10. Juli 2021 / 06:00 Uhr

ZDF-Trio Mertesacker, Breyer und Kramer zieht EM-Bilanz: "Die UEFA hat eine riesige Chance vertan"

ZDF-Trio Mertesacker, Breyer und Kramer zieht EM-Bilanz: "Die UEFA hat eine riesige Chance vertan"

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Per Mertesacker, Jochen Breyer und Christoph Kramer blicken im gemeinsamen Interview auf die EM.
Per Mertesacker, Jochen Breyer und Christoph Kramer blicken im gemeinsamen Interview auf die EM. © Getty Images/IMAGO/Martin Hoffmann/Sven Simon/Moritz Müller (Montage)
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Das ZDF-Trio Jochen Breyer, Per Mertesacker und Christoph Kramer zählt zu den großen Gewinnern dieses Fußballsommers. Im exklusiven Dreier-Interview ziehen sie vorm Finale ihre EM-Bilanz. Die Rolle der UEFA während des Turniers betrachten sie kritisch.

Zwei Fußball-Weltmeister, ein erfahrener Moderator: Für die Kombination aus den 2014er-Helden von Rio, Per Mertesacker (36, Leiter der Arsenal Academy) und Christoph Kramer (30, als Profi aktiv bei Borussia Mönchengladbach), sowie Jochen Breyer (38) hat das ZDF während dieser EM viel Lob eingeheimst. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), spart das Trio dennoch nicht mit Kritik an der Europameisterschaft in Zeiten der Pandemie, und auch die Politik der UEFA bewertet das Trio kritisch.

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SPORTBUZZER: Wie fühlt man sich als TV-Europameister?

Kramer: Ich habe das Medienecho mitbekommen und es freut einen natürlich. Ich bin da ehrlich: Wenn alle doof finden würden, was wir da machen, würde ich es auch sein lassen. Das Wichtigste ist, dass es Spaß macht. Wir unternehmen auch abends was zusammen, mögen uns. Das ist wie in einer Fußballmannschaft – die Chemie muss stimmen.

Es wirkt mitunter so, als ob drei Kumpel Fußball schauen. Wann ziehen Sie in eine WG?

Breyer: Genauso fühlt es sich tatsächlich an. Als ob wir zu Hause auf der Couch sitzen und über das Spiel reden. Mir hat das Moderieren ehrlicherweise noch nie so viel Spaß gemacht wie mit den beiden. Wir sind auf einer Wellenlänge, es gibt keinerlei Eitelkeiten unter den Experten, das habe ich auch schon anders erlebt …

Kramer: Deshalb hoffe ich, dass wir bald endlich zusammenziehen. (lacht)


Medienkritik ist inzwischen vergleichbar mit Spielerbenotung. Nehmen Sie diese Bewertungen auch ähnlich ernst?

Kramer: Ich kann auf dem Platz am besten selbst einschätzen, ob ich gut oder Grütze gespielt habe. Daher bewerte ich die Noten in beiden Fällen nicht über. Als Experte sage ich ja nur meine Meinung und denke: Was soll daran falsch sein?

Mertesacker: Als Spieler ist es definitiv krasser, da die persönliche Bewertung sofort in Zusammenhang mit einem Ergebnis steht. Da habe ich mir deutlich mehr Gedanken gemacht. Als Experte schaut man eher auf die Gesamtsituation und auf das interne Feedback.

Ist Jochen Breyer für Sie eher Trainer, Mitspieler oder Sportdirektor?

Mertesacker: (lacht) Er ist unser Zehner, der Strippenzieher im Mittelfeld, der uns gut aussehen lässt. Umso besser seine Pässe sind, umso besser kann Chris wieder ins eigene Tor schießen oder ich mal ein Kopfballtor machen.

Kramer: Jochen hebt sich da definitiv von anderen Kollegen ab. Er kann mit seinen Fragen dafür sorgen, ob es eine gute Antwort gibt oder nicht und somit auch, wie gut die Sendung wird.

Sehen Sie sich auch so, Herr Breyer?

Breyer: Für mich sind die Experten immer wichtiger als der Moderator. Ich will mich nicht in den Vordergrund drängen. Vor allem, wenn die beiden in Interaktion gehen, sich gegenseitig aufziehen – das sind die schönsten Momente. Da kann ich mich zurücklehnen und hoffe, dass es noch ewig so weitergeht, weil es super für die Zuschauer ist. Was die beiden so besonders macht: Sie neiden sich nichts. Es ist wie auf dem Platz: es gewinnt die beste Mannschaft, nicht die mit den größten Namen.

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Kommen wir zur EM: Ist die Idee, trotz der Pandemie in elf Ländern zu spielen, aufgegangen oder war sie Käse?

Mertesacker: Schon eher Käse. (lacht) Ich habe mir schon ohne Corona die Wettbewerbsfrage gestellt. Die Schweiz musste beispielsweise zwischen Baku, St. Petersburg und Rom hin- und herfliegen, während die Italiener ihre drei Heimspiele entspannt in Rom austragen durften. Dann gab es hier 60 .000 Zuschauer mit vollen Kurven und dort 12 .000 Fans mit vier Metern Abstand – gaga. Diese EM während einer Pandemie so durchzuziehen, war aus meiner Sicht nicht nur grenzwertig, sondern drüber – zumal es vermutlich gesundheitliche Folgen für viele Menschen nach sich ziehen wird.

Breyer: Ich finde, dass einige Dinge auch aufgegangen sind. Die Dänen, die sonst niemals eine EM bekommen hätten, haben sich über ihre Heimspiele gefreut, die Holländer, die Schotten. Aber diese EM hat einfach zum falschen Zeitpunkt stattgefunden. Die Idee hätte ihren Charme entfaltet, wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Man hätte sie daher auf 2024 schieben sollen und die EM in Deutschland auf 2028.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des europäischen Fußballverbands UEFA, die wieder mal hart in der Kritik steht?

Mertesacker: Die UEFA hat eine riesige Chance vertan. Sie hat es verpasst, sich zu bestimmten gesellschaftlichen Themen klar zu positionieren. Man wollte sich nur auf den Fußball konzentrieren, was heutzutage nicht möglich ist. Dadurch hat man diverse Nebenkriegsschauplätze eröffnet, weil man schwierige Themen nicht – oder nicht ausreichend – behandelt hat.

Breyer: Die UEFA hätte endlich beweisen können, dass sie für ihre Werte auch einsteht und sie nicht nur auf Kapitänsbinden näht. Wenn man sich Respekt groß auf die Fahne schreibt, dann darf man den Dänen nicht nur zwei Alternativen geben, nachdem ein Spieler um sein Leben gekämpft hat. Dann muss man auch die Regenbogenfarben in der Münchner Arena zulassen, auch wenn es dem bisherigen Partner Victor Orbán nicht passt. So sind es Gratiswerte, die man nicht lebt – und das bringt niemandem etwas.

Welchen sportlichen Trend haben Sie bei diesem Turnier erkannt?

Kramer: Was mir aufgefallen ist – und das freut mich für mein Fußballherz: dass der wahre Fußball, nämlich der Ballbesitzfußball, sich durchgesetzt hat. Obwohl es zumindest in Deutschland nach 2018 hieß, diese Zeit sei vorbei. Deshalb war ich großer Fan der Spanier bei diesem Turnier. Sie, aber auch die Italiener, haben gezeigt, dass Fußballspielen sich durchsetzt, auch wenn man nicht den besten Kader oder die besten Einzelspieler hat – das fand ich schön.

Also spielen die Mentalität und der Teamgeist gar nicht so eine große Rolle für den Erfolg?

Kramer: Wenn du Erfolg hast, hast du auch Teamgeist. 2014 hieß es: Argentinien hat Messi, Portugal hat Ronaldo, Deutschland hat die Mannschaft. Damit sind wir Weltmeister geworden und jeder hat es geglaubt. Wenn wir aber – was durchaus möglich gewesen wäre – im Achtelfinale gegen Algerien rausgeflogen wären, hätte es geheißen: Argentinien hat Messi, Portugal hat Ronaldo, so einen brauchen wir auch. Chiellini und Bonucci werden jetzt völlig zu Recht abgefeiert für ihren Spirit, aber den hatten sie 2017 oder 2018 auch – und da war Italien nicht mal bei der WM. Deshalb ist es mir zu einfach zu sagen, wenn eine Mannschaft erfolgreich ist, liegt das am Teamspirit – es ist umgekehrt. Meine These lautet: Man kommt nicht über den Kampf in das Spiel, sondern über das Spiel in den Kampf. Mentalität wird immer das Wichtigste im Fußball bleiben, aber damit gewinnst du heute keine Spiele mehr – weil alle gewinnen wollen, die im Spielertunnel von Wembley stehen. Zumindest ist der Unterschied nur minimal.

Mertesacker: Was mir aufgefallen ist: dass die meisten Teams, die weit gekommen sind, wieder einen klaren Stürmer hatten, der zwei Verteidiger bindet – weg vom falschen Neuner. Es gefällt mir, dass Mannschaften wieder klar auf Spieler wie Lukaku, Kane, Immobile setzen. Das war übrigens eines unserer Probleme und hat gezeigt, was uns gefehlt hat.

Breyer: Mein Trend der EM war, dass der Fußball so politisch war wie noch nie zuvor. Die Verbände und Funktionäre wollen uns immer erzählen, dass der Sport nichts mit Politik zu tun hat. Aus meiner Sicht ist das ein Alibi, weil sie sich dann wegducken können, wenn es um diese Themen geht.

Mit zwei Weltmeistern müssen wir natürlich noch über Deutschland reden: Was muss passieren, damit die Nation spätestens zur Heim-EM 2024 wieder hinter der Mannschaft steht?

Mertesacker: Ich war ja schon 2006 dabei. Davor waren wir bei der EM 2004 krachend in der Vorrunde gescheitert. Jürgen Klinsmann hat es danach gnadenlos durchgezogen, den jungen Spielern vertraut und eine neue Mannschaft aufgebaut – die Rückschläge auf dem Weg zum Turnier hat er bewusst in Kauf genommen und stand nach dem 1:4 gegen Italien kurz vor WM-Beginn sogar zur Debatte. Doch zum Turnierstart waren wir bereit. Wir kennen diese Situation also. Hansi Flick ist die zentrale Figur, wir sollten ihm alle vertrauen.

Kramer: Ich mache mir da gar keine Sorgen, weil wir nach wie vor eine gute Mannschaft haben. Wir sollten nicht den Fehler machen und ein Turnier "abschenken" mit Blick auf 2024. Ein Jahr im Fußball ist so lang. Wie schnell es gehen kann, hat doch Italien gerade eindrucksvoll bewiesen.

Reicht es wirklich, wenn man ein paar Spiele gewinnt, oder ist nicht mehr kaputtgegangen zwischen den Fans und dem DFB?

Mertesacker: Es wird immer so sein, dass der sportliche Erfolg das Wichtigste ist. Wenn wir die Spiele gewinnen und guten Fußball spielen, kommen die Fahnen wieder raus und die Mannschaft wird bedingungslos unterstützt – egal, wer gerade Präsident ist oder was im Verband los ist. Und genau so soll es auch sein.