21. November 2021 / 18:56 Uhr

Zoff mit Kollegen, Lob vom Boss: Wie Boateng versucht, seine Chef-Rolle bei Olympique Lyon auszufüllen

Zoff mit Kollegen, Lob vom Boss: Wie Boateng versucht, seine Chef-Rolle bei Olympique Lyon auszufüllen

Alexis Menuge 
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Jérôme Boateng wechselte nach Ablauf seines Vertrages beim FC Bayern ablösefrei zu Olympique Lyon.
Jérôme Boateng wechselte nach Ablauf seines Vertrages beim FC Bayern ablösefrei zu Olympique Lyon. © IMAGO / PanoramiC
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Jérôme Boateng versucht, die in ihn gesetzten Erwartungen als neuer Führungsspieler von Olympique Lyon mit Worten und Taten zu erfüllen. Dabei eckt der ehemalige Leistungsträger des FC Bayern München auch an. Der SPORTBUZZER blickt auf die Rolle des 33-Jährigen beim französischen Traditionsklub.

Knapp drei Monate nachdem er zu Olympique Lyon wechselte, ist Jérôme Boateng bereits der neue Boss beim französischen Traditionsklub. Zehn Jahre Bayern München prägten den Spieler, der bei der Demütigung vor zwei Wochen bei Stade Rennes (1:4) in der Ligue 1 für eine spektakuläre Szene sorgte: Beim Stand von 0:0 legt der Deutsche sich auf dem Rasen und vor laufenden Kameras heftig mit Kapitän Léo Dubois an - ohne seine Hand vor seinen Mund zu halten. Auf englisch beschimpfte Boateng seinen Kollegen mit wilden Gesten und warf ihm vor allem dessen mangelnde Disziplin nach eigenem Ballverlust vor. Dubois reagierte keineswegs sauer. "Es sind nur kleine Diskussionen auf dem Platz", sagte der Rechtsverteidiger im Nachhinein. "Jérôme ist ein großartiger Spieler, wir beide sind klug genug und wissen, dass es in diesem Moment wichtig war, uns dermaßen die Meinung zu geigen."

Doch es ging ein paar Minuten nach dem Schlusspfiff weiter, als er mit Mitspieler Ryan Cherki aneinander geriet und ihn anschrie: "Wer bist du? Du bist erst 18 und hast noch nie was gewonnen. Du musst mir mehr Respekt zollen." Spieler, Verantwortliche und Trainerstab schauten zunächst nur zu. Dann mussten ein paar Spieler die beiden Streithähne trennen, um die Eskalation zu vermeiden. Wie seine gesamte Mannschaft hatte der gebürtige Berliner in der Bretagne keinen guten Tag erwischt: Die Sportzeitung L'Équipe bewertete ihn mit der Note 2 (von 10 möglichen Punkten. In Deutschland also eine glatte 6).

Wenn er nicht ganz so aufbrausend ist, ergreift Boateng in der Kabine dennoch immer wieder das Wort und versucht, für eine Art Aufbruchsstimmung zu sorgen. Meistens auf englisch, dazu mit ein paar französischen Schlüsselwörtern. Eine Sprache, die er ein bisschen lernen konnte, als seine Nachbarn in der Bayern-Kabine noch Franck Ribéry oder Kingsley Coman hießen. Boateng will seinen neuen Kollegen unbedingt die Mia-san-Mia-DNA aus der bayrischen Landeshauptstadt einimpfen.

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Seine Aktion, als er sich nach der Pleite in Rennes öffentlich via Instagram bei den Anhängern von Olympique Lyon für die schwache Leistung entschuldigte, kam gut an. "Auch wenn er noch zu selten kontinuierlich sein komplettes Potenzial abruft, ist Boateng menschlich ein Gewinn für Lyon", meint Ex-Nationaltorwart und OL-Legende Grégory Coupet. "Von einem Spieler seiner Statur kann die Elf nur profitieren, insbesondere die jungen Talente, aber eben auch die Erfahrenen, die ja bisher nicht so oft die Champions League erreicht haben."

Lyon-Sportdirektor Juninho: "Er darf ruhig mal laut werden"

"Bei Jérôme hat man gleich am ersten Tag den Eindruck gewonnen, dass er sehr schnell der Leader in der Mannschaft werden will", frohlockt Lyons Sportdirektor Juninho. "Durch seine enorme internationale Erfahrung kann er unser Team definitiv weiterbringen, in Punkto Selbstbewusstsein, Einstellung und Ehrgeiz. Wir haben ihn nicht nur wegen seines spielerischen Potenzials verpflichtet, sondern auch wegen seiner starken Persönlichkeit. Er darf ruhig mal laut werden. Dass er bereits das Kommando übernimmt und klipp und klar seine Meinung abgibt, ist ein gutes Zeichen, dass er sich bei uns wohlfühlt und dass er ambitioniert ist."

In der Kabine der Lyonnais genießt Boateng ein hohes Ansehen. Als sein Team bei seinem allerersten Pflichtspiel gegen Straßburg (3:1) in Führung ging, wollte er unbedingt mit seinen neuen Kollegen mitfeiern und lief über das ganze Feld. Vor allem wollte er warnen: Bloß nicht abheben, besonnen bleiben. Anschließend machte er die Geste: "Jungs, alles spielt sich im Kopf ab, bleibt gierig."


An Sonntagabend steigt der Kracher gegen Olympique Marseille. Für die Gones (Spitzname der Lyonnais) geht es sportlich um viel: Ein erneuter Rückschlag würde bedeuten, dass die Qualifikation zur kommenden Königsklasse in weite Ferne rückt. Dann wäre fest davon auszugehen, dass JB27 wieder laut wird. Die Spieler von Trainer Peter Bosz sind gewarnt.