21. April 2020 / 10:27 Uhr

Zierbrunnen oder Stadion: Für Dynamo Dresdens Tempel brauchte es Überredungskunst

Zierbrunnen oder Stadion: Für Dynamo Dresdens Tempel brauchte es Überredungskunst

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Das Rudolf-Harbig-Stadion von einst wurde in eine moderne rundum geschlossene Arena verwandelt.
Das Rudolf-Harbig-Stadion von einst wurde in eine moderne rundum geschlossene Arena verwandelt. © dpa / Frank Müller
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Dynamo Dresden ohne das Rudolf-Harbig-Stadion? Unvorstellbar. Doch eigentlich sollte mit dem Geld für die erste Heimstatt der Schwarz-Gelben auf den Güntzwiesen andernorts ein Zierbrunnen gebaut werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es im Ostragehege bereits das 1919 eröffnete Heinz-Steyer-Stadion.

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Leipzig/Dresden. Dresdens Fußball-Epizentrum ist heute eindeutig das Rudolf-Harbig-Stadion, wo Dynamo Dresden vor allem ab den 1970er Jahren mit technisch feiner Klinge für volle Ränge sorgte und bis 1990 immerhin acht DDR-Meistertitel erspielte. Doch bevor sich Dynamo ab den 50ern in die Herzen der Fans spielte, war der Dresdner SC alias SG Friedrichstadt Platzhirsch in der Elbestadt, und zwar im Ostra-Gehege. Doch dazu später mehr.

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DURCHKLICKEN: Vom alten zum neuen Harbig-Stadion

2000: Dynamo Dresden und Borea Dresden teilen sich das Rudolf-Harbig-Stadion. Zur Galerie
2000: Dynamo Dresden und Borea Dresden teilen sich das Rudolf-Harbig-Stadion. ©

Wo Dynamo heute in einem modernen Fußballtempel für 32.000 Zuschauer kickt, überließ 1903 die Güntz’sche Stiftung der Stadt Dresden ein Areal. Daneben befand sich ein Ausstellungsgelände, weshalb der Sportplatz zunächst Ausstellungsstadion genannt wurde. Die Stiftung hatte zum Ziel, sogenannte Spielplatzanlagen zu fördern. Am 30. November 1922 beschloss die Stadt, auf den Güntzwiesen ein echtes Stadion zu errichten. Das Geld dafür kam aus der Stiftung des Geheimrates Ilgen, der damit eigentlich einen Zierbrunnen bauen wollte. Da die Landeshauptstadt davon jedoch schon reichlich besaß, konnten sie den edlen Spender überreden, das Kapital ins geplante Stadion zu lenken.

Die größere Arena stand im Ostra-Gehege

So wurde schließlich 1923 ein Stadion für 20.000 Zuschauer mit Laufbahn errichtet und erhielt den Namen Ilgen-Kampfbahn. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie in Rudolf-Harbig-Stadion umbenannt. Der Dresdner Leichtathlet hatte 16 Jahre lang den Weltrekord im 800-Meter-Lauf gehalten, war aber im Krieg gefallen. Da er Wehrmachtsoffizier war, passte er trotz seiner sportlichen Vita nicht recht ins Bild der DDR-Oberen, weshalb das Stadion 1971 in Dynamo-Stadion umbenannt wurde. Zeitzeuge Manfred Lohse schilderte den verklemmten Vorgang so: „Uns Journalisten wurde vor einem Oberliga-Spiel einfach gesagt, dass wir ab sofort den Namen Dynamo-Stadion zu verwenden hätten. Eine Erklärung oder offizielle Umbenennung gab es nicht. Man wollte kein weiteres Aufsehen, Harbig war wohl noch zu populär.“

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1986: Im Heinz-Steyer-Stadion steigt das nationale Sportfest Goldenes Oval. Das Stadion ist bis heute ein traditionsreicher Veranstaltungsort für Leichtathletik-Wettkämpfe. Zur Galerie
1986: Im Heinz-Steyer-Stadion steigt das nationale Sportfest "Goldenes Oval". Das Stadion ist bis heute ein traditionsreicher Veranstaltungsort für Leichtathletik-Wettkämpfe. ©

Im Januar 1957 hatte die Sportvereinigung Dynamo, gesponsert vom DDR-Ministerium des Innern, sprich der Polizei, die Trägerschaft des Stadions übernommen. Die größere Dresdner Arena war allerdings das im Krieg beschädigte DSC-Stadion, das als Heinz-Steyer-Stadion (benannt nach einem Antifaschisten) am Ostra-Gehege stufenweise aufgepeppt wurde. Davor hatten hier zuweilen bis zu 60.000 Zuschauer miterlebt, wie der DSC zu seinen deutschen Meistertitel von 1943 und 1944 strebte.

Nach dem Krieg war das dortige Oval für 45.000 zugelassen, besaß immerhin gleich zwei überdachte Tribünen und erlebte unter anderem das Länderspiel DDR gegen Wales (16. April 1969, ein 2:1 vor überfüllten Rängen). Ansonsten war es von 1950 bis 1957 Dynamos Heimstatt, danach jedoch die der Leichtathleten des SC Einheit und der Zweitliga-Kicker des FSV Lok Dresden. Mehrfach gab es zudem umjubelte Etappenankünfte der Friedensfahrt.

DDR-Stürmer Eberhard Vogel schirmt am 16.04.1969 im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion beim WM-Qualifikationsspiel gegen Wales den Ball ab. Die Gastgeber gewannen die Partie 2:1.
DDR-Stürmer Eberhard Vogel schirmt am 16.04.1969 im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion beim WM-Qualifikationsspiel gegen Wales den Ball ab. Die Gastgeber gewannen die Partie 2:1. © dpa

46 Millionen Euro für ein neues Stadion

Das Harbig-Stadion wurde derweil nach und nach auf bis zu 38.500 Plätze erweitert, weil Dynamo mit den Ballzauberern um Dixie Dörner, Hansi Kreische und Reinhard Häfner die Massen anzog. Auch große Europacup-Schlachten wie gegen den FC Bayern, den FC Liverpool oder den VfB Stuttgart wurden hier unter den markanten Flutlichtmasten, den berühmten 60 Meter hohen „Giraffen“, geschlagen, wenngleich es Dynamo nie in ein EC-Finale schaffte.

DURCHKLICKEN: Das 1:1 im UEFA-Cup-Halbfinale gegen Stuttgart

Am 19. April 1989  empfing die SG Dynamo Dresden im Halbfinale des UEFA-Cups den VfB Stuttgart. Zur Galerie
Am 19. April 1989 empfing die SG Dynamo Dresden im Halbfinale des UEFA-Cups den VfB Stuttgart. ©

Nach vielem Nachwende-Auf und Ab bauten Dynamo und die Stadt Dresden von 2007 bis 2009 an alter Stelle für 46 Millionen Euro ein neues, reines Fußballstadion. Wo es früher fast nur unüberdachte Plätze gab, finden nun ohne Zwischenrang 32.000 Besucher komfortabel überdachten Platz.

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<b>1. Das Eröffnungsspiel am 15. September 2009 gegen Schalke 04:</b>
Die Vorfreude ist riesig, als die Fans am 15. September 2009 in die neue Arena an der Lennéstraße strömen. Nach knapp zwei Jahren Bauzeit wird der neue Fußball-Tempel am Großen Garten mit einem Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Schalke 04 offiziell eröffnet. 32.000 Fans kommen und pfeifen Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) gnadenlos aus, als sie um 19 Uhr ihre Grußworte sprechen will. Sie wird dafür abgestraft, dass Stadträte ihrer Partei und auch einer ihrer Amtsvorgänger den Stadionneubau über Jahre verschleppt und so WM-Spiele 2006 in Dresden verhindert haben. Jetzt sind aber auch CDU-Politiker froh, dass das Stadion steht. „Der Fußball in Dresden erhält eine prächtige Heimstätte“, erklärt Sachsens Justizminister Geert Mackenroth. Dynamo-Präsident Hauke Haensel, auch CDU-Mitglied, dankt allen am Bau Beteiligten, aber auch Schalke, das ohne Antrittsgage gekommen ist. Kevin Kuranyi (27.) und Ivan Rakitic (54.) zeigen sich weniger gastfreundlich, bringen den Favoriten mit 2:0 in Führung. Maik Wagefeld lässt die trotzdem feiernden Dresdner Fans aber auch noch einmal Torjubel zelebrieren. Der Kapitän der Schwarz-Gelben, die diesmal in Schwarz spielen, versenkt in der 83. Minute noch einen Elfmeter für die Elf von Trainer Ruud Kaiser. Die Atmosphäre ist trotz der 1:2-Niederlage prächtig, Bengalfackeln und eine Lasershow der Extraklasse sorgen für unvergessliche Momente. Roland Kaiser singt seine Hits, Dresdens Fußballfans sind berauscht von einer glanzvollen Nacht. <b>Im Foto:</b> Die Mannschaften laufen vor einer tollen Choreographie ins fertige Stadion ein. Zur Galerie
1. Das Eröffnungsspiel am 15. September 2009 gegen Schalke 04: Die Vorfreude ist riesig, als die Fans am 15. September 2009 in die neue Arena an der Lennéstraße strömen. Nach knapp zwei Jahren Bauzeit wird der neue Fußball-Tempel am Großen Garten mit einem Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Schalke 04 offiziell eröffnet. 32.000 Fans kommen und pfeifen Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) gnadenlos aus, als sie um 19 Uhr ihre Grußworte sprechen will. Sie wird dafür abgestraft, dass Stadträte ihrer Partei und auch einer ihrer Amtsvorgänger den Stadionneubau über Jahre verschleppt und so WM-Spiele 2006 in Dresden verhindert haben. Jetzt sind aber auch CDU-Politiker froh, dass das Stadion steht. „Der Fußball in Dresden erhält eine prächtige Heimstätte“, erklärt Sachsens Justizminister Geert Mackenroth. Dynamo-Präsident Hauke Haensel, auch CDU-Mitglied, dankt allen am Bau Beteiligten, aber auch Schalke, das ohne Antrittsgage gekommen ist. Kevin Kuranyi (27.) und Ivan Rakitic (54.) zeigen sich weniger gastfreundlich, bringen den Favoriten mit 2:0 in Führung. Maik Wagefeld lässt die trotzdem feiernden Dresdner Fans aber auch noch einmal Torjubel zelebrieren. Der Kapitän der Schwarz-Gelben, die diesmal in Schwarz spielen, versenkt in der 83. Minute noch einen Elfmeter für die Elf von Trainer Ruud Kaiser. Die Atmosphäre ist trotz der 1:2-Niederlage prächtig, Bengalfackeln und eine Lasershow der Extraklasse sorgen für unvergessliche Momente. Roland Kaiser singt seine Hits, Dresdens Fußballfans sind berauscht von einer glanzvollen Nacht. Im Foto: Die Mannschaften laufen vor einer tollen Choreographie ins fertige Stadion ein. ©

Das Ostra-Gehege nutzt heute der Dynamo-Nachwuchs, weil der Platz an der Lennéstraße neben dem Harbig-Stadion nicht reicht. Im erst teilweise modernisierten Steyer-Stadion tummeln sich vor allem die DSC-Leichtathleten und haben dabei vielleicht Vorbilder wie Renate Stecher und Rosemarie Ackermann vor Augen, die hier Weltrekorde aufstellten. Auch DSC-Kicker sind hier wieder zuhause, wenngleich unterklassig.