ein bisschen verarscht"

Wut und Enttäuschung bei RB Leipzigs Fans: "Man fühlt sich ein bisschen verarscht"

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
RB Leipzigs Fans freuen sich - natürlich - nicht über den Abgang von Julian Nagelsmann.
RB Leipzigs Fans freuen sich - natürlich - nicht über den Abgang von Julian Nagelsmann. © GEPA pictures / Getty Images
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Als die ersten Gerüchte aufkamen, dass der FC Bayern an RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann interessiert sei, glaubten viele RB-Anhänger nicht, dass sich der 33-Jährige tatsächlich vom Rekordmeister locken lässt. Wenige Tage später breitet sich der Unmut über den nun bestätigten Wechsel des Bullen-Coaches an die Säbener Straße spürbar aus.

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Leipzig. "Man fühlt sich ein bisschen verarscht." So fasst Tobias Hohensee vom Fanclub Red Campus die Geschehnisse der vergangenen Tage, die zur Hammer-Nachricht am Dienstag führten, zusammen: RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann wechselt zum 1. Juli 2021 zum Rekordmeister FC Bayern München. Und das nachdem er mehrfach beteuert hatte, dass es keine Gespräche mit den Münchnern gegeben habe. „Es ist ja der Wahnsinn. Dass alles so schnell kam, war total überraschend“, sagt der Mitbegründer des Studenten-Fanclubs mit bitterer Ironie.

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"Gerade etwas geschockt"

„Dass er irgendwann zum FC Bayern wechselt, oder dass das schon immer sein Wunsch war, finde ich völlig legitim. Er hat ja Familie dort. Ich wünsche ihm persönlich alles Gute. Einige im Fanclub sehen das anders, weil sie traurig und genervt sind.“ Hohensee selbst sei ein Freund klarer Worte und so sei auch die Stimmung bei Red Campus. Er habe sich ein bisschen mehr Ehrlichkeit von Nagelsmann gewünscht. „Auch wenn noch keine Entscheidungen getroffen wurden, hätte er sagen können: ‚Wenn sich der FC Bayern bei mir melden sollte, würde ich mehr als nur darüber nachdenken.ʻ So offen kann man sein.“

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Bei den Zuchtbullen hingegen hat sich viel mehr als nur Überraschung verbreitet: „Wir sind auf Grund der letzten Nachrichten gerade etwas geschockt und von dem Einen oder Anderen auch sehr enttäuscht“, sagt Marcus Demny. „Wir hoffen, dass nicht noch mehr Hiobsbotschaften kommen und die Auflösungserscheinungen gestoppt werden. Aber es gibt ja leider noch diverse Gerüchte, was Abgänge von Leistungsträgern angeht.“ Generell sehen die Zuchtbullen die Entwicklungen mit Blick auf das Rest-Programm wenig positiv. „Die Saison ist damit für uns gelaufen. Mit einem Erfolg rechnen wir auch nicht mehr. Spannend bleibt die Frage, wie es kommende Saison weiter geht. Bayern hat sich natürlich wieder die Besten aus der Liga geschnappt und der Rest wird hinterher trappeln.“

"Leugnen und Abstreiten irritiert"

Gemischte Gefühle gibt es bei den Holy Bulls: „Vor allem wegen des Zeitpunkts vor unserem wichtigen DFB-Pokal-Halbfinale aber auch wegen der Umstände“, sagt Vorsitzender Olaf Olschewski, der sich vergangene Woche noch gar nicht vorstellen konnte, dass Julian Nagelsmann nach dieser Saison RB verlässt. Da sagte er noch: „Wenn einer nicht geht, dann ist es er.“ Dennoch hegt Olschewski keinen Groll: „Wenn man es realistisch betrachtet, kann RB Leipzig froh sein, dass sie diesen Trainer überhaupt hatten. Er ist ein Ausnahmetrainer, der seinen Talent-Status nun hinter sich gelassen hat, indem er zum FC Bayern geht. Er wird mal ein ganz Großer seiner Zunft. Wir wollen uns freuen, dass er hier war und wünschen ihm alles Gute.“

Einen anderen Umgang hätte er sich allerdings gewünscht. „Man muss ihm auf den Weg mitgeben, dass etwas mehr Klarheit und Respekt vor den Fans, nicht geschadet hätten. Dieses Leugnen und Abstreiten, wenn eh schon alles gelaufen ist, irritiert doch einigermaßen.“ RB sei nun zu wünschen, dass sie einen guten Nachfolger finden, sagt Olschewski. „Jesse Marsch ist sicherlich ein guter Mann, und es geht auch sicherlich mit ihm gut weiter. Aber ein wirklicher Trophäensammler wird dieser Verein wahrscheinlich nicht mehr werden. Wir bleiben trotzdem dankbar und stehen auch weiterhin hinter unserem Verein.“ Was die Spieler angeht, befüchtet Olschewski keine negativen Reaktionen. „Sie werden ins DFB-Pokalfinale einziehen, da bin ich sicher.“

Oliver Lipp von den Vollzahlern hat wenig Verständnis. „Ich hätte ihn schlicht nicht gehen gelassen“, sagt er. „Er könnte auch in vier Jahren noch Bayern-Trainer werden.“ Die Meisterträume hätte sich Nagelsmann auch in Leipzig erfüllen können. „Es ist klar, dass die Leute sauer sind.“ Ob sich die Entscheidung auf die Leistung des Teams in den letzten Spielen bis Saisonende auswirken wird, mochte Lipp nicht einschätzen.

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"Messlatte ist der DFB-Pokal"

Bei den MegaBullen entwickelten sich am Dienstag rege Diskussionen, berichtet Vorsitzender Alexander Götze. „Also, jetzt wo es wahr geworden ist, macht sich bei mir schon eine große Enttäuschung breit! Ich hätte von J. N. dieses Verhalten nach zwei Jahren nicht erwartet“, habe ein Fanclub-Mitglied in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe geschrieben. „Schade für uns Fans, dass Bayern jetzt die nächsten fünf Jahre Meister wird.“

Götze selbst sieht das ähnlich: „Dass Nagelsmann in Leipzig nicht in Rente geht, war jedem klar. Seinen Traum, die Bayern zu trainieren, hätte er aber sicher auch in zwei oder vier Jahren verwirklichen können – er ist nun wirklich jung genug“, sagt der MegaBullen-Vorsitzende. „Seinen Vertrag in Leipzig zu erfüllen, um mit dem RBL den Titel zu holen, hätte auch von Charakter und nicht nur von seinem Ehrgeiz gezeugt.“ Der Mannschaft traut er auch nach dem personellen Erdbeben einen erfolgreichen Saisonabschluss zu. „Nun muss sich zeigen, wie gut das Team wirklich zusammengewachsen ist und als Mannschaft Erfolg haben will. Die Messlatte hierfür ist ganz klar der DFB-Pokal.“