03. April 2020 / 06:00 Uhr

Ein halbes Jahr danach: Zehnkämpfer Niklas Kaul über WM-Gold und Olympia in Tokio

Ein halbes Jahr danach: Zehnkämpfer Niklas Kaul über WM-Gold und Olympia in Tokio

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Gewann in Doha überraschend Gold im Zehnkampf: Leichtathlet Niklas Kaul.
Gewann in Doha überraschend Gold im Zehnkampf: Leichtathlet Niklas Kaul. © Maja Hitij/Getty Images
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Auf den Tag genau vor einem halben Jahr schrieb Niklas Kaul Sportgeschichte. Bei der Leichtathletik-WM in Doha krönte er sich zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte. Im SPORTBUZZER-Interview blickt er zurück auf die WM und erklärt, warum die Olympia-Verschiebung für ihn von Vorteil ist.

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Genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem Niklas Kaul Sportgeschichte geschrieben hat. Am 3. Oktober krönte er sich für alle vollkommen überraschend bei der Leichtathletik-WM in Doha zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte. Ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit holte er als erster bundesdeutscher Zehnkämpfer Gold. Im SPORTBUZZER-Interview blickt er zurück auf den verrückten Wettkampf, spricht über seine Emotionen und erklärt, warum die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio für ihn von Vorteil ist.

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SPORTBUZZER: Herr Kaul, wissen Sie noch, welche Gedanken Ihnen nach dem Zieldurchlauf über die 1500 Meter durch den Kopf geschossen sind?

Niklas Kaul (22): In dem Moment, in dem ich über die Ziellinie gelaufen bin, habe ich nichts gedacht. Es ist einfach schlagartig ein großer Druck abgefallen. Begriffen habe ich das, was da gerade passiert ist, erst nach ein, zwei Minuten, als ich auf dem Boden lag. Erst als ich auf die Ehrenrunde gegangen bin, habe ich wirklich verstanden, dass ich Weltmeister bin.

Können Sie noch sagen, wann Sie erstmals über die Goldmedaille nachgedacht haben?

Ich wusste, dass ich in den abschließenden beiden Disziplinen – dem Speerwurf und über die 1500 Meter – noch nie so gut drauf war. Ich hatte deshalb schon im Kopf, dass es mit einer Medaille klappen kann. Gedanken an Gold hatte ich dann erst nach dem Speerwurf, als ich 79 Meter geworfen habe. 72 Meter hätten wahrscheinlich schon nicht mehr gereicht.

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Können Sie Ihre Emotionen während des gesamten Wettkampfs noch beschreiben?

Es war ein komischer Wettkampf für mich. Mein Saisonziel war ja eigentlich die U23-EM. Bei der WM sollte ich nur Erfahrung auf dem Weg nach Tokio sammeln. Deshalb bin ich entspannt in den Wettkampf gegangen. Am ersten Tag war so weit auch alles in Ordnung, eine wirklich gute Disziplin hatte ich aber nicht. Das war für mich ein Wettkampf, der dahingeplätschert ist. Die anderen waren zudem sehr stark am ersten Tag, und ich war im hinteren Mittelfeld. Ich hatte mir keine Gedanken gemacht, was vorn passiert. Ich wusste zwar, dass mein starker Tag der zweite ist – aber dass es so weit nach vorn geht, hätte ich nicht gedacht. Das war aber gut, weil ich in den zweiten Tag entspannt reingegangen bin.

Ihr großer Vorteil.

Ich habe mich auf jede Disziplin gefreut. Deshalb war ich wirklich locker, und es hat alles super funktioniert. Ich habe aber weiterhin keinen Gedanken an Gold verschwendet. Als ich beim Stabhochsprung bis kurz vor Schluss noch gesprungen bin, hatte ich dann doch mal angefangen nachzurechnen. Gold war aber nie im Blick.

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In Doha haben Sie auch davon profitiert, dass die Konkurrenz gepatzt hatte. Sind Sie deshalb ein glücklicher oder ein verdienter Weltmeister?

Auf jeden Fall ein verdienter Weltmeister. Wenn man die Punkte nachrechnet, hätten Davon Williams und Lindon Victor weniger Punkte gemacht. Alle anderen Topleute bis auf Kevin Mayer sind durchgekommen. Das macht den Zehnkampf aus: Du musst bis zur letzten Disziplin durchkommen. Es nützt nichts, der Beste der Welt zu sein, wenn du drei ungültige Versuche hast.

Wie war der Moment für Sie, als dann endlich die Medaille um den Hals gehängt wurde?

Es war ein sehr persönlicher Moment, in dem für mich alles ganz real wurde. Ich hatte vorher nicht mal fünf Minuten Zeit, den Wettkampf zu realisieren. Da wurde mir erstmals so wirklich klar, was ich eigentlich erreicht habe.

Sie sind danach in vielen TV-Shows aufgetreten, sind omnipräsent gewesen. Haben Sie das alles genossen?

Es hat viel Spaß gemacht. Ich hatte ohnehin nur das gemacht, auf was ich Lust hatte. Ich wollte einfach diese Momente genießen. Ich hatte mir gesagt, dass man solche Momente vielleicht nur einmal im Leben erlebt. Zusätzlich ist es für die Leichtathletik gut, wenn sie mal im Fokus steht. Wir hatten ja auch noch Malaika Mihambo, die Gold im Weitsprung gewann. Die Bühne wollte ich nutzen, um den Sport zu präsentieren, der mich so glücklich macht.

Kaul: Olympiaverschiebung ein Vorteil

Nun ist Ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele jäh gestoppt worden. Wie haben Sie die Entscheidung der Verschiebung aufgenommen?

Ich war erleichtert. Wie wir aktuell trainieren, hat nichts mit dem Training zu tun, was wir normalerweise zu diesem Jahreszeitpunkt machen würden. Das war für den Kopf nicht leicht. Auf der anderen Seite hatte ich mich natürlich auf die Spiele in diesem Jahr gefreut. Ich hatte sogar schon TV-Projekte abgedreht in Vorbereitung auf die Spiele. Die Situation ist für die gesamte Gesellschaft ärgerlich – wirtschaftlich und privat. Da steht der Sport natürlich hinten an, auch wenn da Existenzen dranhängen. Da geht es nicht mal nur um die Sportler, sondern um Vereine und Mitarbeiter. Wichtig ist aber die Gesundheit.

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Das IOC und Japan als Gastgeberland haben die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. Der SPORTBUZZER hat dazu internationale Pressestimmen gesammelt. ©

Was bedeutet es für Sie persönlich – Sie waren ja richtig drin in der Olympiavorbereitung?

Durch die Verschiebung kann ich nun an meinen offensichtlichen Schwächen arbeiten. Es ist ein Vorteil, weil ich noch relativ jung bin. In manchen Disziplinen brauche ich noch Zeit und Technikarbeit. Die Zeit dafür ist jetzt da, und es geht darum, wer die Zeit bis Tokio 2021 am besten nutzt. Alle Athleten können derzeit schließlich nicht normal trainieren. Was das am Ende in Platzierungen bedeutet, kann ich nicht beeinflussen. Je mehr Punkte ich aber machen kann, desto besser wird das Ergebnis. Ich werde auf jeden Fall alles dem Ziel Tokio unterordnen. Da zählt es.